Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kreis: Muss der Weinbau wirklich sterben? Oder rudert Brüssel zurück?

Sonneruntergang
So schön, so schützenswert: Die Weinberge im Rems-Murr-Kreis liegen großteils in Landschaftsschutzgebieten. © ALEXANDRA PALMIZI

Insekten-, Natur-, Gewässer-, Klimaschutz? Ja klar. Aber wer schützt die Wengerter – und andere Landwirte – vor dem Niedergang? Wenn eine geplante EU-Umweltschutzrichtlinie wirklich so kommt, wie geplant, sind zwei Drittel der Weinberge im Rems-Murr-Kreis Geschichte. Lassen die hiesigen Politikverantwortlichen ihre Landwirte in dieser Situation tatsächlich allein? Oder wird doch noch alles gut?

Gefahr aus Brüssel: Werden Spritzmittel in Naturschutzgebieten verboten?

Eine geplante EU-Umweltschutzrichtlinie will den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in allen dem Naturschutz zugeordneten Gebieten verbieten. Auch in Landschaftsschutzgebieten. Landschaftsschutzgebiete sind eine Besonderheit in Deutschland, die im Rest der EU unbekannt ist: Im großen Feld „Naturschutzgebiet“ gibt es hier diese Unterabteilung, die geringeren Auflagen und Nutzungseinschränkungen unterliegt. Die Flächen nehmen, so das Bundesamt für Naturschutz, bundesweit fast ein Drittel der Landesfläche ein. Als die Landschaftsschutzgebiete im Rems-Murr-Kreis ausgerufen wurden, ging das mit einem Versprechen an die Landwirte einher: Sie sollen ihre Flächen weiter nutzen dürfen. Landschaftsschutzgebiete dienen vornehmlich dem Erhalt der Kulturlandschaft, also jener seit Jahrhunderten vom Menschen geprägten Landschaft. Zwei Drittel, 800 von 1200 Hektar, der Weinbauflächen im Rems-Murr-Kreis liegen in Landschaftsschutzgebieten.

Bislang war Weinbau dort problemlos möglich. Und zwar nicht nur der Bio-Anbau. Zu betonen ist: Auch Bio-Bauern spritzen. Und viele der im Bio-Anbau verwendeten Pflanzenschutzmittel – Kupfer zum Beispiel, Backpulver oder Rapsöl – zählen zu jenen Stoffen, die in Naturschutzgebieten verboten wären, würde die EU-Richtlinie zum Umweltschutz so umgesetzt, wie die Kommission gerade plant.

Auch der Bio-Anbau kommt nicht ohne Pflanzenschutz aus

„Ohne Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln, sei es konventionell oder biologisch, können keine Trauben produziert werden“, erklärt der jüngst mit Preisen ausgezeichnete und seit zehn Jahren ökologisch arbeitende Jens Zimmerle, vor kurzem noch in Korb ansässig, inzwischen mit seinem Weingut nach Beinstein umgezogen. Im Unterschied zum konventionellen Anbau, bei dem Wirkstoffe eingesetzt werden, die in die Pflanze eindringen und somit auch vorbeugend und heilend wirken können, könne der Bio-Wengerter nur mit Mitteln arbeiten, die eine Schutzschicht auf die Pflanze legen. Und das heißt: Wer bio anbaut, muss, je nach Wetterlage, sogar viel öfter spritzen als der konventionelle Kollege. Droht zum Beispiel Regen, muss vorher gespritzt werden. Der letzte nämlich hatte die alte Schutzschicht wieder abgewaschen.

Das auf der Kippe stehende Kupfer verwendet der Bio-Wengerter, um falschen Mehltau zu verhindern. Selbst bei Demeter, dem deutschen Bio-Anbauverband, dessen Anforderungen weit über diejenigen der EG-Öko-Verordnung und des deutschen staatlichen Bio-Siegels hinausgehen, heißt es: Vor allem bei „Hopfen, Wein und einigen Obstkulturen“ sei die Anwendung von Kupfer „derzeit alternativlos“.

Einfach auf bio umstellen? Würde den Wengert auch nicht retten

Die manchmal lax hingeworfene Aufforderung an konventionelle Landwirte, doch einfach auf bio umzustellen, ist also völlig sinnlos.

Die CDU hat die Wengerter im Rems-Murr-Kreis schon zweimal zu einem Weinbaugipfel eingeladen, um die für alle gleichermaßen bedrohliche Situation zu besprechen und die Fakten auf den Tisch zu legen. Mit dazu gab’s das Versprechen, sich des Problems mit aller Kompetenz und Vehemenz anzunehmen. Und es gab Sticheleien gegen die in der Bundesrepublik fürs Thema aktuell politisch verantwortlichen Grünen, namentlich Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir. Der, so die Kritik kurz zusammengefasst, steht nicht hin für seine Klientel.

Immer wieder fiel beim Weinbaugipfel der Hinweis auf jenes im Juli 2020 in Baden-Württemberg in Kraft getretene „Gesetz zur Änderung des Naturschutzgesetzes und des Landwirtschafts- und Landeskulturgesetzes“, kurz „Biodiversitätsstärkungsgesetz“. Das war nach den aufwühlenden Aktionen von „Pro Biene“ zur Zufriedenheit von Landwirten und Naturschutzverbänden entwickelt worden. Mit beteiligt bei diesem Gesetz waren sowohl die CDU – Peter Hauk – als auch die Grünen – Franz Untersteller. Dieses Gesetz, inzwischen längst gültig und im Alltag der Wengerter umgesetzt, findet die ausdrückliche Zustimmung des renommierten Fellbacher Weinguts Aldinger. Bis vor kurzen noch konventionell arbeitend, seit letztem Jahr in der Umstellung auf bio, findet Seniorchef Gert Joachim Aldinger, daran nichts zu meckern: „Mit dem Status quo jetzt können wir leben!“

Seltsame politische Sticheleien – CDU und Grüne wollen eigentlich dasselbe

Eigentlich müsste die CDU daher höchst zufrieden sein. Und auch einverstanden mit dem politischen Gegenspieler Grüne, mit dem sie ja in Baden-Württemberg die Landesregierung bildet. Scheint es doch, als ziehe man am selben Strang: Die baden-württembergischen Grünen, berichtet Ralf Nentwich, Grünen-Landtagsabgeordneter aus dem Kreis und Mitglied im Ausschuss für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, seien seit Beginn der Debatte „in intensivem Austausch mit dem Bund und der EU“. Die Grünen wollen das „Biodiversitätsstärkungsgesetz“ als „Blaupause“, also als übernehmenswertes Muster, in den Bund und die EU bringen. In einer Resolution, die die Landtags-Grünen demnächst verabschieden wollen, wird explizit gefordert, das Verbot von Pestiziden in allen Schutzgebietskategorien zu überdenken und zu überarbeiten. Bisherige regionale Ansätze, die sich in Hinblick auf die Stärkung der Artenvielfalt als erfolgreich erwiesen hätten – siehe das baden-württembergische Biodiversitätsstärkungsgesetz – sollten bestärkt und ermöglicht werden.

Arbeitet Brüssel gerade am Kompromiss? Ein „Non-Paper“ macht Hoffnung

Es zeichne sich, schreibt Nentwich, auf europäischer Ebene derzeit „eine Kompromisslösung“ ab. In einem sogenannten „Non-Paper“ stelle die Kommission ihren eigenen Vorschlag zum Komplettverbot von Pflanzenschutzmitteln in „sensiblen Gebieten“, wie es dort heißt, zur Disposition. Ein „Non-Paper“ ist zwar nicht sanktioniert und daher offiziell nicht zitierfähig, sondern eher ein Entwurf – aber immerhin.

Die Erfahrung von Bio-Wengerter Hans-Peter Wöhrwag – zwar nicht aus dem Rems-Murr-Kreis aber aus Untertürkheim gleich nebenan – übrigens ist, dass sich grüne Entscheidungsträger sehr wohl beim Fachmann informieren und sich für seine Sache engagieren wollen; Gert Joachim Aldinger hatte vergleichbaren Besuch von einem CDU-Mitglied. Jens Zimmerle wünscht sich für ökologisches Engagement neben der Unterstützung durch die Politik auch Motivation durch die Konsumenten. Und die geht letztlich über den Geldbeutel. Dass ökologisches Engagement das Gebot der Stunde ist, bestreitet keiner der drei Wengerter. „Unser Kapital, das Allerwichtigste, ist der Boden. Der Boden und die Lebewesen“, sagt Gert Joachim Aldinger. Jetzt muss Brüssel so liefern, dass das Kapital nicht verloren geht. Damit das klappt, sollte parteipolitisches Gerangel tabu sein.

Insekten-, Natur-, Gewässer-, Klimaschutz? Ja klar. Aber wer schützt die Wengerter – und andere Landwirte – vor dem Niedergang? Wenn eine geplante EU-Umweltschutzrichtlinie wirklich so kommt, wie geplant, sind zwei Drittel der Weinberge im Rems-Murr-Kreis Geschichte. Lassen die hiesigen Politikverantwortlichen ihre Landwirte in dieser Situation tatsächlich allein? Oder wird doch noch alles gut?

Gefahr aus Brüssel: Werden Spritzmittel in Naturschutzgebieten verboten?

Eine

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper