Rems-Murr-Kreis

Schlechtes Image und 70-Stunden-Wochen: Gehen dem Rems-Murr-Kreis die Bürgermeister aus?

Rathaus
Hallo, ist da wer im Bürgermeister-Büro? Doch, tatsächlich, da scheint einer vorbeizuhuschen. © Alexandra Palmizi

„Bürgermeister zu sein ist ein toller Job“, sagt Kernens Rathauschef Benedikt Paulowitsch – doch mit dieser Einstellung steht der 33-Jährige eher allein da. Laut einer Studie wird es immer schwieriger, geeignete Kandidaten für den Chefposten im Rathaus zu gewinnen. Woran liegt das? Wie schlecht steht es wirklich um diesen Beruf, gehen uns tatsächlich die Bürgermeister aus? 

Wenig Auswahl: Wer will diesen Job noch machen?

Es ist eine Studie, die Ende des Jahres 2019 aufhorchen ließ. Dr. Vinzenz Huzel, studierter Verwaltungsfachmann und Politikwissenschaftler, hat in seiner Doktorarbeit das Amt des Bürgermeisters genau unter die Lupe genommen. Sein Ergebnis: Es lassen sich immer seltener geeignete Kandidaten für den Chefsessel im Rathaus finden.

Huzel analysierte die baden-württembergischen Bürgermeister-Wahlen der Jahre 2008 bis 2015 und stellte fest: Im Schnitt gibt es nur 2,3 Kandidaten pro Wahl – bei Kommunen unter 5000 Einwohner sind es sogar noch weniger. Zudem stieg der Anteil der Quereinsteiger im Vergleich zu den 80er Jahren von 10 auf 35 Prozent.

Ursache sei die gesunkene Attraktivität dieses Berufs: „Das Image des Bürgermeisters hat sich über die Jahre verschlechtert“, sagt Huzel. Die Gründe seien vielfältig: gestiegene Erwartungshaltung in der Bevölkerung, 60-Stunden-Wochen, schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie, gesunkenes Ansehen. „Wir müssen aufpassen, nicht in eine Situation zu kommen, dass es bald gar keine Auswahl an Kandidaten mehr gibt.“

Vor allem Kommunen mit weniger als 5000 Einwohnern könnte dieses Problem treffen. Die schlechte Nachricht: Mehr als 50 Prozent aller Gemeinden in Baden-Württemberg weisen diese Bevölkerungsgröße auf.

Noch schwerer wiegt, dass vor allem junge Kandidaten das klassische Bild eines Bürgermeisters nicht mehr erfüllen wollen: Der Rathauschef, der immer im Dienst zu sein hat; der immer ansprechbar sein muss, selbst am Sonntagmorgen beim Bäcker; der an jeder Vereinssitzung teilnimmt; der jedes Problem (im Optimalfall sofort) lösen soll. „Diese omnipräsenten Bürgermeister-Typen fallen aus der heutigen Zeit. Junge Menschen wollen mehr Zeit für ihre Familie aufbringen, es findet eine Verschiebung der Prioritäten statt“, so Huzel. „Mit der althergebrachten Vorstellung, wie ein typischer Bürgermeister auszusehen hat, kommt man nicht mehr weit.“

Der Blick in den Rems-Murr-Kreis zeigt aber auch: Es gibt sie doch, die jungen Bürgermeister.

70 Stunden: Der Bürgermeister und sein Alltag

Ein Mann, der sich vom schlechten Image des Berufs nicht beeinflussen lassen hat, ist Benedikt Paulowitsch. Der Rathauschef aus Kernen hat sich im Herbst 2019 mit 31 Jahren gegen Amtsinhaber Stefan Altenberger aufstellen lassen und die Wahl gewonnen. „Ich bereue es keine Sekunde, Bürgermeister geworden zu sein“.

Auch er sehe die Problemfelder, die Dr. Vinzenz Huzel herausgearbeitet hat. „Es gehört zum Job dazu, dass man immer im Dienst ist. Ich finde es auch nicht schlimm, angesprochen zu werden – solange es nicht in meinem privaten Umfeld passiert.“ Auch Terminstress und Arbeiten an der Belastungsgrenze gehören zu seinem Alltag. „Es gab in der Corona-Hochphase Wochen, da kam ich nicht unter 70 Stunden raus.“

Das Hauptproblem sehe er aber in der Einstellung vieler Bürger. „Die Achtung und der Respekt vor Institutionen und damit auch den Rathäusern nimmt ab.“ Das betreffe auch seinen Job: „Wir stehen als Bürgermeister in der vordersten Reihe, wir sind der erste Prellbock, wenn es Ärger gibt.“

Hinzu komme die gestiegene Erwartungshaltung. „So wie man bei Amazon ein Päckchen bestellt, erwartet man es auch beim Rathaus. Der Bürger will etwas und soll es sofort geliefert bekommen.“ In der Praxis sei das aber nicht so einfach, Regularien von Bund und Land schränken den Spielraum ein. „Wir müssen den Bürgern dann erklären, warum manches nicht klappt oder länger dauert. Und das, obwohl wir nichts dafürkönnen.“ Als Bürgermeister ist man am Ende dieser Kette oft der sprichwörtliche Depp.

Der neue Typus: Zum Beispiel Paulowitsch

Trotz aller Probleme steht Benedikt Paulowitsch für die neue Generation an Bürgermeistern. Eine Generation mit dem Ziel, das Amt des Rathauschefs zu reformieren. Mit Raimon Ahrens in Rudersberg, Maximilian Friedrich in Backnang und Benjamin Treiber in Plüderhausen „haben wir junge Bürgermeister im Kreis, die das Amt anders interpretieren als die ältere Generation“.

Aspekte wie die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielen für ihn eine wichtige Rolle, aber auch das klare Setzen von Grenzen. „Ja, man ist eine Person des öffentlichen Lebens. Es ist aber wichtig, auch mal zu sagen: Jetzt passt es gerade nicht, vor allem im Privaten.“

Dass Nachwuchskräfte den Job des Rathauschefs verändern werden, glaubt auch Dr. Vinzenz Huzel. „Die junge Generation kann das Amt neu prägen.“ Benedikt Paulowitsch geht noch einen Schritt weiter. „Die Herausforderungen der Zeit brauchen mehr junge Menschen.“ Der Klimawandel, der technologische Fortschritt, die Digitalisierung der Verwaltung – die junge Generation müsse diese Entwicklungen vorantreiben und frisches Denken in die Rathäuser transportieren.

Huzel bestätigt die Einschätzung seines SPD-Parteifreundes. „Die Gemeinden gewinnen immer mehr an Bedeutung.“ Viele wichtige Entscheidungen würden auf dieser Ebene getroffen werden, denn: „Die Kommune entscheidet, wie wir wirklich leben, sie ist das Brennglas unserer Gesellschaft.“

Da fehlt doch wer: Frauen an die Macht

Wer sich wundert, warum in diesem Text bisher nur von dem „Bürgermeister“ oder dem „Rathauschef“ die Rede ist, bekommt hier die Antwort: Das höchste kommunalpolitische Amt ist eine Männerdomäne. Nur rund zehn Prozent aller Bürgermeister im Land sind Frauen, legt Dr. Vinzenz Huzel in seiner Studie dar. Und das, obwohl rund 51 Prozent der Bevölkerung weiblich sind. Huzel ist sich sicher: „Wir brauchen mehr Frauen im Bürgermeisteramt.“

Wenn das nur so einfach wäre. Ein Amt, das durch schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie geprägt ist, lässt Frauen oft durchs Raster fallen. Dabei liegt hier so viel Potenzial brach.

Huzel sieht aber Licht am Ende des Tunnels: „Frauen kandidieren in der Regel erst im höheren Alter, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist.“ Er blickt auch auf die zwei Beamtenhochschulen im Land. „Seit 1980 sind die Studierenden mehrheitlich weiblich. Das macht Hoffnung, dass Frauen dieser starken Jahrgänge in den kommenden Jahren verstärkt in die Ämter zurückkehren – auch als Bürgermeisterinnen.“

Der Rems-Murr-Kreis nimmt hier mittlerweile eine Vorreiterrolle ein: Während noch vor zehn, 15 Jahren das Bürgermeistertreffen beim Fellbacher Herbst eine nahezu lupenreine Herrenrunde war, sind aktuell sechs der 31 Ortsoberhäupter Frauen. Das macht einen Anteil von rund 20 Prozent (.

Die Jugend will: Eine Umfrage macht Hoffnung

Wenn es um junge Menschen und Kommunalämter geht, kommt man an der Beamtenhochschule Ludwigsburg nicht vorbei. Die Hochschule gilt als „Bürgermeister-Kaderschmiede“ und ist eine von zwei Verwaltungshochschulen im Land. In den letzten Jahren wagten immer weniger Absolventen den Sprung auf den Bürgermeister-Posten, es gibt aber Grund zur Hoffnung.

Eine Umfrage an der Ludwigsburger Hochschule ergab: Immer mehr junge Menschen können sich vorstellen, später Bürgermeister zu werden. Zu diesem Ergebnis kam eine Fachprojekt-Gruppe unter der Leitung des Schechinger Bürgermeisters Stefan Jenninger, die 794 Studierende zum Amt des Bürgermeisters befragte.

Laut der Umfrage können es sich knapp 20 Prozent der Befragten vorstellen, später Bürgermeister zu werden. Zum Vergleich: Bei einer ähnlichen Umfrage aus dem Jahr 2010 bejahten nur 3,3 Prozent der Studierenden diese Frage. Huzel erklärt sich den Sinneswandel der Studierenden wie folgt: „Die heutige junge Generation hat mehr gesellschaftliche Umwürfe erlebt. Sie engagiert sich mehr in der Politik und will Veränderungen.“ Zudem weise sie ein höheres gesellschaftliches Engagement auf, wie auch die Fachprojekt-Umfrage belegt: Rund 65 Prozent der Studierenden gaben an, ehrenamtlich tätig zu sein.

Freiheit: Auch Bürgermeister brauchen Urlaub

Schritt eins ist getan, junge Menschen können sich das kommunalpolitische Amt vermehrt vorstellen. Schritt zwei ist ungleich komplizierter: Wie kann es klappen, tatsächlich Hochschul-Absolventen oder geeignete junge Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters zu gewinnen?

Laut Dr. Vinzenz Huzel gelingt dies nur durch ein Umdenken in der Bevölkerung. „Die junge Generation braucht im Amt mehr Freiheiten, das alte Bürgermeister-Bild gibt es so nicht mehr.“ Die Bürger müssen sich auf den Generationenwechsel einlassen, so der Politikwissenschaftler. „Hinter dem Amt muss der Vater und der Ehemann, die Mutter oder die Ehefrau gesehen werden. Man muss den Bürgermeistern und ihren Familien den Feierabend gönnen und die Privatsphäre respektieren.“

Zudem sei ein grundlegendes Verständnis für den Job sehr wichtig. „Bürgermeister müssen es allen recht machen – dem Gemeinderat, der Verwaltung, den Bürgern.“ Dieser ständige Spagat und Rollenkonflikt mache es sehr schwer und sorge oft für eine hohe psychische Belastung.

In die gleiche Kerbe schlägt Kernens Bürgermeister Benedikt Paulowitsch: „Das Amt muss mehr entlastet werden. Ein Bürgermeister sollte sich nicht rechtfertigen müssen, wenn er mal in den Urlaub fährt oder abwesend ist.“ Gleichzeitig richtet er einen Appell an die Bevölkerung. „Wer diese Zeilen in der Zeitung liest, wird sich denken: Ja da hat er schon recht, der Paulowitsch. Auch ein Bürgermeister braucht seine Freiheiten.“ Wenn dann aber ein persönliches Problem auftrete, sei dieses Denken ganz schnell wieder weg. „Dann muss das sofort gelöst werden.“ Von diesem Denken müsse die Bevölkerung wegkommen, um der jungen Generation den Weg zu ebnen.

Für die zukünftigen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister im Kreis hat der 33-Jährige eine klare Botschaft: „Macht es, traut euch, kandidiert – es lohnt sich!“

„Bürgermeister zu sein ist ein toller Job“, sagt Kernens Rathauschef Benedikt Paulowitsch – doch mit dieser Einstellung steht der 33-Jährige eher allein da. Laut einer Studie wird es immer schwieriger, geeignete Kandidaten für den Chefposten im Rathaus zu gewinnen. Woran liegt das? Wie schlecht steht es wirklich um diesen Beruf, gehen uns tatsächlich die Bürgermeister aus? 

Wenig Auswahl: Wer will diesen Job noch machen?

Es ist eine Studie, die Ende des Jahres 2019 aufhorchen

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