Rems-Murr-Kreis

Querdenker-Demos, "Spaziergänge" & Co.: Wie tickt das Corona-Protest-Milieu?

Montagsspaziergang
Ein "Montagsspaziergang" (Symbolfoto). © Benjamin Büttner

Eine Frage stellt sich während der Pandemie immer wieder neu: Wer sind die Leute, die gerade auf die Straße gehen, um – ob vorgeschoben oder nicht – gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren? Eine aktuelle Studie bringt etwas Licht ins Dunkel.

Pia Lamberty, Josef Holnburger und Maheba Goedeke Tort haben für CeMAS (Center für Monitoring, Analyse und Strategie) das „Protestpotenzial während der Corona-Pandemie untersucht“. Das Augenmerk lag dabei auf den Einstellungen der Protestteilnehmer. Die Ergebnisse sind bemerkenswert.

Ergebnis 1: Minderheit ja, aber hohes Protestpotenzial

Immer wieder wurde die Relevanz der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen diskutiert. Ist das nicht bloß eine kleine, lautstarke Minderheit? Die Studie kommt zu dem Ergebnis: jein.

Ja, der Anteil der Menschen, die an Protesten dieser Art teilnahmen, beläuft sich unter den Befragten auf 4,3 Prozent. „Die Protestbereitschaft und damit auch das Potenzial zur Mobilisierung liegt aber mehr als doppelt so hoch“, heißt es in der Studie. 11,1 Prozent der Befragten seien „auf jeden Fall oder eher bereit, an diesen Protesten teilzunehmen“.

Rechnet man noch die 7,1 Prozent der Befragten hinzu, die mit dem Gedanken spielen, ebenfalls teilzunehmen, wird deutlich: Wir sprechen hier durchaus von einem zahlenmäßig relevanten Teil der Bevölkerung.

Ergebnis 2: Impfstatus und Protestbereitschaft hängen klar zusammen

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es einen Zusammenhang zwischen Impfstatus und Protestbereitschaft gibt. „Unter ungeimpften Menschen gaben 69,2 Prozent an, an den Protesten […] (eher) teilnehmen zu wollen, während es bei geimpften Menschen […] nur 12,5 % waren.“ Und: Je mehr Impfungen eine Person erhalten habe, desto geringer ihre Protestbereitschaft.

Dass im Protestmilieu die Impfung eher abgelehnt wird, dürfte nun nicht sonderlich überraschen. Immerhin wird im Rahmen von Demos immer wieder gegen die Corona-Schutzimpfung gewettert. Aber eine empirische Grundlage für diese naheliegende Vermutung lag bislang nicht vor – und Überraschung ist nun mal keine Aufgabe der Wissenschaft.  

Ergebnis 3: AfD-Anhänger sind besonders protestbereit

Viel war in der Vergangenheit über die politische Verortung des Protestmilieus zu lesen gewesen. Bisherige Studien mit Daten aus dem Jahr 2020 kamen, grob zusammengefasst, zu folgendem Ergebnis: Die Protestierenden kommen teils von links, oder begreifen sich als Teil der „Mitte der Gesellschaft“, bewegen sich aber tendenziell nach rechts.

Die CeMAS-Studie kommt 2022 zum Ergebnis: Die Anhänger einer bestimmten Partei sind besonders protestbereit. Einer Partei, die mittlerweile offen zur Teilnahme an Protesten aufruft, deren führenden Köpfe teils mitlaufen oder gar selbst Proteste organisieren.

Schaut man sich die Protestbereitschaft im Zusammenhang mit der geäußerten Wahlabsicht an, ergibt sich folgendes Bild:

  • Potenzielle Wähler der Parteien CDU/CSU, SPD und Grüne zeigen jeweils zu über 80 Prozent keinerlei Protestbereitschaft. Spitzenreiter: Die Grünen mit 87 Prozent.
  • Auch der niedrigste Wert für eine „hohe Protestbereitschaft“ findet sich mit 7 Prozent bei Anhängern der Grünen.
  • Unter Anhängern der FDP (16,2 Prozent) und der Linken (17,6 Prozent) ist die „hohe Protestbereitschaft“ im Vergleich etwas stärker ausgeprägt – aber auch hier zeigt der überwiegende Teil der potenziellen Wähler (67,7 Prozent der FDP, 71,8 Prozent der Linken) keine Bereitschaft.
  • Unter AfD-Anhängern erklären 59,4 Prozent eine hohe Protestbereitschaft, 27,2 Prozent dagegen keine. Der Anteil der Protestbereiten liegt damit signifikant höher als bei allen anderen Parteien und ist selbst gegenüber den Nichtwählern, die nur zu 26,9 Prozent eine hohe Protestbereitschaft angaben, stark ausgeprägt.

Ergebnis 4: Wie weit her ist es mit der angeblichen Friedlichkeit?

„Ein ähnliches Muster zeigt sich bei der Aussage, dass die Zeit des friedlichen Widerstands vorbei sei“, heißt es in der Studie. 13,7 Prozent der Befragten stimmten dieser Aussage eher oder vollständig zu. Bei potenziellen Wählerinnen der AfD lag der Anteil der Zustimmung mit 28,6 Prozent am höchsten – und weit über dem Durchschnitt.

Ergebnis 5: Die Zustimmung zu Verschwörungserzählungen ist hoch

Was die Forschenden über die Zusammenhänge von Protestbereitschaft und Verschwörungsglauben herausgefunden haben, liefert belastbare Zahlen zu dem, was sich insbesondere in Bezug auf die Querdenker-Szene nun seit fast zwei Jahren beobachten lässt.

53,8 Prozent der Befragten mit hoher Protestbereitschaft stimmten der Aussage zu, dass das Virus absichtlich als gefährlich dargestellt werde, um die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Zum Vergleich: Bei Menschen mit niedriger Protestbereitschaft lag der Anteil mit 4,4 Prozent deutlich darunter.

43,7 Prozent der Protestbereiten glauben offenbar an von „Eliten“ verheimlichte Impftote (niedrige Protestbereitschaft: 4,9 Prozent). 37,6 Prozent der Protestbereiten halten NS-Vergleiche in Bezug auf Corona-Maßnahmen für angebracht (niedrige Protestbereitschaft: 3 Prozent). Und immerhin 24,2 Prozent, also fast ein Viertel der Menschen mit hoher Protestbereitschaft, stimmten folgender Aussage zu: „Dunkle Mächte nutzen das Virus, um die Welt zu beherrschen.“ Unter Menschen mit niedriger Protestbereitschaft waren es gerade einmal 2,5 Prozent.

Ergebnis 6: Telegram-Nutzung und Protestbereitschaft hängen zusammen

Dass hier auch der Messengerdienst Telegram als Hort der Verschwörungserzählungen und wichtigstes Kommunikationsmittel der Querdenker-Szene eine Rolle spielen dürfte, zeigt ein weiteres Studien-Ergebnis: „Je stärker Menschen insbesondere Telegram als Informationsquelle nutzen, desto eher waren sie auch bereit zu protestieren.“

Was sagt uns das? Ein Fazit

Wir halten fest: Die Protestierenden mögen nicht, wie sie selbst gerne für sich in Anspruch nehmen, „das Volk“ sein – aber das Mobilisierungspotenzial ist hoch. Mit der Formel „kleine, lautstarke Minderheit“ lässt sich die gesellschaftliche Dimension nur unzureichend beschreiben.

Protestierende sind tendenziell ungeimpft und weisen einen stark ausgeprägten Verschwörungsglauben auf. Wenn es eine Partei gibt, die eher von Menschen mit hoher Protestbereitschaft gewählt werden wird, dann ist es die AfD. Und: „Auf fast allen größeren Protesten aus dem Milieu konnte CeMAS eine Normalisierung rechtsextremer Positionen beobachten.“

Wie belastbar ist das alles? Die Datengrundlage

Die Studie steht statistisch gesehen auf soliden Füßen: Über 2000 Menschen wurden auf Grundlage standardisierter Fragebögen befragt. Die Befragten seien dabei so ausgewählt worden, dass sie nach Alter, Geschlecht und Bundesland die Gesamtbevölkerung widerspiegeln, heißt es in der Studie. Am Ende habe man Daten von knapp unter 2000 Menschen verwenden können. Die Studie darf damit nach wissenschaftlichen Kriterien als repräsentativ gelten.

Und: Die Forschenden haben ihre Expertise zur Querdenker-Szene, Telegram und Verschwörungserzählungen in wissenschaftlichen Arbeiten, Büchern, Analysen und Interviews bereits in der Vergangenheit unter Beweis gestellt.

Wie aussagekräftig ist das alles? Ein paar Einschränkungen:

Was ist Corona-Protest? Die (zugegebenermaßen schwer aufzulösende) Unschärfe der Begrifflichkeiten lässt viele Antworten, die in der Studie gefunden wurden, bis zu einem gewissen Grad deutungsoffen erscheinen. Das lässt sich kaum verhindern.

So mag jemand beispielsweise bereit sein, gegen Corona-Maßnahmen zu protestieren, aber die Proteste der Querdenker-Szene ablehnen. Oder sich an den sogenannten „Montagsspaziergängen“ beteiligen, aber sich nicht als Teil desselben Milieus wie die Querdenker-Szene begreifen.

Auch die Tatsache, dass es nach Meinung einiger Experten bei Querdenker-Demos seit längerem weniger um Corona, sondern vor allem um einen Sturz des politischen Systems geht, kann hier nicht in allen Schattierungen abgebildet werden.

Und, auch das ist wichtig: Die Studie ist eine Momentaufnahme. Die Befragung lief innerhalb kürzester Zeit, vom 17. bis 22. Januar 2022. Damit ist sie aktuell wie keine vergleichbare Erhebung und schließt eine wichtige Lücke.

Da sich das Protestgeschehen über zwei Jahre Pandemie immer wieder verändert hat, sind mit dem kurzen Erhebungszeitraum aber auch Einschränkungen verbunden. Entwicklungen und Trends lassen sich aus den Daten nicht ablesen. Doch: Die Studie ist Teil eines größeren Forschungsprojektes. Es werden also weitere Ergebnisse folgen.

Eine Frage stellt sich während der Pandemie immer wieder neu: Wer sind die Leute, die gerade auf die Straße gehen, um – ob vorgeschoben oder nicht – gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren? Eine aktuelle Studie bringt etwas Licht ins Dunkel.

Pia Lamberty, Josef Holnburger und Maheba Goedeke Tort haben für CeMAS (Center für Monitoring, Analyse und Strategie) das „Protestpotenzial während der Corona-Pandemie untersucht“. Das Augenmerk lag dabei auf den Einstellungen der

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