Rems-Murr-Kreis

Randale in Urbacher Asylunterkunft: Mutmaßlicher Messerstecher vor Gericht

Polizei
Symbolbild. © Benjamin Büttner

Das Stuttgarter Landgericht hat den Prozess gegen einen 26-Jährigen eröffnet, der am 18. Juni in einer Urbacher Asylbewerberunterkunft auf einen 23-jährigen Mitbewohner mit einem Küchenmesser eingestochen haben soll (wir berichteten). Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag.

Der Anklageschrift zufolge soll den lebensgefährlichen Messerstichen ein Streit vorausgegangen sein. Der Beschuldigte hat bislang noch nichts zum Tatvorwurf des versuchten Totschlags gesagt.

Das Opfer jedoch erzählte, es habe beim Angeklagten Haschisch kaufen wollen und es habe Zoff um den Preis gegeben. An die Worte „Ich bin Palästinenser“ konnte sich der 23-Jährige vor Gericht noch erinnern. Daran, dass zu ihm gesagt wurde „Du bist Pakistani“ ebenfalls.

Dem Beschuldigten aus Gaza legte Staatsanwältin Claudia Krauth zur Last, gegen 23 Uhr im ersten Obergeschoss des Gebäudes dreimal auf den Oberkörper des Opfers eingestochen zu haben. Einen weiteren Stich in den Bauch habe der pakistanische Staatsbürger mit der Hand abwehren können. Letzterer gab im Zeugenstand an, verletzt aus der Unterkunft hinaus zum Urbacher Rathaus gerannt zu sein. Dort habe er einen schätzungsweise 16- bis 17-jährigen Deutschen gebeten, die Polizei zu rufen.

Zurückgekehrt zu der Unterkunft sei er wegen seines Kindes, welches mit der Mutter in einem Zimmer gewesen sei. Der Polizei habe er den Messerstecher gezeigt.

Der Pakistani kam lebensgefährlich verletzt ins Krankenhaus.

Der Angeklagte wurde noch in derselben Nacht festgenommen und am Folgetag dem Haftrichter vorgeführt. Er kam ins Untersuchungsgefängnis Stuttgart-Stammheim. Bei den Angaben zur Person zeigte der Beschuldigte aus dem Gaza-Streifen der vom Gericht hinzugezogenen Rechtsmedizinerin Melanie Hohner aus Tübingen seine Verletzungen von Brandbomben im Gaza-Krieg. Auch ein Bruder von ihm sei im Krieg ums Leben gekommen und er habe als Halbwaise schon mit 14 Jahren arbeiten müssen, um die Familie zu ernähren, erzählte der Angeklagte.

Auch der 23-jährige Pakistani zeigte der Rechtsmedizinerin, wie er nach drei Messerstichen in den Oberkörper heute aussieht. Einen versuchten Stich in den Bauch konnte er mit der Hand abwehren, bevor er aus der Asylbewerberunterkunft flüchtete.

Beim Schauen, was das Gericht mit dem Angeklagten für einen Menschen vor sich hat, stellte der vorsitzende Richter Norbert Winkelmann fest, dass die Familie des jungen Mannes von einer Hilfsorganisation unterstützt worden sein muss. Der 26-Jährige wanderte als jüngstes Familienmitglied Ende 2018 alleine aus den palästinensischen Autonomiegebieten aus und kam über Ägypten, Griechenland und Italien nach Deutschland, wo er zunächst in Heidelberg untergebracht wurde, bis er nach Rudersberg und dann nach Urbach kam. Dort lebte er in einem Einzelzimmer und rauchte seinen eigenen Angaben nach vier bis fünf Joints am Tag. In Deutschland, sagte der alleinstehende, kinderlose Angeklagte, habe er sieben bis neun Monate lang zwei Stunden täglich als Reinigungskraft gearbeitet, um sich Kleider kaufen zu können, aber noch keinen Sprachkurs gemacht. Eigentlich hätte er eine Ausbildung machen wollen, doch durch die Haft sei sein ganzes Leben kaputtgegangen.

Nicht zum ersten Mal Haschisch kaufen wollen

Das Opfer erklärte im Zeugenstand, es habe am Tatabend nicht zum ersten Mal beim Angeklagten Haschisch kaufen wollen. An jenem Abend habe dieser ihn beleidigt, es sei zu einer Auseinandersetzung gekommen und andere Bewohner hätten sie auseinandergebracht. Als er in die Gemeinschaftsküche habe gehen wollen, um zu kochen, fuhr der Geschädigte fort, habe der Angeklagte plötzlich mit einem Messer dagestanden.

„Haben Sie gedacht, dass er sie töten will?“ Diese richterliche Frage bejahte das Opfer. Als der 23-Jährige gefragt wurde, ob er denn keine Angst davor gehabt hätte, wieder zu der Unterkunft in der Urbacher Austraße zurückzugehen, meinte er „Ich wollte zu meinem Kind“. Nach Aktenlage hat ihn einer der Mitbewohner mit dem Fahrrad gesucht, als er mit drei Messerstichen im Leib oben ohne in der Nähe des Rathauses und des Sportplatzes herumlief.

Zur Mutter seines Kindes hat er mittlerweile keinen Kontakt mehr, aber Telefonnummern von Leuten, die etwas von der Tat mitbekommen hätten, konnte er dem Gericht geben.

Das Stuttgarter Landgericht hat den Prozess gegen einen 26-Jährigen eröffnet, der am 18. Juni in einer Urbacher Asylbewerberunterkunft auf einen 23-jährigen Mitbewohner mit einem Küchenmesser eingestochen haben soll (wir berichteten). Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag.

Der Anklageschrift zufolge soll den lebensgefährlichen Messerstichen ein Streit vorausgegangen sein. Der Beschuldigte hat bislang noch nichts zum Tatvorwurf des versuchten Totschlags gesagt.

Das Opfer

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