Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kreis: Das Brennnessel-Phänomen - die neue Haltung im Garten und am Acker

Brennessel
Mechthilde Frintrup hat keinerlei Berührungsängste: In die jungen Brennnesseln setzt sie sich mitten rein und knabbert die frischen Blätter einfach aus der Hand. Auf dem Kopf und um den Hals trägt sie übrigens Selbstgestricktes aus Brennnesselfaser. © Gabriel Habermann

Das hat das kleinste Kind ganz schnell gelernt: Wenn die Pflanze mit den spitzen Blättern und den feinen Härchen an die Haut kommt, tut das sehr weh. So weh, dass Tränen fließen. Brennnesseln sind mit die ungeliebtesten Wildkräuter, die es gibt. Aber: Plötzlich finden sich sogar an Feldrändern ganze Brennnesselreihen. Es sieht fast aus, als würde das stets ausgemerzte Unkraut plötzlich gepflanzt. Was ist los?

Mechthilde Frintrup aus Burgstall hat keinerlei Berührungsängste. Sie knabbert das frische Grün direkt vom jungen Busch weg, sie macht aus der Pflanze Saft und Tee, rührt Pesto, röstet Chips, kocht Curry und strickt Schals oder Mützen. Nein, sie kommt nicht blätterbekrönt und rot bepustelt daher. Sie hat das benötigte Garn aus der Pflanzenfaser gewonnen. Die Faser gilt's im Herbst zu ernten, wenn die Brennnessel längst vertrocknet ist und nur noch die Stängel in die Luft ragen. Dieses wertvolle Material holt sie sich dann aus der Natur, spinnt und strickt. Umweltfreundlicher geht's nicht. Mechthilde Frintrup erklärt das Brennnessel-Feuer zum angenehmen Gefühl und empfiehlt Menschen, die zu Verspannungen neigen oder unter Arthrose leiden, doch mal mit Brennnesseln über die schmerzenden Stellen zu streichen. Mechthilde Frintrup ist eine Brennnessel-Verrückte.

Ein 200-Seiten-Buch über die Brennnessel, preisgekrönt

Die Frau, die ursprünglich Schulbücher gestaltet und in einem großen Verlag gearbeitet hat, hat ihre Professionalität jetzt sogar in ein Werk gesteckt, das nicht mehr eine große Kundschaft bedient, sondern eine kleine Nische besetzt. Fast 200 Seiten ist ihr Buch über die Brennnessel dick – und hat sofort einen Preis abgeräumt. Zweiter Platz in der Kategorie „Bestes Pflanzenporträt“ beim Deutschen Gartenbuchpreis 2021.

Gartenbuch? Wer will schon Brennnesseln im Garten? Noch nicht lang ist's her, da hätte bei dieser Frage niemand „Hier“ geschrien. Doch längst liegt das Augenmerk auf dem Insektensterben, und der Gartenbesitzer gönnt sich plötzlich das eine oder andere wilde Eckchen, inklusive Brennbuschel. Denn wer einen solchen anbietet, kann großes Glück haben und sich Schmetterlinge in den Garten holen. Kleiner Fuchs und Tagpfauenauge legen ihre Eier nämlich nur an dieses Kraut.

Umdenken in der Landwirtschaft

Und auch in der Landwirtschaft ist ein Umdenken zu beobachten. Das, was vor noch nicht allzu langer Zeit sofort entfernt wurde, darf plötzlich stehen bleiben. Brennnesseln seien für landwirtschaftliche Kulturen unproblematisch, heißt es sogar vom Bauernverband Schwäbisch Hall - Hohenlohe - Rems. Hoppla? Ja, in früheren Jahren sei das Wildkraut gering geschätzt und weggemäht und -gehackt worden. Jetzt aber springen gestandene Landwirte, deren „größter Stolz ein sauberes Hofbild ist“, über ihren Schatten. Und dazu, so Helmut Bleher vom Bauernverband, gehöre schon viel. Denn man lege „eine „gewisse Unordentlichkeit“ an den Tag. Auf dem Acker allerdings sollten nach wie vor überwiegend Nutzpflanzen wachsen. Sonst gebe es Konkurrenz um Wasser, Luft und Boden, was zu geringeren Erträgen und womöglich gar Pilz- und Schädlingsbefall führe.

Am Ackerrand allerdings macht sich der knitze Bauer das garstige Kraut offensichtlich inzwischen zunutze. Vor allem an vielbewanderten Spazierwegen. Hier wird ganz natürliche Schädlingsbekämpfung betrieben. Die Schädlinge sind ziemlich groß, befellt, bellen und hinterlassen stinkende Haufen, die kein Landwirt in seinen Feldfrüchten haben will. Und weil der Hund eine empfindliche Nase hat, sucht er sich angesichts des wuchernden Brennnesselgrüns eine andere Toilette.

Mehr Mineralstoffe als ein Steak, mehr Vitamin C als die Zitrone

Mechthilde Frintrup würde den Landwirten wahrscheinlich empfehlen, die Brennnessel regelmäßig auf dem ganzen Acker anzupflanzen und als Salat, Gemüse oder Heilpflanze zu verkaufen. Beworben werden könnte das neue alte Gewächs mit einem Mineralstoffwert, der den eines Rindersteaks um mehr als das Doppelte übersteigt. In Sachen Vitamin C hat die Brennnessel fast das Siebenfache der Zitrone zu bieten. Die Brennnessel wirkt blutbildend, entzündungshemmend, regt den Stoffwechsel an, löst Schleim und Krämpfe und soll sogar den Haarwuchs fördern.

Während die bayrische Landesanstalt für Landwirtschaft noch „Unkrautsteckbriefe“ für die kleine und die große Brennnessel veröffentlicht, besuchte Friedlinde Gurr-Hirsch, damals Staatssekretärin im baden-württembergischen Landwirtschaftsministerium, schon im Jahr 2017 ein Textil-Unternehmen auf der Alb, das sich auf den Anbau und die Verwertung von Brennnesseln spezialisiert hat. Das „Zukunftspotenzial“, so hieß es, sei groß. Denn die Baumwollpreise steigen inzwischen ins Exorbitante.

Das sind ganz handfeste wirtschaftliche Argumente, die sogar unter ökologischen Aspekten punkten. Wie gut, wenn auf die Brennnessel dann auch noch zutrifft, wovon Mechthilde Frintrup auch in ihrem Buch erzählt. Dass sie nämlich ein „Zauberkraut“ sei, das gegen Missgunst und Neid helfen soll.

Das hat das kleinste Kind ganz schnell gelernt: Wenn die Pflanze mit den spitzen Blättern und den feinen Härchen an die Haut kommt, tut das sehr weh. So weh, dass Tränen fließen. Brennnesseln sind mit die ungeliebtesten Wildkräuter, die es gibt. Aber: Plötzlich finden sich sogar an Feldrändern ganze Brennnesselreihen. Es sieht fast aus, als würde das stets ausgemerzte Unkraut plötzlich gepflanzt. Was ist los?

Mechthilde Frintrup aus Burgstall hat keinerlei Berührungsängste. Sie

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