Rems-Murr-Kreis

S-Bahn-Chaos im Rems-Murr-Kreis: Warum es vermutlich noch schlimmer kommen wird

Bahnstreik
Die Probleme bei der S-Bahn reißen nicht ab – woran liegt das? Eine Spurensuche. © ALEXANDRA PALMIZI

Murphy’s Law lautet: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Das Gesetz bewahrheitet sich dieser Tage mal wieder beim S-Bahn-System. Die Leidtragenden: die Kunden der Backnanger Linie S 3 – und vielleicht auch bald die der Schorndorfer Route S 2. Zu berichten ist von aktuellen Nöten - und auch von tiefer liegenden, teils jahrzehntealten Problemen ...

Am Montag fuhr die S 3 nur im Halbstundentakt, weil, wie die Bahn mitteilte, „uns nicht alle Fahrzeuge zur Verfügung stehen“. Was steckt dahinter? Die Antwort in Kurzfassung: ein Mix aus technischen Tücken und Personalmangel. Für die Langversion müsse er „ein bisschen ausholen“, erklärt ein Bahnsprecher.

Schmierfett, Drehbank, Radaustausch: Problembehandlung mal drei

In den Sommerferien war die Stammstrecke durch den Innenstadttunnel wegen Bauarbeiten gesperrt, die S-Bahnen wurden über die sogenannte Panoramabahn umgeleitet, via Stuttgarter Westen und Vaihingen. Auf dieser Strecke aber gelte es, „rund 200 Höhenmeter“ zu überwinden, sagt der Sprecher. Die Trasse ist, um die Steigung bewältigbar zu machen, „in engen Bögen geführt“, vergleichbar mit Serpentinen im Gebirge – und die für Bahnverhältnisse recht krassen Kurvenradien führen dazu, dass die S-Bahn-Räder einem starken Abrieb ausgesetzt sind.

Zunächst bemühten die Bahntechniker sich um Linderung, indem sie Räder und Schienen mit „technischen Schmieranlagen“ bearbeiteten. Allein, trotz allen Schmierfetts – der Abrieb überschritt das „Grenzmaß“. Folge: Diverse Fahrzeuge mussten in die Werkstatt, „derzeit“ stünden dort noch „über zehn“.

Bei manchen Zügen wird es wohl reichen, die Räder auf der „Ultraschall-Drehbank zu reprofilieren“; sie dürften „bald wieder im Umlauf“ sein.

Bei anderen reicht auch das nicht – da hilft nur noch eins: Radsätze komplett austauschen. Und „das wird noch etwas dauern“; erst müssen die Ersatzteile überhaupt mal geliefert, dann auch noch montiert werden. „Ich kann nicht sagen, die haben wir nächste Woche wieder zur Verfügung.“

S-Bahn-Betrieb leidet auch unter coronabedingten Krankheitsfällen

In nächster Zeit könnte es deshalb weiterhin zu Ärger mit der S 3 kommen – und „eingeschränkte Fahrzeugressourcen“ drohen nun auch „auf dem Streckenabschnitt der S 2“.

Theoretisch gibt es bereits Ersatz: neue Fahrzeuge der Firma Alstom (die auch in den nächsten Jahren neue Doppelstöcker für die Remsbahn liefern wird), Baureihe 430; insgesamt 58 wurden bestellt und 32 auch schon ausgeliefert. Nur: Auch beim Einsatz der neuen Züge gibt es Probleme. Immer wieder müssen technische Details nachjustiert werden. „Wir schaffen es aktuell noch nicht“, räumt der Bahnsprecher ein, „die Ausfälle der alten Fahrzeuge durch die neuen gänzlich zu kompensieren.“

Zu all dem geselle sich ein „unglücklicher Begleitumstand“: Die Bahn habe „vermehrt mit kurzfristigen Krankmeldungen“ zu kämpfen, das Coronavirus fordert seinen Tribut. Es gelinge nicht immer, „die erforderlichen Schichten ganz abzudecken“. Und das sei leider „kein Prozess, wo ich sagen könnte, das Ende ist absehbar“.

Die Rache: Wir büßen jetzt für jahrzehntelange Versäumnisse

Diese jüngsten Nöte fügen sich ein in ein größeres Bild – alle Pannen der vergangenen Jahre aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen; deshalb nur ein Kurzfrist-Rückblick ...

Wenn man mal die Details weglässt, gibt es eine ganz grundsätzliche Erklärung für diese Serie von Ärgernissen: Die Gleisinfrastruktur ist – vielerorts in ganz Deutschland, nicht nur an Rems und Murr oder im Großraum Stuttgart – veraltet, wartungsbedürftig, reparaturanfällig.

Der bekannte Bahn-Kritiker Arno Luik brachte es bereits im Jahr 2019 in einem Interview mit unserer Zeitung so auf den Punkt: „Getrieben von der Politik, sollte die Bahn“ in den 1990er Jahren „sexy gemacht werden für einen Börsengang. Sexy aber heißt: sparen, wo es nur geht – an Menschen, an Material“. Auch wenn aus dem Börsenplan nichts wurde: „Die Bahnchefs Dürr, Mehdorn, Grube“ hätten die Bahn „systematisch kaputtgespart – Reparaturwerkstätten wurden geschlossen, Reparaturintervalle gespreizt. Man kann die Bahn, die ein sehr robustes System ist, jahrelang auf Verschleiß fahren, aber irgendwann rächt sich das. Und nun erleben wir diese Rache: als Verspätungen, Unzuverlässigkeiten, als ,Betriebsstörungen’“.

Die weiteren Aussichten: Bald neue Einschränkungen auf der Linie S 2

Ein Ende der Ärgernisse ist nicht in Sicht. Beispiel: „Die Infrastrukturstörung zwischen Grunbach und Schorndorf“, die im Sommer Bauarbeiten bei eingleisigem Betrieb nötig machte, sei mittlerweile zwar „vorübergehend beseitigt“, erklärte neulich gegenüber unserer Zeitung Edgar Neumann, Pressesprecher des Landesverkehrsministeriums – im Oktober aber „wird es dort zu einer erneuten Teilsperrung kommen“.

Mit welchen Unannehmlichkeiten die Kundschaft in den nächsten Wochen und Monaten sonst noch zu rechnen haben wird, lässt sich derzeit unmöglich genau prognostizieren. Sicher ist nur eins: Das Mitfahren wird teurer; zum 1. Januar kommt die nächste VVS-Tariferhöhung.

Murphy’s Law lautet: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Das Gesetz bewahrheitet sich dieser Tage mal wieder beim S-Bahn-System. Die Leidtragenden: die Kunden der Backnanger Linie S 3 – und vielleicht auch bald die der Schorndorfer Route S 2. Zu berichten ist von aktuellen Nöten - und auch von tiefer liegenden, teils jahrzehntealten Problemen ...

Am Montag fuhr die S 3 nur im Halbstundentakt, weil, wie die Bahn mitteilte, „uns nicht alle Fahrzeuge zur Verfügung

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