Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kliniken: Krankenhaus-Neubau in Schorndorf für 100 Millionen Euro?

Klinik Schorndorf Rems-Murr-Klinikum Krankenhaus Symbol Symbolfoto
Die Klinik in Schorndorf (Symbolfoto). © Benjamin Büttner

Die Rems-Murr-Kliniken stehen brutal unter Druck – und doch vergleichsweise ausgezeichnet da. Die Coronakrise haben sie fulminant gut bewältigt – aber teilweise liegen die Nerven blank, von Streit zwischen Management und einigen Chefärzten ist zu berichten. Die Bilanz des Pandemie-Jahres 2021: Probleme über Probleme. Erfolgsgeschichten über Erfolgsgeschichten. Und der Standort Schorndorf bekommt womöglich einen Neubau: für rund 100 Millionen Euro ...

Der Neubau - eine Rückblende

Wenn der Kreistag im Jahr 2008 gewusst hätte, dass die epochale Investition für das Winnender Krankenhaus nicht das Ende des großen Geldausgebens sein würde, sondern erst der Anfang – dann hätte es damals keine politische Mehrheit für den Neubau gegeben. Fast alle Versprechen, die seinerzeit der Entscheidung zum nötigen Abstimmungs-Rückenwind verhalfen, sind geplatzt – und doch war der Schritt richtig. Wie das?

Von 266 Millionen Euro Kosten für den Neubau war einst die Rede. Dass daraus eher 300 wurden: Peanuts. Denn dann ging es weiter. Zu wenig Parkplätze: Eine Tiefgarage muss her. Der Standort Schorndorf muss weiterentwickelt werden: Auch das kostet einen Haufen Geld. Und und und. Wenn man alles zusammennimmt, was schon eingesetzt wurde und in den nächsten Jahren hinzukommt, reden wir nicht von 266 Millionen, sondern rund einer halben Milliarde Euro Investition, um die Rems-Murr-Kliniken zukunftsfit zu machen.

Wenn der Neubau erst mal steht, hieß es, würden die Kliniken so rentabel arbeiten, dass der laufende Betrieb genug abwürfe, um die Schulden zu bedienen. Kokolores. Die damals oft beschworene „schwarze Null wird es aus meiner Sicht nicht geben“, sagt Landrat Richard Sigel bündig. „Ich gebe mich nicht dem Irrglauben hin, dass wir über kurz oder lang Geld verdienen.“ Die „Zielgröße“ sei es, dass der Landkreis irgendwann mal pro Jahr nur noch etwa zehn Millionen Euro zuschießen muss.

Und dennoch sagt Sigel: „Vom Grunde her“ war die Entscheidung, die sein Amtsvorgänger Johannes Fuchs damals durchfocht, „absolut richtig.“ Warum?

Geld ist nicht alles - warum es richtig war

Ein Aspekt – der allerwichtigste –, der bei allem Zank ums Geld manchmal in Vergessenheit zu geraten droht: Es geht im Kern nicht um Finanzen, es geht um eine gute klinische Gesundheitsversorgung.

Vor 15, 20 Jahren schon zeichnete sich ab, dass die drei überalterten Krankenhäuser in Waiblingen, Schorndorf und Backnang nicht nur hochdefizitär arbeiteten – sie kreiselten auch in einer fatalen Abwärtsspirale. Der Schlüssel zum Erfolg für ein Krankenhaus ist Qualität; nur dann kommen Patienten. Qualität indes lässt sich nur mit hochprofiliertem ärztlichen Personal gewährleisten; das aber geht dorthin, wo die Arbeitsbedingungen gut sind.

Fehlt es an Cracks, sinkt die Qualität. Sinkt die Qualität, heuern die Cracks woanders an. Und so weiter. Und so fort.

Das Backnanger Krankenhaus zum Beispiel war am Ende nicht mehr konkurrenzfähig. Es gelang kaum noch, frei werdende Chefarztstellen zu besetzen.

Aus diesem Teufelskreis haben sich die Rems-Murr-Kliniken befreit.

Da Vinci und andere Meilensteine

Phänomenal: Die Rems-Murr-Kliniken sind nicht auf der Stelle getreten in der Pandemiezeit. Sie haben sich weiterentwickelt.

Haben „Da Vinci“ eingeführt, ein roboter-assistiertes Chirurgiesystem, minimalinvasiv, schonend, präzise, topmodern, das zunächst in der Urologie zum Einsatz kam, zum Beispiel bei Prostata-Karzinomen, und nun auch in Gynäkologie und Thorax-, also Brustkorb-Chirurgie reüssiert.

Haben bei der Krebsbehandlung „den Ritterschlag“ erhalten, wie es Kliniken-Geschäftsführer Marc Nickel ausdrückt: Das onkologische Zentrum Rems-Murr wurde – als erstes in ganz Baden-Württemberg – G-BA-zertifiziert vom Gemeinsamen Bundesausschuss, dem höchsten Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen Deutschlands.

Haben eine Krebsberatungsstelle aufgebaut; hier können sich Betroffene informieren über Behandlungsoptionen, unabhängig davon, in welchem Krankenhaus sie sich behandeln lassen.

Haben ein Endoprothetik-Zentrum etabliert und sind damit ausgezeichnet auch beim Thema Gelenkersatz.

Haben dem Branchentrend getrotzt: Während in anderen Häusern die Pflege-Belegschaft schrumpft, zählen die Rems-Murr-Kliniken heute 180 Vollzeitstellen mehr als noch 2019. Klar, viele dieser Pflegekräfte wurden angeworben in Südost-Europa, müssen erst eingelernt werden, Anerkennungszeiten absolvieren, teilweise erst mal die Sprache lernen – die Entlastung kommt nicht gleich im Team an. Aber perspektivisch ist das ein großer Erfolg; für den man 12 Millionen Euro investiert hat, in Personalwohnheime an beiden Klinik-Standorten: insgesamt 100 Appartements.

Und: Man sollte manche Rankings nicht überschätzen, aber eine gewisse Aussagekraft haben sie doch. Der Gynäkologe Prof. Dr. Hans-Joachim Strittmatter und der Palliativ-Experte Prof-Dr. Markus Schaich haben es in die Liste der bundesweiten Top-Mediziner des Magazins Focus geschafft.

Mit der Grundsatzentscheidung, die der Rems-Murr-Kreis bereits vor 14 Jahren getroffen hat, ringt heute der benachbarte Ostalbkreis. Dort gibt es drei Krankenhäuser: Gmünd, Aalen, Ellwangen. Weil sich immer drastischer abzeichnet, dass es so, wie es ist, nicht weitergehen kann, lautet jetzt der Plan: Eines erhalten, eines neu bauen, zwei schließen ... Kommt uns bekannt vor. Bis die Kliniklandschaft im Ostalbkreis auf dem Stand sein wird, den wir bereits erreicht haben, werden locker anderthalb Jahrzehnte ins Land gehen.

Geld und Streit: Die Corona-Bilanz 2021

Im operativen Geschäft, im laufenden Betrieb haben die Rems-Murr-Kliniken 2021 ein Plus von 1,6 Millionen Euro gemacht. Weil aber die Bau-Schulden bedient sein wollen, Zins und Zinseszins, steht unterm Strich ein Jahresminus von 15,3 Millionen. Weniger als zunächst befürchtet und nicht sehr viel mehr als 2020: Da waren es 14,5 Millionen.

Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ohne Rettungsschirme von Bund und Land, die coronabedingte Ausfälle – viele planbare Operationen wurden verschoben – kompensierten, wären es 2021 brachiale 32 Millionen Defizit geworden.

Dem steht eine beeindruckende Leistungsbilanz gegenüber: rund 2000 Covid-Fälle behandelt; die Hauseingänge in Einlass-Terminals wie am Flughafen verwandelt; eine Infektionsstation mit 72 Betten im Rekordtempo hochgezogen; bei der Kinderimpfung ein Vorreiterprojekt für ganz Baden-Württemberg durchexerziert.

Aber auch von „Erschöpfung“ beim Personal berichtet der Landrat und von „Spannungen“ zwischen Management und Chefärzten. In manchen Besprechungen müssen die Fetzen geflogen sein.

Man kann es sich vorstellen: Auf der einen Seite Geschäftsführer Nickel, der – auch wenn das Personal teilweise zermürbt und ausgebrannt von der Coronazeit ist – schon wieder die nächsten betriebswirtschaftlichen Zielvorgaben setzt und, so smart und gelassen er in Pressekonferenzen auch wirken mag, intern durchaus mit hochgekrempelten Ärmeln und ausgesprochen rustikal argumentieren kann, wie man hört; auf der anderen Seite hochprofilierte und mit Jahresgehältern von teilweise weit über einer Viertelmillion auch hoch dotierte Chefärzte, denen es an Selbstbewusstsein gewiss nicht mangelt.

Platzhirsche und Alphamänner: „Da krabbelt’s in der Kiste“, sagt Landrat Sigel.

O-oh, der Herbst - und 100 Millionen für Schorndorf

Was wird das Jahr 2022 noch bringen? Im Herbst „kommt die nächste Welle“, prophezeit Nickel und zitiert Dr. Torsten Ade, den Chef der Notaufnahme: „Wir stellen uns darauf ein, dass Corona gekommen ist, um zu bleiben.“

„Südamerika, Afrika, Indien“, warnt Nickel, seien weiterhin „Inkubatoren für neue Varianten“ – Virusmutationen könnten sich dort entwickeln, die irgendwann bei uns ankommen. Eine Kombination aus Delta und Omikron „wäre das größte Desaster“.

Momentan sind in Deutschland rund 40 Prozent der Leute nicht geboostert und etwa 20 Prozent überhaupt nicht geimpft: In dieser immer noch riesigen Gruppe könnte Corona sich im Herbst „austoben“.

Die Rettungsfallschirme sind mittlerweile zusammengelegt und eingepackt und die Rems-Murr-Kliniken nun wieder „im freien Flug“ unterwegs. Für 2022 riecht es momentan nach 24 Millionen Euro Minus. Nickel hofft, dass im Herbst noch einmal Geld von Bund und Land fließt. „Wir können nicht aus eigener Kraft diese Krise bewältigen.“

Richard Sigel aber verspricht: „Wir sparen nicht auf Kosten des Personals“; im Vergleich zu anderen Häusern im Umkreis „stehen wir noch sehr gut da“.

Das Winnender Parkhaus wird demnächst eingeweiht: 567 Stellplätze. Oben drauf kommt eine Fotovoltaik-Anlage, die bis zu zehn Prozent des Strombedarfs in der Klinik decken soll. Nächstes Projekt: ein fünfstöckiger Ergänzungsbau mit weiteren Betten.

Gar rund 100 Millionen Euro sind in Schorndorf eingeplant für einen Neubau neben dem Bestandsgebäude: neue Notaufnahme, neuer OP-Trakt, neuer Kreißsaal, neue Infektionsstation. Noch fehlt dafür die Zustimmung vom Land. Aber das Signal ist eindeutig: Beide Häuser haben Zukunft. (Das klang mal ganz anders.)

Die Rems-Murr-Kliniken stehen brutal unter Druck – und doch vergleichsweise ausgezeichnet da. Die Coronakrise haben sie fulminant gut bewältigt – aber teilweise liegen die Nerven blank, von Streit zwischen Management und einigen Chefärzten ist zu berichten. Die Bilanz des Pandemie-Jahres 2021: Probleme über Probleme. Erfolgsgeschichten über Erfolgsgeschichten. Und der Standort Schorndorf bekommt womöglich einen Neubau: für rund 100 Millionen Euro ...

Der Neubau - eine

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