Rems-Murr-Kreis

Querdenken711-Demo in Stuttgart: Radikalisiert sich die Querdenker-Szene?

Querdenken Michael Ballweg Demo Stuttgart Querdenken711
Michael Ballweg, Kopf von "Querdenken711", bei einer Demonstration auf dem Cannstatter Wasen Ende Mai. © 7aktuell.de | Marc Gruber

Montagabend, 19. Oktober, Corona-Spaziergang in Waiblingen. Weiße „Querdenken“-Fahnen wehen am Alten Postplatz. Ein Mann mit Brille schiebt einen fahrbaren Lautsprecher durch die Gegend. In der Szene derer, die gegen die Corona-Maßnahmen protestieren, ist er eine kleine Berühmtheit. Sein Name: Heiko M.

Heiko M. kommt aus dem Großraum Waiblingen und war vor Jahren in den Youtube-Videos des Waiblinger Reichsbürger-Vereins „Freiheit für Deutschland“ zu sehen. Er sei aber nie Mitglied gewesen, betonte Heiko M. in der Vergangenheit.

Heute moderiert Heiko M. Livestreams von sogenannten Corona-Demos für den Youtube-Kanal des Schweizers Roger Bittel. Nebenbei betreibt er einen Telegram-Kanal, auf dem er Videos zum Thema Corona mit Sätzen ankündigt wie "Willkommen im KZ BRD“ oder "Hurra, der Faschismus ist wieder da. Wann rollen die Züge wieder?"

BKA warnte schon im Mai vor Radikalisierung

Bereits im Mai hatte das Bundeskriminalamt (BKA) vor einer zunehmenden Radikalisierung der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen gewarnt. Insbesondere aus dem rechten Lager gebe es Versuche, bürgerliche Proteste zu kapern, sagte BKA-Präsident Holger Münch damals.

Fünf Monate später gibt es auch in Deutschland und der Region immer noch regelmäßig Demonstrationen. Und so viel steht fest: Heiko M. ist nicht die einzige Person im Umfeld der „Querdenken“-Bewegung, die aufhorchen lässt.

Die Reichsbürger-Vergangenheit Stephan Bergmanns

In den vergangenen Monaten haben wir mehrfach über die Reichsbürger-Vergangenheit des „Querdenken711“-Sprechers Stephan Bergmann aus Althütte berichtet. Unseren Recherchen zufolge ist er Gründungsmitglied eines rechtsextremen Szene-Vereins mit Sitz in Schorndorf, der vom Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet wird.

Bergmann gab an, von dem Verein lange nichts mehr gehört zu haben. Weitere Anfragen ließ er bislang unbeantwortet. Auch Querdenken-Initiator Michael Ballweg antwortete bislang auf keine unserer Anfragen zu diesem Thema.

Nana „Lifestyler“ Domena: Podcast mit Rechtsextremisten

Stephan Bergmann ist nicht der Einzige im Team von „Querdenken711“, dem Kontakte in die rechtsextreme Szene vorgeworfen werden.

Nach Recherchen von „Correctiv“ nimmt der Moderator und „Anheizer“ von „Querdenken711“, Nana „Lifestyler“ Domena, seit Jahren einen Podcast mit dem rechtsextremen Musiker Frank Kraemer auf. 2019 soll er sich zudem mit dem Vorsitzenden der NPD getroffen haben. Ein weiteres Podcast-Format gestaltet Domena mit einem Mann aus dem Umfeld des Verschwörungsideologen Oliver Janich.

Janich, der auch schon bei einer „Querdenken711“-Demo in Berlin sprechen durfte, ist einer der bekanntesten deutschen Anhänger der „QAnon“-Bewegung. Er fordert Tribunale für Journalisten und Politiker und sagte in einem seiner Videos: „Viele der Leute, die heute an der Macht sind, gehören eigentlich aufgehängt.“


Zu einer Anfrage unserer Redaktion nahm Domena wie folgt Stellung: „Mein Projekt mit Frank Kraemer […] ist damals entstanden, aus dem ganz natürlichen Impuls heraus, verhärteten Fronten […] die Chance zu geben, mit viel Offenheit, Vorurteile und Diskrepanzen aufzulösen.“

In diesem Rahmen habe er im Oktober 2019 eine Talkrunde für das Projekt „Multikulti trifft Nationalismus“ veranstaltet, zu der er „politisch links- , politisch rechts -, und politisch ehr mittig-orientierte Menschen“ eingeladen habe. Als „in Deutschland lebender Holländer mit hochpigmentierter Haut“ sei er selbst schon oft angefeindet worden und habe herausfinden wollen, was dahintersteckt.

Von rechtsradikalem Gedankengut und der politischen Rechten distanzierte sich Domena in seiner Antwort.

Barde trat bei „Anastasia“-Bewegung auf

Nicht nur Mitglieder des Kernteams, auch die Personen auf der Bühne der „Querdenken“-Demonstrationen werfen zunehmend Fragen auf.

Bei der Demonstration auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart am 17. Oktober sorgte Jens Eloas „min Barden“ Lachenmayr für musikalische Untermalung. Ein Blick auf dessen Webseite offenbart, dass er 2009 und 2014 auf Veranstaltungen der rechtsesoterischen „Anastasia“-Bewegung auftrat.

Die Bewegung fußt auf der zehnbändigen russischen Buchreihe „Die klingenden Zedern Russlands“ und versucht seit längerem auch in Deutschland durch die Schaffung sogenannter „Familienlandsitze“ Fuß zu fassen. Burkhard Körner, Präsident des bayrischen Landesamtes für Verfassungsschutz, sagte in einem „BR“-Interview, die Ideologie der Bewegung enthalte völkische und antisemitische Elemente.

„Ich stehe in keinerlei Verbindung mit der ‚Anastasia‘ Bewegung, außer dass ich zweimal ein Konzert dort gegeben habe und einige Bücher dieser Reihe geschenkt bekommen habe, die ich dann auch gelesen habe“, schreibt Lachenmayr auf Nachfrage. Auch „Querdenken“ gehöre er nicht an.

Der Musiker tritt nach eigenen Angaben für verschiedenste politische wie unpolitische Gruppierungen aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens auf. „Da, wo meine Musik Gehör finden will, dort wird sie von mir gespielt.“

Bodo Schiffmann und Samuel Eckert auf „Corona-Info-Tour“

Zwei zentrale Akteure des „Querdenken“-Umfelds, die ebenfalls am Samstag (17.10.) auf dem Wasen zu Gast waren, touren aktuell mit einem Bus durch Deutschland: Dr. Bodo Schiffmann und Samuel Eckert. Während Eckert versucht, Kinder für die Bewegung zu rekrutieren, fällt Schiffmann vor allem mit immer radikaleren Aussagen auf.

Der Arzt, der in Sinsheim eine Schwindelambulanz betreibt, fiel bereits vor Monaten durch falsche oder irreführende Behauptungen zum Coronavirus auf. Mittlerweile leugnet er die Existenz des Virus komplett: „Kinder sterben, weil Sie Masken tragen gegen eine Erkrankung, die es nicht gibt“, behauptete er in einem seiner Videos unter Tränen – Belege dafür gibt es nicht.

In der Bundesrepublik Deutschland sieht Schiffmann eine „faschistische Diktatur“, sucht den Schulterschluss mit Verschwörungsideologen wie Attila Hildmann und ruft in seinen Videos dazu auf, die „Gangart“ zu verändern. „Ich bin ein extrem friedlicher Mensch, aber ich werde immer weniger friedlich.“

Militärputsch-Fantasien und Beleidigungen

In kürzlich veröffentlichten Videos denkt Schiffmann, der Politiker und Journalisten beleidigend „Kakerlaken“ nennt, vor laufender Kamera über einen Systemumsturz nach: „Mittlerweile würde ich mir wünschen, irgendjemand würde mal zwischendurch die Regierungsgeschäfte übernehmen, […] es wird hoffentlich auch bei der Bundeswehr Menschen geben, die klug genug sind, über solche Sachen nachzudenken.“

Auf eine Anfrage unserer Redaktion mit Bitte um Stellungnahme reagierte Schiffmann bis Redaktionsschluss nicht.

Experte: „Es muss alles immer schlimmer werden“

„Einige der führenden Köpfe der Szene radikalisieren sich derzeit, andere hatten schon vor der Pandemie Verbindungen in radikale bis extremistische Kreise“, sagt Johannes Hillje, Politikberater und Populismusexperte. „Die Aussagen von Bodo Schiffmann werden im Wochentakt radikaler und abwegiger.“ Der Arzt betreibe eine „angsteinflößende Desinformationskampagne“, so Hillje.

Eine solche Eskalationsspirale sei typisch für Personen, deren Status in der Szene auf Aufmerksamkeit beruht. „Es muss alles immer schlimmer werden, um die Daseinsberechtigung dieser Empörungsbewegung aufrecht zu erhalten.“

Gefährlich werde es, wenn zu Gewalt oder Umsturz aufgerufen wird, so Hillje weiter. „Selbst wenn die Redner das in letzter Konsequenz womöglich gar nicht ernst meinen, können dadurch Einzelne motiviert werden.“

Reichsflaggen im Chat

Ob sich derzeit die gesamte Szene radikalisiere, sei schwer zu sagen. Johannes Hillje: „Die Verbalradikalisierung mancher Rädelsführer wird einige Anhänger sicher beeinflussen, andere aber auch abschrecken.“

In einer Telegram-Chatgruppe von Querdenken-Anhängern aus dem Rems-Murr-Kreis werden jedenfalls weiterhin Videos von Bodo Schiffmann geteilt. Vereinzelt fallen auch im Chat selbst radikale Aussagen. Ein Nutzer mit Reichsflagge im Profilbild schrieb zuletzt: „Auch Regionalpolitdarsteller haben sich ihren Platz in Guantanamo gesichert.“ Lachendes Emoji. „Ob in 2 Wochen oder 20 Jahren, der Tag wird kommen.“

… und Michael Ballweg?

Was sagt der „Querdenken711“-Initiator Michael Ballweg zu all dem? Egal auf welchem Weg wir in den vergangenen Monaten versucht haben, Michael Ballweg zu kontaktieren – eine Antwort auf unsere Fragen blieb stets aus.

Statt die Gelegenheit zu nutzen, sich bei „Querdenken711“-Demonstration auf dem Cannstatter Wasen mit Kritik an den Personen des Umfelds der Initiative auseinanderzusetzen, lieferte der Mann, der Oberbürgermeister von Stuttgart werden will, nach eigener Aussage ein „Best of“ vergangener Reden.

Von Extremismus jeglicher Art distanzierte Ballweg sich auch diesmal und fragte per Handzeichen ab, ob Menschen „von Links“ oder „von Rechts“ anwesend seien. Nur legen die Recherchen unserer Redaktion und anderer Medien nahe: Das ist keine zielführende Methode – weder zur wirkungsvollen Abgrenzung von Verfassungsfeinden, noch zum Erfassen der Tragweite des Problems.

Montagabend, 19. Oktober, Corona-Spaziergang in Waiblingen. Weiße „Querdenken“-Fahnen wehen am Alten Postplatz. Ein Mann mit Brille schiebt einen fahrbaren Lautsprecher durch die Gegend. In der Szene derer, die gegen die Corona-Maßnahmen protestieren, ist er eine kleine Berühmtheit. Sein Name: Heiko M.

Heiko M. kommt aus dem Großraum Waiblingen und war vor Jahren in den Youtube-Videos des Waiblinger Reichsbürger-Vereins „Freiheit für Deutschland“ zu sehen. Er sei aber nie Mitglied

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