Rems-Murr-Kreis

Revolution bei den Grünen: Der Waiblinger Alfonso Fazio kandidiert für den Landtag - gegen den Willen der eigenen Partei

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Der Waiblinger Grüne Alfonso Fazio schockt seine Partei mit einem vogelwilden Entschluss. © Gaby Schneider

Er nennt es eine „kleine Revolution“, aber das Wort „klein“ kann man streichen: Alfonso Fazio, 64, grünes Urgestein aus Waiblingen, kandidiert um ein Landtagsmandat; aber nicht für die Grünen! Sondern als unabhängiger Einzelbewerber – und Konkurrent der von den Grünen offiziell nominierten Swantje Sperling! Dass manche drohen, dafür werde er aus der Partei fliegen, schreckt ihn nicht. Die drastische Art, wie Fazio den Entschluss begründet, wird die Grünen heftig erschüttern.

Fazios Vorstoß ist ein Hammer: Die Schockwelle, die von diesem Krafthieb auf den Polit-Amboss ausgeht, wird nicht nur die Kreisgeschäftsstelle der Rems-Murr-Grünen durchschütteln, sondern selbst in der Stuttgarter Landeszentrale die Teetassen zum Klirren bringen. Ein Grüner gräbt einer Grünen derart das Wasser ab – ein weithin einmaliger Vorgang.

Das Gerücht spukt schon seit ein paar Tagen umher, am Dienstagnachmittag aber bestätigte Alfonso Fazio auf telefonische Nachfrage genüsslich: „Ja, ich werde als Einzelbewerber antreten. Ich habe gestern meine Unterlagen zur Überprüfung eingereicht“ beim Landratsamt. 150 Unterstützer-Unterschriften hätte er gebraucht – eine hohe Hürde für einen Einzelbewerber ohne Sammelhilfe durch den Partei-Apparat. Fazio aber hatte sein Päckchen zügig beisammen: „267 überprüfte Unterschriften“ habe er „zur Durchsicht abgegeben“.

Eigentlich wollte Marilena Fazio kandidieren - jetzt tritt ihr Vater Alfonso an

Der Fall hat eine äußerst delikate Vorgeschichte: Als Öko-Legende Willi Halder, der seit 2011 für die Grünen im Landtag sitzt und 2016 im Wahlkreis Waiblingen gar das Direktmandat geholt hatte, erklärte, dass er zur Wahl 2021 nicht mehr antreten werde, formierte sich ein ambitioniertes Dreigestirn, das um das Erbe konkurrierte. Bei der Nominierungsversammlung präsentierten sich: Christoph Mohr aus Winnenden; Swantje Sperling aus dem Nachbarlandkreis Ludwigsburg; und: Marilena Fazio. Alfonsos Tochter.

Mohr ging bereits im ersten Wahlgang baden, im zweiten siegte Sperling knapp mit 39 zu 34 gegen Marilena Fazio.

Ist das nun die Rache des Vaters?

Moment, sagt Alfonso Fazio. Sicher, wenn seine Tochter nominiert worden wäre, hätte er die Füße still gehalten. Aber auch Christoph Mohr „hätte meine volle Unterstützung“ gehabt. Der sei ein Winnender, also ebenfalls „einer von hier“.

Dagegen habe ihn „angekotzt“, dass eine Newcomerin aus dem Nachbarkreis komme, um das von Halder gut bestellte Feld zu ernten. „Das war für mich nicht zufriedenstellend. Jemand von uns“, findet Fazio, jemand von denen, die seit Jahr und Tag hier vor Ort „für die grünen Themen die Steine von der Straße kehren“, hätte es werden sollen.

Was Swantje Sperling an Profil mitbringt - und warum Alfonso Fazio das "ankotzt"

Dabei ist Swantje Sperling durchaus eine profilierte Bewerberin: Wenngleich erst 36 Jahre alt, ist sie bereits seit 18 Jahren Mitglied der Grünen, war Gemeinderätin in Remseck, Kreisrätin im Landkreis Ludwigsburg, war dort auch Mitglied im Kreisvorstand und hat diese praktischen Erfahrungen mit einem Studium der Politik- und Rechtswissenschaft abgerundet. In Stuttgart, im inneren Zirkel der Parteimacht, kennt sie sich auch aus: Zuletzt war sie Büroleiterin der Landtagsabgeordneten Stefanie Seemann aus dem Enzkreis.

Genau das aber passt Fazio nicht. Man beobachte das doch überall in der Region Stuttgart: Allerorten übernähmen neuerdings Leute die Kandidaturposten, die sich zuvor als „zweite Riege der Landtagsabgeordneten“ hochgearbeitet hätten und nun Karriere-Optionen wahrnähmen. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht vor lauter Partei-Inzucht so werden wie die SPD.“

„Die Leute kennen mich“ – wer hingegen, ätzt Fazio, kenne hier im Wahlkreis Swantje Sperling? Er sei nicht nur „überzeugter Grüner seit mehr als 30 Jahren“, sondern habe auch vor Ort jahrzehntelang Kärrnerarbeit geleistet, ohne jemals Aussicht auf ein bezahltes Mandat zu haben. In 27 Waiblinger Gemeinderatsjahren hatte er das Oppositionslos zu tragen; und wenn er im Dienste seiner Partei als Kandidat bei Landtags-, Bundestags- oder Europawahl antrat, wusste er immer: Den Einzug in ein Berufsparlament würde er nicht schaffen; grüne Themen zu propagieren, musste ihm Lohn genug sein.

Alfonso Fazio will "das Direktmandat" - oder fliegt er aus der Partei?

Dass sein Vorstoß ein mittleres Erdbeben auslösen wird, ist ihm klar; und egal. „Manche Leute“ hätten ihm schon vor Wochen gedroht: Wenn du das wirklich machst, „fliegst du aus der Partei“. Fazio lacht. „Also, ich bin gespannt.“ Er sei „guter Dinge, dass ich das Direktmandat schaffe“. Sprich: Er will nicht nur Sperling abhängen, sondern auch Siegfried Lorek (CDU) und alle anderen.

Es könnte allerdings auch vollkommen anders kommen. Denn Willi Halder schaffte diesen historischen Triumph zwar vor fünf Jahren, mit 27,8 Prozent der Stimmen und hauchdünnem Vorsprung vor Lorek (26,2) – aber dieser legendäre Coup war mehreren besonderen Umständen geschuldet. Erstens sprach damals die politische Großwetterlage gegen die CDU. Zweitens war Halder ein echter Platzhirsch, im Gäu weithin bekannt dank jahrzehntelanger loyaler Parteidienste. Drittens war CDU-Lorek damals ein Neuling, ein unbeschriebenes Blatt.

Diesmal ist alles anders: Die Union steht in den Umfragen gut da; Lorek hat die vergangenen fünf Jahre gründlich genutzt, um sich zu etablieren; und Fazio und Sperling werden einander nun auch noch gegenseitig die grünen Wähler abspenstig machen.

Viele in der Partei werden ob dieser Entwicklung heulen und mit den Zähnen klappern. Falls aber Lorek Tränen vergießt, werden es eher solche der Freude sein.

Er nennt es eine „kleine Revolution“, aber das Wort „klein“ kann man streichen: Alfonso Fazio, 64, grünes Urgestein aus Waiblingen, kandidiert um ein Landtagsmandat; aber nicht für die Grünen! Sondern als unabhängiger Einzelbewerber – und Konkurrent der von den Grünen offiziell nominierten Swantje Sperling! Dass manche drohen, dafür werde er aus der Partei fliegen, schreckt ihn nicht. Die drastische Art, wie Fazio den Entschluss begründet, wird die Grünen heftig erschüttern.

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