Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kreis: Eine schreckliche Häufung von Todesfällen an Bahnhöfen und Gleisen

Bahnunfall - 14-Jährige getötet, Oppenweiler, 01.06.2021.
Die Rettungskräfte konnten nicht mehr helfen: Am Dienstag, 1. Juni, verunglückte ein 14-jähriges Mädchen in der Nähe des Bahnhofs von Oppenweiler. Ein tragischer Unfall. © Benjamin Beytekin

Der Rems-Murr-Kreis wird seit Anfang Juni von Todesfällen an Bahnhöfen und auf den Schienen erschüttert. Seit Dienstag, 1. Juni, haben fünf Menschen ihr Leben verloren. Eine schreckliche Häufung. Doch die Fälle sind teilweise völlig unterschiedlich einzuordnen, auch wenn jedes Mal die Kriminalpolizei Ermittlungen aufgenommen hat. Nach Auskunft der Pressestelle der Polizeidirektion Aalen wird die Staatsanwaltschaft bei Todesfällen, die vom Arzt vor Ort als entweder unklar oder nicht natürlich eingestuft werden, grundsätzlich eingeschaltet. Genauso, wie grundsätzlich die Kriminalpolizei den jeweiligen Fall untersucht.

Ein „höchst tragischer Unglücksfall“

An jenem Dienstag, 1. Juni, wurde in der Nähe des Bahnhofs von Oppenweiler-Aichelbach ein 14-jähriges Mädchen von einem Go-ahead-Regionalexpress erfasst und tödlich verletzt. Wie die Polizei inzwischen weiß, spielte das Mädchen mit einer elfjährigen Freundin im Bereich der Gleise. Die 14-Jährige wollte dann aus bislang unbekannten Gründen die Gleise überqueren, bemerkte noch, dass sich der Zug näherte, versuchte umzukehren und wurde dennoch, trotz einer Vollbremsung des Zuges, erfasst. Polizeipräsident Reiner Möller sprach in einer ersten Stellungnahme von einem „höchst tragischen Unglücksfall“.

Bei dem Vorfall am Bahnhof in Endersbach, bei dem am frühen Morgen des Freitag, 4. Juni, ein 48 Jahre alter Mann tot aufgefunden worden war, spricht die Polizei von einem Tötungsdelikt. Der Mann war durch „äußere Gewaltanwendung“ ums Leben gekommen – genauere Informationen werden bislang nicht bekanntgegeben. Eine Sonderkommission namens „Bahnhof“ nahm an diesem Tag sofort die Ermittlungen auf. Rund 60 Polizeibeamte waren zugange und konnten – auch dank der Aussage von Zeugen – schon am Abend einen 17-jährigen Tatverdächtigen festnehmen. Der Jugendliche wurde in eine Justizvollzugsanstalt gebracht. Die Staatsanwaltschaft ordnete zur Klärung der genauen Todesursache des Opfers eine Obduktion an. Die Ermittlungen laufen nach wie vor. Ob es sich bei dieser Straftat um Mord, um Totschlag oder um fahrlässige Tötung handelt, ist noch nicht bekannt.

Drei Menschen starben an den Gleisen der Strecke der S 3

Und dann starben noch drei weitere Menschen. Sie starben an den Gleisen der Strecke der S 3. Am Donnerstag, 3. Juni, bargen die Rettungskräfte am Nachmittag einen Mann beim Bahnhof von Winnenden. Der Mann konnte nicht mehr gerettet werden. Am Samstag, 5. Mai, mussten die Rettungskräfte erneut ausrücken: Gegen 19.25 Uhr war auf der Strecke von Winnenden Richtung Schwaikheim ein 35-jähriger Mann von der S-Bahn erfasst und tödlich verletzt worden. Wie zwei Tage zuvor wurde die S-Bahn-Strecke gesperrt. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, um 23.30 Uhr geschah der dritte Unglücksfall: Laut Polizeibericht wurde auf der Bahnstrecke zwischen Winnenden und Schwaikheim in der Nähe des Bahnhofs Schwaikheim „eine männliche Person von einer S-Bahn erfasst. Der Mann wurde dabei tödlich verletzt.“ Der Bahnverkehr wurde bis etwa zwei Uhr auf der Strecke eingestellt.

Bei allen diesen drei Todesfällen, die sich innerhalb von nur sechs Tagen ereigneten, geht die Polizei von Suizid aus. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei weisen darauf hin. Die Pressestelle der Polizeidirektion Aalen blickt selbst erschüttert und ratlos auf diese Häufung. Warum?

Bringt die seit über einem Jahr währende Pandemie die Menschen in schwerste psychische Nöte?

Diese Frage wird und muss offenbleiben. Erkenntnisse, die die Kriminalpolizei eventuell bei ihren Ermittlungen gewinnt, kommen nicht in die Öffentlichkeit. Stellt sich ganz allgemein die Frage, ob vielleicht ein Grund für die Häufung dieser Tragödien die seit über einem Jahr währende Pandemie-Situation sein könnte. Im Klinikum Schloss Winnenden stellten die Fachleute im März dieses Jahr fest, dass die Betten im zweiten Lockdown fast vollständig belegt waren. Und: Die Erkrankten, die in die Klinik kamen, seien deutlich schwerer erkrankt gewesen als sonst üblich. Einen Grund sahen die Fachleute damals in der Zurückhaltung zu Beginn der Pandemie in 2020. Viele Menschen hatten damals Angst vor Ansteckung und zögerten deshalb einen Klinikaufenthalt zu lang hinaus. Hinzu kam, dass durch die Corona-Einschränkungen viele tagesklinische Angebote oder Selbsthilfegruppen nicht oder nur sehr eingeschränkt ablaufen konnten. Die Folge waren damals vermehrte stationäre Aufnahmen mit schweren Krankheitsbildern. Diese Analyse aus dem Klinikum zeigt zumindest, wie schwer die Pandemie-Situation für Menschen mit psychischen Problemen sein muss.

Der Rems-Murr-Kreis wird seit Anfang Juni von Todesfällen an Bahnhöfen und auf den Schienen erschüttert. Seit Dienstag, 1. Juni, haben fünf Menschen ihr Leben verloren. Eine schreckliche Häufung. Doch die Fälle sind teilweise völlig unterschiedlich einzuordnen, auch wenn jedes Mal die Kriminalpolizei Ermittlungen aufgenommen hat. Nach Auskunft der Pressestelle der Polizeidirektion Aalen wird die Staatsanwaltschaft bei Todesfällen, die vom Arzt vor Ort als entweder unklar oder nicht natürlich

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