Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kliniken beharren auf strenger Besuchsregelung auch bei Kindern

Krankenhaus
Der Haupteingang des Rems-Murr-Klinikums in Winnenden. © Benjamin Büttner

Ein Schock. Mit plötzlich auftretender halbseitiger Gesichtslähmung wird die siebenjährige Carolina (Name geändert) am 30. Juni im Rems-Murr-Klinikum in Winnenden stationär aufgenommen. Lange Tage des Leidens und des Bangens beginnen für die ganze Familie. Besucht werden darf Carolina trotzdem nur von einer Person pro Tag. Das schmerzt auch die beiden Geschwisterchen, die gerne mit ihr im Krankenzimmer gescherzt und gespielt, sie umarmt, ihr Trost gespendet hätten.

„Erklären Sie das mal einer Fünfjährigen und einer Zweijährigen, dass sie nicht zu ihrer geliebten Schwester ins Krankenhaus mitdürfen; die verstehen die Welt nicht mehr; unsere Carolina auch nicht, dass ihr Schwesterchen und ihr Brüderchen nicht kommen dürfen“, so der Vater gegenüber dieser Zeitung. An einem Sonntag warteten die Mutter und die kleinen Geschwister ganze drei Stunden vor dem Klinikum. Diskussionen und Telefonate mit dem Klinikpersonal, eine Ausnahme von der Besuchsregel (eine Person pro Tag) zu machen, hätten nicht gefruchtet. Der Vater kam auch im Krankenzimmer Carolinas in grundstürzende Erklärungsnöte. „Die Situation war unerträglich. Zumal die Diagnose auch völlig unklar war.“

Enttäuscht und traurig seien sie schließlich nach Hause gefahren. In den Folgetagen schrieb der Vater zwei lange Briefe an die Klinikleitung. Erinnerte diese an das dem Klinikum verliehene Qualitätssiegel „Ausgezeichnet. Für Kinder“. Beschrieb, wie sich die siebenjährige Carolina in diesen Tagen verändert hat. „Sie ist eigentlich eine Frohnatur, ein Sonnenschein. Will Prinzessin sein, will schön sein. Und jetzt ist ihr Gesicht schief. Sehr schrecklich und belastend für sie. Und ihre Familie durfte sie nicht zusammen besuchen“, so der Vater.

„Mir geht es nicht darum, das Klinikum schlechtzumachen. Auf der Kinderstation haben sich wirklich alle, Pflegekräfte und Ärzte, rührend um Carolina gekümmert. Wir sind sehr dankbar für den Einsatz der Beschäftigten. Die haben wirklich alles gegeben.“ Aber dass auch noch nicht einmal der Seelsorger ihres Vertrauens Carolina zusätzlich sehen durfte und stattdessen uneingeladen zwei Klinik-Clowns im Krankenzimmer auftauchten; und dass die Besuchsregeln im Klinikum trotz so niedriger Inzidenz unter zehn weiterhin „so streng“ seien – das sei nun wirklich unverständlich und der Genesung seiner Tochter abträglich, sagt der Vater.

Die Klinikleitung schrieb in einem Antwortbrief: „Sehr anschaulich haben Sie uns berichtet, wie sehr Sie und die gesamte Familie unter dem Klinikaufenthalt von Carolina leiden. Wir können verstehen, dass sich alle Familienmitglieder wünschen, ganz nah bei ... (Carolina) zu sein, um ihr die Zeit in der Klinik zu erleichtern. Als Akut-Klinik ist es jedoch unser vorrangiges Ziel, unsere Patienten und unsere Mitarbeitenden vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. Dabei sind wir als Klinikum an die Vorgaben des Bundesministeriums für Gesundheit und des Robert-Koch-Instituts gebunden. Eine Ausnahme der aktuellen Besucherregelung können wir nur in einzelnen Ausnahmen bei lebensbedrohlich erkrankten Patienten bewilligen.“

Die Besucherregelungen der Rems-Murr-Kliniken orientierten sich an der „Verordnung des Sozialministeriums zur Eindämmung von Übertragungen des Virus Sars-CoV-2 in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und vergleichbaren Einrichtungen“, erläutert Christoph Schmale, Sprecher der Rems-Murr-Kliniken, im Nachgang auf Nachfrage dieser Zeitung. „Die Inzidenzstufe eins (Inzidenz unter zehn), die Lockerungen bezüglich der sogenannten 1-1-1-Regel (ein Tag, ein Besucher, eine Stunde) zulässt, gelte im Rems-Murr-Kreis seit dem 8. Juli. „Um den Infektionsschutz unserer Besucher, Mitarbeiter und Patienten, die eine besonders vulnerable Personengruppe darstellen, gewährleisten zu können, wurde entschieden, von den Möglichkeiten des Hausrechts Gebrauch zu machen und mit einer weiteren Lockerung der Besuchsregelung vorerst abzuwarten“, sagt Christoph Schmale.

Die Klinik-Clowns seien Teil des Therapie-Teams, die zur Genesung der kranken Kinder mit ihrem Kreativ-Programm im Rahmen der professionellen Zusammenarbeit mit Pflegekräften und Ärzten eingesetzt werden. „Sie haben einen positiven Einfluss auf den Therapieprozess der jungen Patienten, was auch unterschiedliche wissenschaftliche Studien belegen. Als Dienstleister unterliegen sie auch den geltenden Testbestimmungen“, so Schmale.

Für bestimmte Patientengruppen gelten nach wie vor Ausnahmen:

  • Begleitung von Patienten in lebensbedrohlichen Zuständen oder sterbenden Patienten,
  • in Absprache mit dem Chefarzt oder dem Oberarzt,
  • Begleitperson bei Kindern,
  • Begleitperson zur Entbindung und nach der Geburt,
  • bei vom behandelnden Arzt begründeten Ausnahmen.

Da alle Besucher entweder geimpft oder getestet sein müssen, könnten hier keine zusätzlichen Sonderausnahmen gemacht werden, sagt Schmale.

Carolina ist mittlerweile wieder zu Hause im Kreise ihrer Liebsten. Der anfängliche Verdacht auf Borreliose hat sich nicht bestätigt. „Es ist offenbar ein entzündeter Gesichtsnerv“, so der Vater. „Sie ist aber Gott sei Dank und aufgrund von cortisonhaltigen Medikamenten auf dem Weg der Besserung. Die halbseitige Gesichtslähmung lässt langsam nach.“

Ein Schock. Mit plötzlich auftretender halbseitiger Gesichtslähmung wird die siebenjährige Carolina (Name geändert) am 30. Juni im Rems-Murr-Klinikum in Winnenden stationär aufgenommen. Lange Tage des Leidens und des Bangens beginnen für die ganze Familie. Besucht werden darf Carolina trotzdem nur von einer Person pro Tag. Das schmerzt auch die beiden Geschwisterchen, die gerne mit ihr im Krankenzimmer gescherzt und gespielt, sie umarmt, ihr Trost gespendet hätten.

„Erklären Sie das

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