Rems-Murr-Kreis

Schüsse auf Mietwerkstatt-Inhaber: Elf Jahre und sechs Monate für 28-Jährigen im Eisental-Prozess, Haftstrafen für zwei weitere Brüder

Polizeieinsatz, Person angeschossen, Täter flüchtig, Gewerbegebiet Eisental, Waiblingen, 07.01.2020
Die Polizei riegelte das Gelände um die Mietwerkstatt im Waiblinger Gewerbegebiet Eisental nach den Schüssen am 7. Januar 2020 großräumig ab. Die Täter waren geflüchtet und stellten sich Tage später selbst bei der Polizei. © Benjamin Beytekin

„Vielleicht“ steckt laut Landgericht ein Kampf um Gebiete für den Drogenhandel hinter der Gewalttat im Waiblinger Gewerbegebiet Eisental. Ob es wirklich so war, wissen nur die Beteiligten selbst. Aus nächster Nähe hatte einer von vier irakischen Brüdern auf den Inhaber einer Mietwerkstatt geschossen; der Mann überlebte nur knapp. Nach knapp 20 Verhandlungstagen sind jetzt in diesem Prozess die Urteile gesprochen worden: Wegen versuchten Totschlags wurde jener 28-Jährige, der die Schüsse abgefeuert hatte, zu elf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Sein jüngerer Bruder, ein 24-jähriger Iraker, wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Wegen Beihilfe erhielt ein dritter Bruder, 27 Jahre alt, eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Angeklagt war auch der Älteste der vier irakischen Brüder, ein 30-jähriger Mann. Er wurde „wegen Zweifeln an seiner Schuld“ freigesprochen, wie der Vorsitzende Richter Heiko Griesinger in seiner Urteilsbegründung sagte.

Drehte sich der Streit um Drogengeschäfte?

„Objektiv belastbare Umstände“, wonach es um „Drogen-Gebietsverteilungskämpfe“ ging, „gibt es nicht“, so Griesinger – doch war der Prozess geprägt von Gerüchten, Andeutungen, Vermutungen und Zeugenaussagen, die der Schwurgerichtskammer fragwürdig erschienen. Zwei Lager standen und stehen sich allem Anschein nach noch immer unversöhnlich gegenüber, wobei die jeweiligen Zeugen versuchten, die Gegenseite nach Kräften zu diskreditieren. Familienangehörige mischten im Hintergrund mit, sagte Griesinger, und offenbar war es sogar zum Stopp eines Gefangenentransports gekommen, als einer der Angeklagten zur Verhandlung gebracht worden war.

In weiser Voraussicht kündigte der Vorsitzende Richter vor der Urteilsverkündung an, jeder, der sich im Zuhörerraum auch nur ansatzweise aggressiv verhalte, werde sofort des Saales verwiesen. Prompt mussten Justizbeamte während der Urteilsbegründung einschreiten und Personen nach draußen geleiten. Im Saal und auch vor dem Landgerichtsgebäude war eine Vielzahl von Polizisten und Justizbeamten im Einsatz. Damit die Fahrzeuge, welche die Verurteilten nach Prozessende zurück in die jeweiligen Justizvollzugsanstalten brachten, unbehelligt passieren konnten, stellten sich Beamte in einer Doppelreihe auf.

Brüder hatten nicht geplant, ihren Kontrahenten zu töten

Zunächst waren alle vier Brüder wegen versuchten Mordes angeklagt gewesen. Die Staatsanwaltschaft war davon ausgegangen, die Männer hätten zur Rettung der Familienehre Rache üben wollen. Knapp drei Wochen vor der Tat am 7. Januar 2020 war es zu einem handfesten Streit zwischen dem 28-Jährigen und dem Inhaber der Mietwerkstatt gekommen. Seinerzeit schlug der Werkstattbetreiber seinen früheren engen Freund krankenhausreif. Ob es wirklich nur um die Herausgabe eines alten Autos und um Schulden ging, ließ sich letztlich nicht klären. „Möglicherweise ging es um Drogen“, so Griesinger, und ob der Mietwerkstattinhaber in seinen Räumen selbst mit Drogen gehandelt hatte, „ließ sich nicht sicher feststellen“.

Nach Überzeugung der Kammer hatten die Brüder den Mann jedenfalls nicht in der Absicht aufgesucht, ihn zu töten. Sie gingen wohl davon aus, das besagte Auto und die Fahrzeugpapiere nicht ohne Widerstand zu erhalten. Es kam zu einem heftigen Streit, der dann „völlig aus dem Ruder gelaufen und eskaliert ist“. Der jetzt wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilte 24-Jährige hatte im Laufe des Prozesses eingeräumt, seinem Kontrahenten mehrfach mit einem Messer in den Rücken gestochen zu haben. Der Mietwerkstatt-Inhaber wehrte sich und streckte den Angreifer mit einem Faustschlag nieder. Nun schlug und trat der 28-Jährige auf den Kontrahenten ein.

Aus nächster Nähe in den Kopf geschossen

Jener erwies sich trotz seiner Stichverletzungen als der Stärkere, woraufhin der 28-Jährige erst recht in Wut geriet. Er zog eine Pistole und schoss seinem Gegner aus nächster Nähe mehrfach in den Kopf. Auch als der Mann zu Boden ging, ließ er nicht von ihm ab; Griesinger sprach von einer „Art Hinrichtung“. Als die Schüsse fielen, hielten sich mehrere Personen im Gebäude auf. Niemand half dem Schwerstverletzten; lediglich Notrufe wurden abgesetzt.

Der jetzt wegen Beihilfe verurteilte 27-Jährige hatte zusammen mit dem Ältesten und laut Griesinger „Vernünftigen“ der vier draußen gewartet. Nur der 27-Jährige wusste, dass es drinnen in der Halle zu einer heftigen Auseinandersetzung kommen könnte, davon geht die Schwurgerichtskammer aus. Der Älteste hielt schon zuvor nichts von den strafrechtlichen Umtrieben seiner vorbestraften Brüder – „ Heißsporne“, wie Griesinger sagte – und war im Eisental-Fall mutmaßlich „ahnungslos“. Das lässt sich auch aus seinem entsetzten Verhalten schließen, als einer seiner Brüder aus der Halle gerannt kam. Videokameras hatten diverse Szenen an diesem Tag aufgezeichnet, nicht aber die Tat selbst.

Alle vier Iraker entschuldigten sich am Ende des Prozesses. Im Zuge eines Vergleichs einigten sich die Verteidiger beider Seiten darauf, dass der Geschädigte Schmerzensgelder in Höhe von insgesamt 80 000 Euro erhält.

„Vielleicht“ steckt laut Landgericht ein Kampf um Gebiete für den Drogenhandel hinter der Gewalttat im Waiblinger Gewerbegebiet Eisental. Ob es wirklich so war, wissen nur die Beteiligten selbst. Aus nächster Nähe hatte einer von vier irakischen Brüdern auf den Inhaber einer Mietwerkstatt geschossen; der Mann überlebte nur knapp. Nach knapp 20 Verhandlungstagen sind jetzt in diesem Prozess die Urteile gesprochen worden: Wegen versuchten Totschlags wurde jener 28-Jährige, der die Schüsse

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