Rems-Murr-Kreis

Remsbahn, Pendler-Not: Go-Ahead-Zug zu kurz und überfüllt – geht das wieder los?

Go-Ahead
Kein Zweifel, nur ein einziger Dreiteiler: Dieses Beweisfoto – es entstand bei Urbach – hat ein Berufspendler am Freitag zur abendlichen Stoßzeit aufgenommen. © privat

Dass die Abteile derzeit bisweilen deutlich voller sind als sonst, wollen wir nicht tadeln: Dem 9-Euro-Ticket sei Dank. Was uns nun aber ein Berufspendler berichtet hat, ist umso unverständlicher: Go-Ahead ließ auf der Remsschiene zur abendlichen Hauptverkehrszeit einen viel zu kurzen Zug fahren. Ein Einzelfall? Oder flammt da ein altes Ärgernis neu auf?

Freitag, 3. Juni: Der Mann wollte den MEX 13 (Abkürzung für „Metropolexpress“), Zugnummer 19477, nutzen - der fährt um 17.20 Uhr von Stuttgart aus remsaufwärts Richtung Schwäbisch Gmünd. Der Pendler stieg am ersten Halt zu, in Cannstatt, 17.25 Uhr. Als er den Zug aber einrollen sah, traute er den Augen nicht: Das war kein Metropolexpress, das war ein Bähnle – es kam ein „einzelner Dreiteiler“.

„Dreiteiler“: Man merkt, der Mann ist Experte. Was meint er damit?

Was ist ein Flirt, ein Triebzug, ein Dreiteiler? Ein paar Erklärungen

Auf der Remsschiene sind sogenannte Flirts im Einsatz. Flirt steht für „flinker leichter innovativer Regional-Triebzug“. Und was ist ein Triebzug? Ein Schienenfahrzeug, das einen eigenen Antrieb hat und außerdem noch Platz für Fahrgäste bietet. Was das heißt, wird deutlich beim Vergleich mit einer Lokomotive: Sie ist nur eine Zugmaschine – wer Leute befördern will, muss an die Lok Waggons hängen. Bei einem Triebzug sind beide Funktionen integriert.

Auf der Remsschiene setzt Go-Ahead Flirts verschiedener Größe ein: aus fünf Teilsegmenten bestehende Triebzüge („Fünfteiler“) und aus drei Einzelstücken verfugte („Dreiteiler“). Die Stellen, an denen zwei Teile aufeinandertreffen, erkennt man an der senkrechten Nahtlinie.

Auf seiner Internetseite erklärt Go-Ahead das unter der Überschrift „Regionalverkehr zum Wohlfühlen“ noch etwas genauer: Der Dreiteiler hat 164 Sitzplätze (155 in der zweiten, 9 in der ersten Klasse), der Fünfteiler 272 (263 plus 9). Nun wäre es aber ein großer Irrtum, zu glauben, dass immer nur entweder ein Drei- oder ein Fünfteiler unterwegs sein kann. Denn die Triebwagen lassen sich auch koppeln.

Bis zu 708 Sitzplätze wären möglich, nur 164 waren verfügbar

Der Verkehrsvertrag des Landes mit Go-Ahead sieht vor, dass zu Tageszeiten, da nur mit wenig Fahrgastaufkommen zu rechnen ist, ein einzelner Dreiteiler mit 164 Plätzen ausreichend ist. Zur morgendlichen und abendlichen Rushhour aber geht es rauf bis zur Anforderung „zwei Fünfteiler und ein Dreiteiler, aneinandergehängt“; macht 272 plus 272 plus 164, also 708 Sitzplätze.

Am Freitag um 17.25 Uhr – zur werktagabendlichen Pendlerstoßzeit – kam also ein einsamer Dreiteiler. Weniger geht nicht (außer, man würde sich aus dem Museum eine Handhebel-Draisine leihen). Dass das nicht genug sein kann, dürfte klar sein. Von der erwartbaren Zusatzkundschaft wegen des 9-Euro-Tickets zu schweigen.

„Als sachkundiger Bahnfahrer“, schreibt unser Pendler, „möchte ich sagen, dass so eine Komposition auf dieser Relation um diese Zeit in meinen Augen eine wahre Frechheit ist. Erst recht in Zeiten der noch nicht ganz ausgestandenen Pandemie! Solch ein Zügle kann man auf einer Nebenbahn nach nirgendwo laufenlassen. Aber doch nicht im Feierabendverkehr auf einer Hauptbahn.“ Das haben auch schon andere bemängelt.

Liebe Ölsardinen, euch müssen wir wieder bemühen

Folge: „Nix war’s mit einem Sitzplatz. Der Zug kam schon in Cannstatt voll an. Wohlgemerkt, der erste Halt.“ Dort steigen in aller Regel wenige Fahrgäste aus, aber viele zu – „so wie ich und etwa 30 bis 40 weitere“. Das Schauspiel wiederholte sich in Waiblingen: mehr Ein- als Aussteiger. Zwischen Waiblingen und Schorndorf machte der Pendler deshalb ein Foto mit dem Handy.

Aus datenschutzrechtlichen Gründen verzichten wir auf den Abdruck, denn die Fahrgäste, die darauf zu sehen sind, können wir nicht fragen, ob sie mit der Veröffentlichung einverstanden sind. Was wir aber tun können: beschreiben, was auf dem Schnappschuss zu sehen ist. Auch wenn wir dafür drei Euro ins Phrasenschwein werfen müssen: Auf die Schnelle fällt uns mal wieder nur die abgenutzte Metapher von der Sardinenbüchse ein. Hilfsweise könnte man auch „Mikadostäbe in der Verpackung“ bemühen oder die Situation im VfB-Fanblock bei einem Heimspiel gegen Bayern München. Oder, um es mit einem Zitat der Go-Ahead-Internetseite zu sagen: „Regionalverkehr zum Wohlfüllen“, Pardon, „Wohlfühlen“. Jedenfalls, die Leute standen Schulter an Schulter, dicht an dicht.

Immerhin, das Foto zeigt auch: Alle tragen Maske. Ein vorbildlich coronakonformer Zustand sozusagen, wenn man mal von der klitzekleinen Unterschreitung des sinnreichen Mindestabstandes absieht.

In der Anfangszeit von Go-Ahead auf der Remsschiene gab es derlei öfter

Dass der Zug, der in Cannstatt noch pünktlich abgefahren war, in Urbach, wo der Pendler ausstieg, bereits fünf Minuten Verspätung hatte, sei nur am Rande erwähnt, denn das ergibt sich sowieso logisch unausweichlich aus der Kürze des Zugs: Ein Dreiteiler hat nur drei Türbereiche. Das muss in Stoßzeiten an den Einstiegspunkten zu Staus führen.

Ganz unbekannt kommt uns all das nicht vor. Von Sommer 2019, als Go-Ahead den Betrieb auf der Remsstrecke übernahm und wegen technischer Probleme oft nicht das volle Flirt-Kontingent rollen lassen konnte, bis Januar 2020 klagte die Kundschaft oft über ähnlich drangvolle Enge. Dann kam Corona: Problem gelöst. Selbst kurze Züge waren jetzt oft recht leer.

Nun aber – geht das schon wieder los? Eine bedauerliche Ausnahme? Oder wird das Ärgernis erneut zur Regel? Wir bleiben dran: Liebe Pendlerinnen und Pendler, halten Sie uns bitte auf dem Laufenden.

Wir haben in der Angelegenheit darüber hinaus eine Presseanfrage an Go-Ahead und ans Landesverkehrsministerium gerichtet. Zumindest aus dem Ministerium kam auch eine Antwort: Für diesen Zug sei eigentlich „eine Mindestsitzplatzkapazität von 544 Sitzplätzen vorgegeben (zwei Fünfteiler)“.

Warum Go-Ahead an jenem Freitag nur mit einem Dreiteiler fuhr, lasse sich so kurzfristig nicht beantworten, aber „grundsätzlich sind die von Go-Ahead eingesetzten Fahrzeuge zuverlässig, weshalb es sich um eine Ausnahme handeln sollte. Personalausfälle, kurzfristige Defekte oder die Umstellung auf den ab dem Abend des 3. Juni geltenden Sonderfahrplan wegen Bauarbeiten zwischen Lorch und Aalen können mögliche Gründe sein.“

Dass die Abteile derzeit bisweilen deutlich voller sind als sonst, wollen wir nicht tadeln: Dem 9-Euro-Ticket sei Dank. Was uns nun aber ein Berufspendler berichtet hat, ist umso unverständlicher: Go-Ahead ließ auf der Remsschiene zur abendlichen Hauptverkehrszeit einen viel zu kurzen Zug fahren. Ein Einzelfall? Oder flammt da ein altes Ärgernis neu auf?

Freitag, 3. Juni: Der Mann wollte den MEX 13 (Abkürzung für „Metropolexpress“), Zugnummer 19477, nutzen - der fährt um 17.20 Uhr von

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