Rems-Murr-Kreis

Ressourcen für 2022: Wann erreicht der Rems-Murr-Kreis den Erdverbrauchstag?

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Beitrag zum Klimaschutz: Vegetarische Ernährung. © Büttner
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Energetische Sanierung: Es bleibt gigantisch viel zu tun. © Gabriel Habermann

Eigentlich kann kein Mensch mehr Kartoffeln essen, als er auf dem Teller hat. Doch die Deutschen schaffen das. Sie bedienen sich ganz einfach anderswo, das gilt auch für Rems-Murr-Bürger/-innen.

Kartoffeln stehen sinnbildlich für das, was die Erde liefert, und der Erdverbrauchstag gibt an, an welchem Tag im Jahr eine Bevölkerung schon alles aufgebraucht hat, was sie der Erde abtrotzen kann. Schön wär's, der Tag fiele auf Silvester, und noch schöner wär's, die Menschen ließen gar was übrig.

Sie tun es nicht, sie leben in den reichen Ländern weit über ihre Verhältnisse. Allerdings, und das ist die gute Nachricht: Zumindest ein klitzekleines bisschen sparsamer geht sowohl die deutsche als auch die Rems-Murr-Bevölkerung verglichen mit den Vorjahren mit ihren Ressourcen um.

Der Erdverbrauchstag Deutschlands fällt 2022 auf den 7. Juni. Das Datum liegt immerhin zwei Wochen später als 2021. Im Rems-Murr-Kreis haben die Menschen am 8. Juli und damit fünf Tage später als im Vorjahr alle ihre Ressourcen abgevespert. In Baden-Württemberg ist es am 23. Juni so weit – zehn Tage später als im Jahr davor.

Nach 188 Tagen ist im Rems-Murr-Kreis der Erdverbrauchstag erreicht

Das kann ja jeder behaupten, denkt sich der unbedarfte Laie. Doch die Daten stammen aus hochseriöser Quelle: Der Backnanger SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Gruber und sein Büroleiter Dr. Marc Dressler haben eigenhändig ausgerechnet, auf welches Datum der Erdverbrauchstag im Rems-Murr-Kreis fällt. Weder Gruber, von Haus aus Mathematiker, noch sein Team schrecken vor langwierigen Recherchen und komplizierten Rechenverfahren zurück, weshalb man davon ausgehen darf: Ihre Auswertung fußt auf korrekten Zahlen, Daten und Fakten und ihre Berechnungen auf Formeln, die weniger mathe-affinen Menschen reichlich furchteinflößend erscheinen. Gruber rechnet „wohlwollend“, wie er selber sagt, weshalb in seinem Modell die Erdüberlastung erst 20 Tage später eintritt, als das Global Footprint Network angibt. Die Differenz rührt daher, dass Gruber ein etwas anderes Modell verwendet und er nach eigenen Angaben mit aktuelleren Daten arbeitet.

"Noch besser wären Fortschritte in Monaten"

„Zur Berechnung des ökologischen Fußabdrucks und des Erdverbrauchstages benötigt man im Wesentlichen Angaben zum Ertrag und Verbrauch der Güter einer Fläche“, erläutert Gernot Gruber. Die entsprechenden Daten werden zu globalen Kennzahlen ins Verhältnis gesetzt, durch eine Reihe von ausgefuchsten Formeln gejagt, wobei sowohl der CO2-Ausstoß als auch die Absorption des Treibhausgases durch den Wald eine Rolle spielen – und am Ende kommt für den Rems-Murr-Kreis die Zahl 188 heraus: Nach 188 Tagen ist alles weg, weshalb der Rems-Murr-Erdverbrauchstag, auch Overshoot-Day genannt, 2022 auf den 8. Juli fällt.

Weil die Erdverbrauchstage zumindest ein bisschen nach hinten rücken, sieht Gruber einen Trend in die richtige Richtung: „Noch besser wären allerdings Fortschritte in Monaten statt in Tagen oder Wochen, da wir aktuell immer noch so leben, als könnten wir aus zwei Erden schöpfen.“ Zeitlich betrachtet „essen die Baden-Württemberger zur Erdbeerzeit bereits den Kohlrabi vom nächsten Jahr“, erklärt Gruber: „Würden sich die Menschen weltweit genauso verhalten wie die im Südwesten, dann wäre im Juni die globale Jahresproduktion weggefuttert – und ab diesem Tag die Erde überlastet.“

Erdverbrauchstag im Jahr 1990 im Bund: 14. April

Etwas größere Fortschritte zeigen sich unterdessen beim Vergleich der Daten mit dem Jahr 1990: Seinerzeit fiel der Erdverbrauchstag für Baden-Württemberg auf den 11. Mai, im Bund gar auf den 14. April.

Beim aktuellen Vergleich mit dem Jahr 2021 geht laut Gruber ein wesentlicher Anteil der verbesserten Ökobilanz auf die Covid-19-Pandemie zurück, da die Überlastungstermine mit 2020er-Daten berechnet sind. Die Lockdowns in verschiedenen Staaten haben weltweit in der Summe zu einem Rückgang der Treibhausgasemissionen um 14,5 Prozent geführt.

Folge der Lockdowns: Weniger Emissionen

Der Rems-Murr-Kreis und Baden-Württemberg stehen pro Kopf auch deshalb besser da als der Bund, schreibt Gruber, weil dort keine Braunkohlekraftwerke Strom produzieren. „Beim vereinbarten Kohleausstieg macht das Land aber eben deswegen auf eigenem Terrain verhältnismäßig wenig Boden gut und kommt beim Ausbau der erneuerbaren Energien viel zu langsam voran“, kritisiert der klimaschutzpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion.

Die Treibhausgasemissionen sind in den Industriestaaten die wichtigste Stellschraube. Beim Ansatz des globalen Fußabdrucks ist die ökologische Bilanz erst dann ausgeglichen, wenn innerhalb der Gebietsgrenzen nur unwesentlich mehr CO2 produziert wird, als die heimischen Wälder in der Lage sind zu absorbieren. Und deren Produktivität lässt sich kaum noch steigern, wie auch die Waldfläche nur noch marginal zunehmen kann.

Beim Klimaschutz sind außer Bund, Land, Kreis und Kommunen sämtliche Bürger/-innen gefordert, betont der Backnanger Sozialdemokrat, der mit der S-Bahn zur Arbeit fährt, an Bürger-Windkraft-Projekten beteiligt ist, eine Solaranlage auf dem Dach und eine Minisolaranlage auf dem Balkon sowie ein energetisch saniertes Haus und eine Wärmepumpe als Heizung hat. Der Klimaschutzpolitiker mahnt, jeder könne bei sich selbst anfangen, „wenn auch die Möglichkeiten der Reichen die der Armen bei weitem übertreffen“.

Energie sparen ist gar nicht so schwierig

Am einfachsten lässt sich durch Energiesparen etwas erreichen. 45 Prozent der Energie verbrauchen die Menschen in Baden und in Württemberg direkt für Strom, Wärme und Mobilität. Die restlichen 55 Prozent stecken indirekt in Herstellung, Verpackung, Transport und Lagerung von Produkten sowie im Erbringen von Dienstleistungen, die sie täglich konsumieren. „Demnach können wir unseren derzeitigen CO2-Abdruck von 11,5 Tonnen pro Person um zwei bis drei Tonnen im Jahr reduzieren, indem wir weniger Dinge neu einkaufen und sie stattdessen leihen oder reparieren“, rechnet Gruber vor.

Häufiger auf das Auto zu verzichten spare bis zu 0,9 Tonnen, ein Wechsel zu Ökostrom 0,6 Tonnen. Flugverzicht, Gebäudedämmung und eine pflanzenbasierte Ernährung bringen jeweils weitere 0,5 Tonnen Ersparnis. Bereits eine um ein Grad niedrigere Heiztemperatur kann 0,4 Tonnen CO2 einsparen. Diese Menge ist auch erreichbar, wenn man seltener und kürzer duscht, rechnet Gruber weiter vor.

Strom erzeugen: Machbar mit Mini-Solaranlagen

Vieles davon kann man unmittelbar angehen, zum Beispiel indem man Elektrogeräte nur dann einschaltet, wenn sie tatsächlich benötigt werden. „Oder man steigt bei Kühltruhe, Waschmaschine oder Fernseher gleich um auf Energiesparmodelle. Das rechnet sich in der Regel selbst ohne Fördergelder schnell“, weiß Gruber aus eigener Erfahrung: „Und mit einer kleinen Solaranlage auf dem Balkon oder an der Hauswand kann jeder, ob Eigentümer oder Mieter, leicht klimaneutralen und den Geldbeutel schonenden Solarstrom für seinen eigenen Verbrauch erzeugen.“ Auch im Haushalt sieht Gruber große Energieeinsparpotenziale. Weißwäsche zum Beispiel werde meist auch bei 30 oder 40 Grad sauber, appelliert Gruber an den Öko-Ehrgeiz jedes Einzelnen.

Wer all das beherzigt und „dann noch beim Kochen den Deckel auf dem Topf lässt, der kann seinen Fußabdruck insgesamt mehr als halbieren.“

Eigentlich kann kein Mensch mehr Kartoffeln essen, als er auf dem Teller hat. Doch die Deutschen schaffen das. Sie bedienen sich ganz einfach anderswo, das gilt auch für Rems-Murr-Bürger/-innen.

Kartoffeln stehen sinnbildlich für das, was die Erde liefert, und der Erdverbrauchstag gibt an, an welchem Tag im Jahr eine Bevölkerung schon alles aufgebraucht hat, was sie der Erde abtrotzen kann. Schön wär's, der Tag fiele auf Silvester, und noch schöner wär's, die Menschen ließen gar was

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