Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kreis bereit für Ukraine-Flüchtlinge: Mönchhof wird Ankunftszentrum

mönchhof
Der Mönchhof. © Landesdenkmalamt

Seit Freitag ist der Mönchhof bei Kaisersbach kein Schullandheim mehr, sondern das zentrale Ankunftszentrum für Geflüchtete aus der Ukraine. Der Rems-Murr-Kreis ist bereit für die Aufnahme. Und auch für den Fall einer Atom-Katastrophe in der Ukraine sind schon Vorkehrungen getroffen ...

Noch ist es ruhig auf dem Schwäbischen Wald. Noch haben alle Ukrainerinnen und Ukrainer, die auf der Flucht vor dem Krieg den Rems-Murr-Kreis erreicht haben, privat oder mit Hilfe der Kommunen einen Unterschlupf gefunden. Doch es ist absehbar, dass es eng wird. „Auf die Städte und Gemeinden kommt eine große Aufgabe zu“, sagt Landrat Richard Sigel. Er hat dennoch keine Sorgen, dass der Kreis zusammen mit den 31 Städten und Gemeinden diese Herausforderung nicht meistern könnte.

Der Landrat fühlt sich erinnert an die ersten Tage und Wochen seiner Amtszeit im Jahr 2015, als er kalt von der Fluchtwelle aus Syrien erwischt wurde. Der Kreis stampfte mehr als 5000 Plätze in Gemeinschaftsunterkünften in kurzer Zeit aus dem Boden. Eine Unterbringung der geflüchteten Ukrainer wie einst in Turn- und Sporthallen wäre für Sigel jedoch nur die letzte Lösung.

Wie viele Flüchtlinge werden erwartet?

Das ist noch unklar. Nach ersten Schätzungen werden bis zu 225 000 Geflüchtete in Deutschland erwartet. Dies würde bei einer Verteilung nach dem „Königsteiner Schlüssel“ bedeuten, dass bis zu 1200 Personen (0,5 Prozent) im Rems-Murr-Kreis unterzubringen wären.

Der Landkreis und die Kommunen bereiten sich darauf vor und weiten derzeit die Unterbringungsmöglichkeiten erheblich aus. Außer dem Mönchhof hat das Landratsamt eine Unterkunft mit weiteren 130 Betten im Auge. In den bestehenden Gemeinschaftsunterkünften (über 1000 Plätze) werden zwar monatlich rund 90 Plätze frei – bei weitem aber nicht genug, um den steigenden Bedarf zu decken. Vor diesem Hintergrund bedauert Sigel, dass in den letzten Jahren auf Anweisung des Landes so viele Plätze in den kreiseigenen Gemeinschaftsunterkünften abgebaut werden mussten und es keine Reserven gibt.

Warum ist der Mönchhof als Ankunftszentrum geeignet?

Um die Kommunen im Falle von schnell steigenden Flüchtlingszahlen zu entlasten, bereitet der Landkreis ein zentrales Ankunftszentrum vor, das rund um die Uhr betrieben werden soll: Auf dem Mönchhof sollen die Geflüchteten kurzfristig und unbürokratisch aufgenommen und gegebenenfalls registriert werden. Das Schullandheim bietet vier Gästehäuser, bis zu 114 Betten stehen zur Verfügung – eine gute Zwischenstation bis zur dauerhaften Unterbringung in den Kommunen.

Auch organisiert die Ausländerbehörde des Landkreises eine Erfassung, die sofort den Bezug von Leistungen ermöglicht. Bei akutem Bedarf können Leistungen im Anschluss direkt vor Ort ausgegeben werden. Zudem wird auf dem Mönchhof eine medizinische Versorgung gewährleistet.

Kommen auch unbegleitete Minderjährige?

Das Kreisjugendamt bereitet sich auch auf die Ankunft von minderjährigen Flüchtlingen vor. In engem Austausch mit den Städten und Gemeinden sowie freien Trägern werden Konzeptionen für deren Aufnahme erarbeitet. Auch hier könnte das Schullandheim Mönchhof eine wichtige Rolle spielen. Mit der Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen dort hat das Kreisjugendamt gute Erfahrungen gemacht. Nach dem mehrjährigen Intermezzo als Flüchtlingsunterkunft ist der Mönchhof renoviert und zu einem Kultur- und Begegnungszentrum weiterentwickelt worden.

Welche Hilfen gibt es sonst?

Die großen Demonstrationen am Wochenende haben einmal mehr gezeigt, dass die Menschen Mitgefühl mit dem Leid der Ukrainer haben. Das Engagement zeige sich beispielsweise auch daran, dass die Kleiderkammern des DRK-Kreisverbandes gut gefüllt seien. Die ersten aus der Ukraine geflüchteten Kinder gehen hier bereits wieder zur Schule – Sigel kennt ein Kind aus seinem Bekanntenkreis, das sich am Wochenende auf seinen ersten Schultag gefreut hat. Das Staatliche Schulamt stehe in engem Austausch mit den Schulen und den Städten und Gemeinden, damit Kinder und Jugendliche aus der Ukraine schnell aufgenommen werden können.

Auch die Banken, insbesondere die Kreissparkasse Waiblingen, wollten einen Beitrag leisten und bieten nicht nur kostenlose Girokonten für Geflüchtete aus der Ukraine an, sondern auch finanzielle Unterstützung bei Sprachkursen, der Integrationsförderung in Bildung und Sport oder organisieren „Willkommens-Einsätze“ für Kinder.

Diese Themen werden vom Sozialdezernat auch mit den freien Trägern, Volkshochschulen und anderen Anbietern abgestimmt und vorbereitet.

Wie läuft das bürokratisch ab? Sind Asylanträge nötig?

Das aus der Flüchtlingskrise 2015 bekannte dreistufige System komme bei Flüchtlingen aus der Ukraine nicht durchgängig zum Einsatz. Im dreistufigen System mussten die Flüchtlinge zunächst in eine Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA), wurden dort registriert und konnten einen Asylantrag stellen. Nach einigen Wochen wurden sie einer Gemeinschaftsunterkunft des Landkreises zugewiesen. Nach Abschluss des Asylverfahrens oder spätestens nach 24 Monaten erfolgte die Unterbringung in der kommunalen Anschlussunterbringung.

Warum kein Asylantrag?

Aufgrund der Aktivierung der Massenzustrom-Richtlinie der EU haben ukrainische Staatsangehörige und Menschen, die in der Ukraine heimisch geworden sind, automatisch eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr und Anspruch auf Zugang zu Arbeitsmarkt, Wohnraum, Sozialhilfe, medizinische oder sonstige Unterstützung sowie Mittel zur Bestreitung des Lebensunterhalts.

Ein Asylverfahren ist nicht notwendig.

Sie haben auch freie Wohnsitzwahl. Sie können also direkt in die Städte und Gemeinden kommen. Sofern keine private Unterbringung erfolgt, ist die jeweilige Stadt oder Gemeinde in der Verantwortung, die Unterbringung sicherzustellen.

Nur Geflüchtete ohne langfristiges Aufenthaltsrecht in der Ukraine (wie zum Beispiel ausländische Studenten oder Flüchtlinge) müssen zunächst in der LEA untergebracht und registriert werden. Ihr Anteil wird auf rund 20 Prozent geschätzt. Umso wichtiger sei eine Registrierung und Identitätsfeststellung: „Der Wert der ukrainischen Pässe steigt“, sagte Landrat Sigel.

Was passiert bei einer Atomkatastrophe?

In vielen Apotheken sind Jodtabletten bereits ausverkauft. Aufgrund der Entfernung zur Ukraine sei zwar eher nicht damit zu rechnen, dass bei uns eine Einnahme von Jodtabletten erforderlich ist, schreibt das Landratsamt. Es müsse sich also kein Bürger einen Vorrat anlegen. Der Rems-Murr-Kreis und seine Kommunen seien jedoch auf den Fall eines atomaren Vorfalls vorbereitet. Bereits 2021 wurden ausreichend Jodtabletten an die Städte und Gemeinden verteilt – landesweit 35 Millionen. Man verteile die Medikamente im Bedarfsfall an festgelegten Ausgabestellen in den Kommunen.

Wo gibt es mehr Infos?

Der Kreis informiert auf www.rems-murr-kreis.de, was alles zu beachten ist, wenn man privat ukrainische Flüchtlinge aufnimmt, eine Wohnung anbieten will oder anderweitig helfen möchte.

Seit Freitag ist der Mönchhof bei Kaisersbach kein Schullandheim mehr, sondern das zentrale Ankunftszentrum für Geflüchtete aus der Ukraine. Der Rems-Murr-Kreis ist bereit für die Aufnahme. Und auch für den Fall einer Atom-Katastrophe in der Ukraine sind schon Vorkehrungen getroffen ...

Noch ist es ruhig auf dem Schwäbischen Wald. Noch haben alle Ukrainerinnen und Ukrainer, die auf der Flucht vor dem Krieg den Rems-Murr-Kreis erreicht haben, privat oder mit Hilfe der Kommunen einen

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