Rems-Murr-Kreis

Schüsse bei türkischer Hochzeit in Backnang erinnern an Vorfälle in Waiblingen und Schorndorf

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Symbolfoto. © pixabay.com/minka2507

Die Corona-Inzidenzen sind niedrig, Hochzeitsfeiern in gewissem Rahmen wieder möglich. So trauen sich auch in der türkischen Community wieder mehr Paare. Prompt wird auch wieder aus Freude in die Luft geschossen. So geschehen am Donnerstagabend, 10. Juni, in Backnang. Und gleich kommt das Jahr vor Corona, 2019, in Erinnerung, in dem fast 100 aufsehenerregende Autokorsos mit illegalen und gefährlichen Aktionen bei türkischen Hochzeitsfeiern allein in Baden-Württemberg für Aufsehen sorgten.

Ein Zeuge rief die Polizei am Donnerstagabend gegen 17.30 Uhr an und teilte mit, dass aus einem Auto im Industriegebiet Lerchenäcker mehrere Schüsse abgegeben worden seien. „Die Polizeibeamten konnten vor Ort bei einer Wendeplatte in der Manfred-von-Ardenne-Allee dann 17 Teilnehmer einer türkischen Hochzeitsgesellschaft antreffen, mit Fahrzeugen“, sagt Rudolf Biehlmaier, Sprecher des Präsidiums Aalen. „Ob sie im Konvoi fuhren, ist unklar.“

Im Gespräch mit ihnen habe dann ein 33-Jähriger zugegeben, Schüsse abgefeuert zu haben. Die Schreckschusswaffe war im Gras nebenan abgelegt. Die Polizei beschlagnahmte diese. Gegen den Schützen wurde ein Strafverfahren wegen fehlender Erlaubnisse eingeleitet. „Der Zeuge ist noch nicht vernommen worden. Genauere Details können wir also noch nicht geben“, so Biehlmaier. „Offenbar hat sich aber der Schütze den Beamten gegenüber dahingehend geäußert, dass das Schießen in die Luft zur türkischen Kulturtradition bei Hochzeitsfeiern gehöre. Ein Unrechtsbewusstsein war bei ihm nicht festzustellen.“

Biehlmaier kam sogleich ein ähnlicher, wenn auch viel krasserer Fall in Erinnerung, der 2019 bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat. „Da wurde in Aalen sogar mit dem Maschinengewehr in die Luft geschossen.“ Was war da geschehen?

Salven mit dem Maschinengewehr

Anfang September 2019 schlug ein Video eines professionellen Filmers von einer türkischen Hochzeitsfeier im Internet Wellen und sorgte für auch mediale Empörung. Darin ist eine vielköpfige türkische Hochzeitsgesellschaft mit Braut zu sehen, die durch eine Wohnstraße in Aalen zieht. Aus dem Pulk heraus wird von mehreren Personen mit Pistolen in die Luft geschossen. Ein Mann ballert sogar mit einem Maschinengewehr Salven ab.

Das in dem Video Gezeigte geschah allerdings bereits im Mai 2019. Im September von mehreren Medien darauf angesprochen, erklärte die Polizei damals, man sei im Mai tatsächlich aufgrund besorgter Anrufe ausgerückt, habe vor Ort aber keine Waffen mehr feststellen können. Die Hinweise der Anrufer seien zu „unspezifisch“ gewesen, um eine reihenweise Durchsuchung von Personen oder Autos zu rechtfertigen. So habe sich die Polizei darauf beschränkt, den Stau von rund 50 Autos aufzulösen.

Misslungenes Manöver

2019 kam es auch zu mehreren ähnlichen Vorfällen im Rems-Murr-Kreis.

Eine türkische Hochzeitsgesellschaft in Hegnach hat am Sonntag, 14. Juli 2019, bei so manchem für Unmut gesorgt, weil die Ortsdurchfahrt zeitweise zum türkischen Flaggenmeer wurde (kleine Fahnen an Autos und riesige an Häuserfassaden) und weil die Straße durch parkende Autos verengt und für eine gewisse Zeit sogar blockiert gewesen sein soll.

Und: Es gab einen Unfall. Einem Teilnehmer des Hochzeitskorsos misslang auf der Waiblinger Westumfahrung ein U-Turn. Das Ergebnis: zwei Leichtverletzte, vier beschädigte Fahrzeuge und circa 10 000 Euro Sachschaden.

Kurz nach 13 Uhr an jenem Sonntag wurde der Polizei mehrfach über Notruf gemeldet, dass eine Hochzeitsgesellschaft in Hegnach mit rund 20 Fahrzeugen die Fahrbahn blockieren würde und Personen auf der Fahrbahn herumlaufen würden. Bevor eine Streife eintraf, hatte die Gesellschaft mit ihren Fahrzeugen die Fahrt fortgesetzt und fuhr auf der Westumfahrung in Richtung Waiblingen.

Um 13.15 Uhr kam es auf Höhe der Einmündung nach Schmiden zu einem Unfall, bei dem vier Fahrzeuge des Auto-Hochzeitskorsos zusammenstießen. Ein 23 Jahre alter Audi-Fahrer wollte über eine Sperrfläche einen sogenannten U-Turn vollziehen und hatte hierzu die Handbremse gezogen. In der Folge schleuderte der Audi und brach aus. Ein nachfolgender 34 Jahre alter Fiat-Fahrer konnte trotz Vollbremsung nicht mehr anhalten und fuhr auf den Audi auf. Zwei weitere Fahrzeuge des Korsos, ein VW eines 53-Jährigen und ein Mercedes eines 21-Jährigen, fuhren nacheinander von hinten auf.

Laut Zeugenaussagen war der Unfallverursacher bereits vor dem Unfall durch seine Fahrweise aufgefallen. Bei dem Unfall wurden eine 34 Jahre alte Beifahrerin im Fiat und eine 47 Jahre alte Beifahrerin im VW leicht verletzt. Gegen den 23 Jahre alten Unfallverursacher wurden Ermittlungen wegen Straßenverkehrsgefährdung und fahrlässiger Körperverletzung eingeleitet. Das Brautpaar selbst war an dem Unfall nicht beteiligt, teilte die Polizei mit.

Ballerei und quietschende Reifen

Nur zwei Wochen vorher, am Sonntag, 30. Juni 2019, waren Teilnehmer einer türkischen Hochzeitsgesellschaft in Schorndorf ebenfalls unangenehm aufgefallen. Kurz vor 16 Uhr fiel im Bereich der Lutherstraße ein schwarzer BMW auf, der auf der Fahrbahn mit quietschenden Reifen Kreise zog. Zudem wurden in diesem Zusammenhang Schüsse wahrgenommen. Als kurze Zeit später die alarmierte Polizei eintraf, war allerdings niemand mehr anzutreffen.

Aufgrund von Zeugenhinweisen wurde wenig später in Urbach auf dem Gelände einer Tankstelle eine Gruppe von rund 20 Personen festgestellt. Hierbei handelte es sich offensichtlich um eine türkische Hochzeitsgesellschaft. In einem BMW, der von einem 21-Jährigen gefahren wurde, konnten schließlich eine Schreckschusswaffe sowie leere Patronenhülsen aufgefunden werden.

Pandemisches Phänomen

Vorfälle wie diese kommen immer wieder und bundesweit vor. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel ist laut Medienberichten allein in der vorletzten Juniwoche des Jahres 2019 vierzigmal wegen ausufernder Hochzeitsfeiern, vor allem türkischer, eingeschritten.

Im Februar 2019 hat eine türkische Hochzeitsgesellschaft auf der A 8 bei Esslingen zeitweise über drei Fahrstreifen den Verkehr blockiert. Mehrere Fahrzeuge bremsten hupend und mit angeschalteten Warnblinkern mitten auf der Autobahn und hielten kurzzeitig an.

All diese Vorfälle hatte der damalige FDP-Abgeordnete und frühere Landes-Justizminister Prof. Ulrich Goll zum Anlass genommen eine Anfrage an die Landesregierung zu illegalen Autokorsos zu stellen. Gemäß der Antworten des Landes-Innenministeriums darauf, hätten die Sicherheitsbehörden von August 2018 bis August 2019 insgesamt 92 Autokorsos mit Bezug zu Hochzeitsfeierlichkeiten, fünf Autokorsos anlässlich von Fußballspielen, ein Autokorso mit Bezug zur Tuning- und Poser-Szene sowie zwei Autokorsos im Zusammenhang mit Eishockey-Spielen. Bei Autokorsos mit Bezug zu Hochzeitsfeierlichkeiten wurden insgesamt 25 Straftaten festgestellt:

Verstoß gegen das Waffengesetz (11), Nötigung im Straßenverkehr (5), Straßenverkehrsgefährdung (3), Fahrerflucht (1), gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr (1), Körperverletzung (1), fahrlässige Körperverletzung (1), Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz (1), Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz (1).

Die Corona-Inzidenzen sind niedrig, Hochzeitsfeiern in gewissem Rahmen wieder möglich. So trauen sich auch in der türkischen Community wieder mehr Paare. Prompt wird auch wieder aus Freude in die Luft geschossen. So geschehen am Donnerstagabend, 10. Juni, in Backnang. Und gleich kommt das Jahr vor Corona, 2019, in Erinnerung, in dem fast 100 aufsehenerregende Autokorsos mit illegalen und gefährlichen Aktionen bei türkischen Hochzeitsfeiern allein in Baden-Württemberg für Aufsehen

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