Rems-Murr-Kreis

Ratlos vor dem Weinregal: Wie das neue deutsche Weinrecht uns Kunden beim Weineinkauf helfen will

Grand Cru vom Chateau Dauzac Margauz
Etikette,  Wahrheit und Schwindel: Was wirklich hinter den Etiketten steckt, wissen letztlich nur die Experten. © Habermann

Dass im Wein die Wahrheit liegt, wussten schon die alten Griechen. Doch was wir uns ins Glas einschenken, davon haben wir als Verbraucher nur eine ungefähre Ahnung. Nun soll das deutsche Weinrecht auf EU-Niveau angehoben werden und für „mehr Orientierung und Klarheit für die Verbraucher“ sorgen, so die Bundesregierung. Am Freitag hat der Bundesrat den Gesetzentwurf beraten. Am Donnerstagabend versuchte die FDP-nahe Reinhold-Maier-Stiftung, bei einem Expertengespräch in Fellbach uns Verbrauchern das neue Weinrecht näherzubringen. Es war mit einer Weinprobe verbunden, und so viel sei vorab verraten: Die Fellbacher Chardonnay, Riesling, Lemberger und Syrah waren hervorragend. Wie wahrhaftig die Etiketten sind - und künftig sein werden - und welcher Wein wirklich in den Flaschen steckt, sei einmal dahingestellt. Wir werden wohl noch viele Flaschen leeren müssen, um Schluck für Schluck der Wahrheit im Wein auf den Grund zu gehen.

Was sagen Land-, Qualitäts- und Prädikatswein überhaupt noch aus?

Einig waren sich die Experten, zwei Wengerter, ein Verbandsfunktionär und ein Weinprofessor, dass das aktuelle deutsche Weinrecht überholt ist. Schon vor über einem Jahrzehnt hatte die Europäische Union ein EU-weit geltendes Weinrecht auf den Weg gebracht. Doch Deutschland und seine Winzer scheuten die absehbaren Konflikte und ließen die Reform erst mal in den Kellern vor sich hingären. Jetzt drängt die Zeit, um sich von den althergebrachten Bezeichnungen wie Land-, Qualitäts- und Prädikatswein zu verabschieden.

Warum entscheidet ein hoher Zuckergehalt allein nicht über die Qualität?

Kein Grund, traurig zu sein, meinten die Experten. Sie beruhten auf dem schlichten Gedanken, je mehr Zucker in den Trauben desto besser hinterher der Wein. Kabinett, Spät- und Auslesen galten als die Krönung. Wie wenig aber die Oechslegrade über die Qualität aussagen, erläuterte der Fellbacher Wengerter Markus Heid an einem Beispiel. In einem Jahr habe er aus drei unterschiedlichen Lagen Trauben geerntet, die ungefähr dasselbe Mostgewicht hatten. Eigentlich hätte er die Weine zusammenschütten können. Doch nach einem halben Jahr im Fass entfaltete sich der Unterschied zwischen den Trauben aus seiner besten Lage Lämmler, die zudem ertragsreduziert waren, aus den guten und den durchschnittlichen Lagen. Fazit: „Auf die Lage kommt es an!“

Weshalb setzt die EU auf die geografische Herkunft als neues Qualitätsmerkmal?

Eben diese Lagen stellt das künftige Weinrecht in den Mittelpunkt: „Nun wird das System stärker auf die geografische Herkunft ausgerichtet. Das heißt: je genauer die Herkunft, desto höher die Qualität.“ So wie es Italiener, Franzosen und Spanier seit jeher tun. Für Markus Heid ist die Umstellung kein Problem. Sein Weingut gehört seit 2013 zum „Verband Deutscher Prädikatsweingüter“ (VDP), der sich der (hochpreisigen) Qualität verschrieben hat und dessen Flaschen ein stilisierter goldener Adler auf schwarzem Grund schmücken darf. Der VDP unterscheidet zwischen Guts-, Orts-, Ersten und Großen Lagen und hat damit die Grundidee des europäischen Weinrechts längst aufgenommen.

Wie kennzeichnen Weingüter und Genossenschaften ihre unterschiedlichen Qualitäten?

Thomas Seibold, der Vorstandsvorsitzende der Fellbacher Weingärtner, erwartet ebenfalls keine großen Probleme mit dem neuen Weinrecht. Wie viele Genossenschaften und Weingüter haben die Fellbacher ihre eigenen Qualitätsabstufungen geschaffen, die den Kunden höhere Preise erklären jenseits der Prädikate. Fellbach unterscheidet zwischen den Editionen C, S und P; die Remstalkellerei hingegen greift zu Sternen und schmückt ihre Premiumweine mit drei Sternen. Wie überholt das deutsche Weingesetz ist, zeigt die Tatsache, dass sowohl der vielfach ausgezeichnete Premium-Zweigelt der Remstalkellerei für fast 20 Euro ein „Qualitätswein“ (QbA) ist, wie auch ein einfacher Schiller für 4,50 Euro in der Literflasche.

Erik Schweickert ist Politiker, Weinprofessor in Geisenheim und stammt aus einer badischen Weingärtnerfamilie. Noch als FDP-Bundestagsabgeordneter hatte er 2009 den absehbaren Streit in der Weinwirtschaft miterlebt, nachdem die EU die Richtlinien verabschiedet hatte. Politik und Weinverbände versuchten, den Konflikt auszusitzen. Heute ist er für die FDP im baden-württembergischen Landtag und stellt kühl fest: „Wir müssen das System übernehmen.“

Kann das Remstal wie Chianti oder Rioja auch eine „Geschützte Ursprungsbezeichnung“ werden?

Aus seiner Sicht ist dies auch kein Fehler. Im Gegenteil. Der deutsche Wein brauche ein paar Tritte in den Hintern, um international wieder Fuß zu fassen. „Der Leidensdruck in der Weinbranche ist offenbar noch nicht groß genug“, sagt der Professor für Internationale Weinwirtschaft über die Widerstände. Er weiß: Vor allem die Württemberger mit ihren unzähligen Rebsorten werden sich mit „Geschützten Ursprungsbezeichnungen“ (G.U.) schwertun, wenn sie sich, ihre Region und ihre Lagen profilieren wollen. Ob es jemals eine G.U. „Remstal“ geben wird, dahinter setzte er ein Fragezeichen. Dafür sei die Anbaufläche wohl zu klein.

Im Supermarkt, also dort, wo der meiste Wein verkauft wird, hat der Kunde bei „Rioja“, „Chianti“ oder „Cotes du Rhone“ auf dem Etikett bereits eine Ahnung, was in der Flasche steckt. Über die Qualität klären die Ergänzungen „Cru“ oder „Grand Cru“ sowie exakte Lagenbezeichnungen auf. In Wahrheit, so Schweickert, machen es sich die Verbraucher am Regal aber viel viel einfacher. Wie Marketingstudien ergaben, fiele die Entscheidung schnell und in drei Kategorien: „Rot, Weiß, Preis“.

Dient eine G.U. dem Schutz der Verbraucher oder handelt es sich um Marketing?

„Geschützte Ursprungsbezeichnungen“ können Verbraucher jedoch auch in die Irre führen. Das zeigt ein „Schwarzwälder Schinken“, in dem nicht unbedingt eine Sau aus dem Schwarzwald steckt. G.U. dient hier vor allem dem Marketing der Lebensmittelindustrie. Die Produkte, die dieses Siegel tragen, müssen lediglich in einem festgelegten Gebiet nach bestimmten Kriterien erzeugt, verarbeitet und hergestellt werden.

In der stärkeren Betonung der Regionalität sehen sowohl Thomas Seibold wie auch Markus Heid eine Chance, die ihnen das neue Weinrecht bietet. Er hält es auch für keinen Fehler, dass sich die Württemberger bei einer G.U. „Württemberg“ womöglich von ihrer überbordenden Sortenvielfalt verabschieden müssten, damit Württemberg ein unverwechselbares Profil erhält. Er sei bei seinem Weingut davon abgekommen und setze auf weniger und vor allem traditionelle Sorten. Dennoch kredenzte Heid bei der Weinprobe einen mediterranen Syrah, den erst der Klimawandel ins Remstal trug. Der wird als „Großes Gewächs“ auch das neue Weinrecht überleben.

Dass im Wein die Wahrheit liegt, wussten schon die alten Griechen. Doch was wir uns ins Glas einschenken, davon haben wir als Verbraucher nur eine ungefähre Ahnung. Nun soll das deutsche Weinrecht auf EU-Niveau angehoben werden und für „mehr Orientierung und Klarheit für die Verbraucher“ sorgen, so die Bundesregierung. Am Freitag hat der Bundesrat den Gesetzentwurf beraten. Am Donnerstagabend versuchte die FDP-nahe Reinhold-Maier-Stiftung, bei einem Expertengespräch in Fellbach uns

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