Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kreis schickt neun Abgeordnete in den Landtag: CDU-Bewerber mussten lange um ihr Zweitmandat zittern

Wahlauszaehlung
Die Stimmen in den Wahlbezirken waren wie hier im Bürgerzentrum Waiblingen schnell ausgezählt. Bei der Übermittlung der Daten haperte es gewaltig. Die Zweitmandate waren weit nach Mitternacht ausgezählt - zu spät für unsere gedruckte Ausgabe. © Gaby Schneider

Der Rems-Murr-Kreis stellt neun der 154 Abgeordneten im neuen baden-württembergischen Landtag. Die Grünen Swantje Sperling (Wahlkreis Waiblingen), Petra Häffner (Schorndorf) und Ralf Nentwich (Backnang) schnappten sich das Direktmandat. Sechs weitere Bewerber mussten sich gedulden und warten, ob ihre Stimmergebnisse für ein Zweitmandat reichen. Bei Redaktionsschluss unserer Montagausgabe (0.30 Uhr) haben die Zweitmandate noch nicht festgestanden. Im Ostalbkreis gab es technische Schwierigkeiten, die die landesweite Auswertung verzögerten.

Dass es den FDP-Bewerbern Julia Goll und Jochen Haußmann dank ihrer hervorragenden, über dem Durchschnitt ihrer Partei liegenden Ergebnisse in den Wahlkreisen Waiblingen und Schorndorf gelingen wird, war klar. 13,3 beziehungsweise 16,3 Prozent sollten dicke reichen. Gleiches galt für Gernot Gruber, SPD, dem es als Mathematiker leichtfiel, seine guten Chancen für das Zweitmandat auszurechnen.

Eng war das Rennen bei den CDU-Bewerbern - und für die Christdemokraten schockierend. Erstmals seit mehr als einem halben Jahrhundert kommt kein CDU-Abgeordneter aus dem Wahlkreis Backnang. Georg Devrikis verlor nicht nur das Direktmandat, auf das die CDU jahrzehntelang abonniert war. 23,2 Prozent (-4,5 %) reichten ihm nicht für ein Zweitmandat. Siegfried Lorek im Wahlkreis Waiblingen (25,2 Prozent, -,0 %) und Christian Gehring in Schorndorf (24,2 %, -1,6 %) haben hingegen den Sprung in den Landtag geschafft.

Der achte Abgeordnete aus dem Rems-Murr-Kreis ist AfD-Kandidat Daniel Lindenschmid im Wahlkreis Backnang. Die Alternative für Deutschland hat dort mit 12,1 Prozent (-7,6 %) ein überdurchschnittliches Ergebnis erzielt. Mitentscheidend für die schlechten Wahlergebnisse der AfD (-6,5 %) und für die CDU (-2,3 %) war wohl die geringe Wahlbeteiligung von 65,6 % (2016: 73,5 %). Viele CDU- und AfD-Wähler wechselten ins Lager der Nichtwähler.

Sechs Zweitmandate

Daniel Lindenschmid (AfD) hat in der Nacht zum Montag die offizielle Bekanntmachung der gewählten Abgeordneten nicht abgewartet. Er ging zu Bett und erfuhr erst am Morgen, dass er künftig dem Landtag angehört. Den kennt er bereits als Referent eines früherem Landtagsabgeordneten der AfD. Das schlechte Abschneiden der Alternative für Deutschland führt Lindenschmid nicht zuletzt auf die geringere Wahlbeteiligung am Sonntag zurück. Die AfD habe es nicht geschafft, ihre Wählerschaft von 2016 erneut zu mobilisieren. Der 31-Jährige wird einer von 17 AfD-Abgeordeten sein. 2016 war die AfD mit einer 23-köpfigen Fraktion gestartet und hat sich mit Skandalen, Affären und rechtsextremistischen Auftritten selbst dezimiert. Von der neuen, nicht mehr zusammengewürftelten Fraktion erwartet Lindenschmid mehr Sacharbeit und weniger Radau. Er rechnet sich selbst dem für AfD-Verhältnisse gemäßigten Lager des Fraktionsvorsitzenden Gögel und Parteivorsitzenden Jörg Meuthen zu, dessen Sitz er im Wahlkreis Backnang übernimmt.

19 Prozent für die SPD im Wahlkreis Backnang sind ein klares Zeichen, dass beim Gerangel um ein Zweitmandat an Gernot Gruber niemand vorbeikam. Schon gar nicht im Regierungsbezirk Stuttgart, wo der Backnanger mit Abstand das beste Ergebnis aller Sozialdemokraten erzielt hat. Der Dauerläufer darf weitere fünf Jahre seine Runden im Stuttgarter Parlament rennen, sich als überzeugter Benutzer des Personennahverkehrs über unzuverlässige S-Bahnen ärgern und in Landtagsdebatten kein X für ein U vormachen lassen.

Über ein Zweitmandat im Wahlkreis Schorndorf hat es Christian Gehring (CDU) in den Landtag geschafft: „Das Wahlergebnis muss uns demütig stimmen und zeigt uns, dass wir ums weiterentwickeln und in der Partei insgesamt moderner werden müssen.“ Das hieße, „jetzt nicht lange Wunden zu lecken: Einmal schütteln und dann weitermachen“, sagt Gehring. Traurig stimme ihn, dass Georg Devrikis es für den Wahlkreis Backnang nicht in den Landtag geschafft hat. „Wer ihn kennt, weiß, dass er ein authentischer, ehrlicher und bescheidener Mensch ist. Schade für meinen Freund ,Schorsch’ Devrikis“.

Siegfried Lorek (CDU) schaut vor allem auf sein persönliches Ergebnis im Wahlkreis Waiblingen (25,2 %). Und mit diesem Abschneiden ist er insgesamt zufrieden. Er wertet es als Bestätigung seiner Arbeit im Wahlkreis in den vergangenen fünf Jahren, die ihm das Mandat gesichert habe. Mit Blick auf die Regierungsbildung in den kommenden Tagen und Wochen sagt Lorek, er spreche sich „definitiv für eine Regierungsbeteiligung“ aus. „Das wird auch von den Bürgern erwartet.“ Das Land befinde sich in der Krise, in der sich Lorek keine wackelige Dreier-Koalition vorstellen kann. Er wünscht sich eine stabile Zusammensetzung, um die es sich bei der Koalition aus Grünen und CDU gehandelt habe.

Julia Goll (FDP) hat sich am Montagvormittag bei einem Spaziergang vom Wahlkampf entspannt. Im Regen war sie unterwegs mit ihrem Mann Ulrich Goll, von dem sie das Mandat im Wahlkreis Waiblingen übernehmen wird. „Natürlich war der Wahlkampf anstrengend“, sagt Julia Goll. „Stress würde ich aber nicht sagen.“ Ihr mache Wahlkampf, mittlerweile ihr 14. oder 15. einfach Spaß: „Ich bin eine begeisterte Wahlkämpferin!“ Mit ihrem Ergebnis von 13,3 Prozent sei sie „hochzufrieden“ - zweieinhalb Prozentpunkte mehr als die FDP im Land. Mit Blick auf die Regierungsbildung macht sie keinen Hehl daraus, dass ihre Partei mit im Boot einer Ampel sein sollte. Dass Ministerpräsident Winfried Kretschmann die einfachere Lösung vorzieht und wieder mit der CDU regieren möchte, hält Julia Goll für möglich. „Das Wahlergebnis sollte Kretschmann zu denken geben“, weist sie auf das schlechte Abschneiden der CDU hin. Der Wähler hat aus ihrer Sicht kein Signal zum „Weiter so!“ gegeben.

Mit einem Stimmenanteil von 16,3 Prozent, das zweithöchste für die FDP bei der Landtagswahl überhaupt, war es schon am Sonntagabend keine Frage, dass Jochen Haußmann im Wahlkreis Schorndorf ein Zweitmandat erhält. Im innerparteilichen Konkurrenzkampf musste sich Haußmann nur seinem Parteifreund Erik Schweickert im Wahlkreis Enz (16,9 %) geschlagen geben. Er liegt auch knapp vor seinem Fraktionsvorsitzenden Hans-Ulrich Rülke, der in Pforzheim 16,1 Prozent holte.

„Wow, was für ein Erfolg!’“ feierte Jochen Haußmann seinen Wahlsieg auf Facebook und bedankte sich bei seinen Wählerinnen und Wählern: „Herzlichen Dank für dieses sensationelle Ergebnis und das entgegengebrachte Vertrauen.“

Der Rems-Murr-Kreis stellt neun der 154 Abgeordneten im neuen baden-württembergischen Landtag. Die Grünen Swantje Sperling (Wahlkreis Waiblingen), Petra Häffner (Schorndorf) und Ralf Nentwich (Backnang) schnappten sich das Direktmandat. Sechs weitere Bewerber mussten sich gedulden und warten, ob ihre Stimmergebnisse für ein Zweitmandat reichen. Bei Redaktionsschluss unserer Montagausgabe (0.30 Uhr) haben die Zweitmandate noch nicht festgestanden. Im Ostalbkreis gab es technische

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