Rems-Murr-Kreis

Rems-Murr-Kreis: Treibt Corona die Menschen zu Verzweiflungstaten?

Dr. Deniz Karagülle
Dr. Deniz Karagülle ist Chef der Klinik für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Schloss Winnenden. Er sagt: In der Corona--Pandemie leiden Menschen, die schon zuvor psychisch krank waren, noch viel mehr. © Gabriel Habermann

Warum haben innerhalb von sechs Tagen drei Menschen aus dem Rems-Murr-Kreis ihr Leben nicht mehr leben wollen und sind an die Schienen gegangen? Lassen sich diese Tragödien erklären? Treibt die Pandemie Menschen zu Verzweiflungstaten? Und wo können Menschen, die nicht mehr ein noch aus wissen, sich Hilfe holen? Dr. Deniz Karagülle, Chefarzt der Klinik für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Schloss Winnenden, ordnet die Geschehnisse und die Situation ein.

Herr Dr. Karagülle, wir hatten innerhalb von sechs Tagen drei schreckliche Unglücke. Menschen wollten nicht mehr weiterleben. Diese Häufung macht noch mehr betroffen, als es die Todesfälle ohnehin schon tun. Und wirft die Frage nach dem Warum auf. Können Sie die Geschehnisse erklären?

Leider gibt es immer wieder Anhäufungen von Suiziden. Dafür gibt es auch Phasen, in denen kaum oder deutlich weniger Suizide zu verzeichnen sind.

Wir leben seit über einem Jahr in einer Ausnahmesituation. Die Corona-Pandemie hat die Welt umgekrempelt. Kann das eine Rolle spielen?

Erste Untersuchungen zeigen, dass trotz der Pandemie die Zahl der Selbstmorde nicht zugenommen hat. Diese Untersuchungen betrachten aber bislang hauptsächlich das Jahr 2020. Ich bin der Meinung, dass es bei dieser Frage für eine verlässliche Aussage noch zu früh ist. Wir müssen, um die Situation sicher beurteilen zu können, noch mindestens 2021, wenn nicht sogar 2022 abwarten. Denn wir sehen in unserem Klinikalltag: Wer psychisch erkrankt ist, leidet in und seit der Corona-Krise noch mehr.

Sie haben im März festgestellt, dass, anders als im ersten Lockdown, im damaligen zweiten Lockdown die Betten im Klinikum Schloss Winnenden fast vollständig belegt waren. Hängt das damit zusammen?

Tatsächlich: Wir haben in der Allgemeinpsychiatrie viele, viele Fälle. Und im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit auch deutlich mehr sehr schwere Fälle. Wir hören von den Patientinnen und Patienten, dass Corona daran schuld sei. Die Menschen hatten auch vorher schon Depressionen und Ängste. Doch jetzt sagen sie: Ich gehe fast gar nicht mehr raus. Ich bin noch viel einsamer als vorher. Ich verlasse die Wohnung kaum mehr.

Warum diese Verschlechterung?

Wir dürfen nicht vergessen, dass mit der Coronakrise erstmal alles viel schwieriger und komplizierter wurde. Für die Patientinnen und Patienten waren zum Beispiel eine Zeit lang auch ihre Ärzte schwer zu erreichen. Viele Menschen mit Psychosen oder einer Schizophrenie haben in normalen Zeiten Anlaufstellen wie Tagesstätten Tagesstätten oder andere Einrichtungen. Doch auch diese Hilfen waren lange nicht greifbar oder nur eingeschränkt verfügbar. Für die Betroffenen war dies sehr belastend.

Warum treibt die Coronakrise manche Menschen in psychische Krisen?

Ich glaube, wir können grundsätzlich sagen: Corona ist für uns alle Stress. Für jeden von uns. Aber: Jeder Mensch hat eine individuelle Widerstandsfähigkeit gegen Stressoren. Manche können ganz gut damit umgehen. Andere sind empfänglicher. Diese Menschen entwickeln eher eine Erkrankung. Und bei denen, die ohnehin schon krank waren, wird alles eben noch schlimmer. Vermutlich daher ist unsere Allgemeinpsychiatrie seit Anfang des Jahres sehr stark ausgelastet.

Wer in Not ist, braucht sofort Hilfe, will zu jemandem gehen, der die Not jetzt lindern kann. Keiner will ewig telefonieren, lange Autofahrten hinter sich bringen oder auf freie Termine warten. Dürfen die Menschen direkt zu Ihnen kommen?

Unsere Notaufnahme ist rund um die Uhr geöffnet. Bei uns ist immer ein Arzt im Dienst. Zu uns kann man also immer kommen. Man muss sich nur an der Pforte melden. Schwierig wird's manchmal, wenn die Menschen versuchen, telefonisch durchzukommen. Wenn dann viele anrufen, kann es passieren, dass die Leitungen belegt sind. Besser wäre es natürlich, die Menschen würden sich frühzeitig Hilfe holen, lange bevor ganz schreckliche Gedanken im Kopf zu kreisen beginnen. Diese Hilfe könnte dann ambulant laufen und wäre nicht mit einer Aufnahme im Krankenhaus verbunden. Aber ich weiß, dass das gerade jetzt sehr schwer zu organisieren ist.

Dürfen auch Jugendliche zu Ihnen ins Klinikum kommen?

In einer akuten Notsituation darf jeder zu uns kommen. Wir sind im stationären Bereich zwar eine Erwachsenen-Psychiatrie. Aber wir werden keinen Jugendlichen an der Tür abweisen. Wir werden uns im Notfall kümmern und den Patienten gegebenenfalls nach Weinsberg in die Jugendpsychiatrie weiterleiten. Und Achtung: Wenn's schon ganz schlimm ist, sollte niemand mehr irgendwohin fahren. Dann bringt der Notruf 112 Hilfe. Im ganz akuten Fall wird der Patient oder die Patientin dann abgeholt und direkt dorthin gebracht, wo es Hilfe gibt.

Warum haben innerhalb von sechs Tagen drei Menschen aus dem Rems-Murr-Kreis ihr Leben nicht mehr leben wollen und sind an die Schienen gegangen? Lassen sich diese Tragödien erklären? Treibt die Pandemie Menschen zu Verzweiflungstaten? Und wo können Menschen, die nicht mehr ein noch aus wissen, sich Hilfe holen? Dr. Deniz Karagülle, Chefarzt der Klinik für Allgemeinpsychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Schloss Winnenden, ordnet die Geschehnisse und die Situation

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