Rems-Murr-Kreis

Schluss mit Gewalt in der Beziehung: Wie Fachleute mit Tätern arbeiten, damit das Martyrium endlich endet

häusliche Gewalt
Neu im Team der Fachberatungsstelle Gewaltprävention Rems-Murr: Sozialpädagogin Edith Hasl. © Alexandra Palmizi

Sie reizt mich dauernd bis aufs Blut – und dann hau’ ich ihr halt eine rein: Wer das sagt und tut und etwas ändern will, wird sich mit der Frage der Verantwortung auseinandersetzen müssen. Sofern eine(r) dazu nicht bereit ist, stehen die Chancen schlecht.

Man könnte jetzt einem ersten Impuls folgend sagen, dann muss so ein Typ es halt auf die harte Tour lernen, sprich: Wohnungsverweis, Annäherungsverbot, das volle Programm.

Schön und gut und nötig, damit die Frau endlich Ruhe hat und sich neu sortieren kann ohne den Schläger im Nacken.

Endlich handeln, damit sich nicht alles endlos wiederholt

Nur wird „der Typ“, der auch eine Frau sein kann, in der nächsten Beziehung wohl wieder den alten Mustern folgen. Nicht nur deshalb macht es für alle Beteiligten in höchstem Maße Sinn, nach Wohnungsverweis und Annäherungsverbot die Dinge grundlegend anzugehen, damit sich alles Üble nicht endlos wiederholt.

Manche kommen ins Gewaltsensibilisierungstraining, wie das heute politisch korrekt heißt, auf Anweisung eines Richters oder weil sonst wer gedroht hat, wenn du das jetzt nicht machst, dann aber... Andere brauchen gar nicht so viel Druck von außen. Sie schämen sich auch so schon zutiefst, weil ihnen wieder die Hand ausgerutscht ist.

Wobei das so nicht stimmt. Hände rutschen nicht aus, sie wandeln ja nicht auf eisglatten Wegen. Hände landen in anderer Leute Gesichter, weil der Besitzer der Hand es so entschieden hat. Verantwortung übernehmen für das, was passiert ist – das hilft nicht nur enorm, das ist die Grundvoraussetzung für Veränderung.

Früh die Warnzeichen erkennen – und die Situation verlassen

Thomas Säger übt mit den Männern im Gewaltsensibilisierungstraining „Impulskontrolle“. Der Sozialarbeiter kümmert sich bei der Fachberatungsstelle Gewaltprävention Rems-Murr um Menschen, die zugeschlagen haben. Impulskontrolle führt zu alternativem Handeln, will heißen: Meine Faust will unbedingt in dein Gesicht – aber ich lass’ sie nicht.

Das gelingt umso besser, je früher jemand die Warnzeichen erkennt und die Dinge dreht, bevor’s zu spät ist. Man kann mit der Partnerin ganz konkrete Vereinbarungen treffen. Nächstes Mal geh’ ich raus und renne, und zwar nicht erst dann, wenn die Situation heillos eskaliert ist. Drei Stunden minimum bin ich weg, und schreib mir währenddessen keine Whatsapp und ruf mich bloß nicht an.

Er fühlt sich ins Abseits gedrängt, verraten und verkauft

Vielleicht ruft sie aber sowieso schon länger nicht mehr an, weil aus ihrer Sicht die Beziehung beendet ist. Er will es nicht wahrhaben, erstickt fast am Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben, fühlt sich von den Kindern verstoßen, ins Abseits gedrängt, betrogen, verraten und verkauft. Die Wut, die Aggression, den Hass mal für einen Moment bündeln und dieser Energie einen Kanal verschaffen, zuschlagen – mal ehrlich, das verschafft Erleichterung, und die Kräfteverhältnisse sind geklärt. Für einen ganz kleinen Moment allerdings nur, und hernach ist alles noch viel schlimmer.

Seit kurzem zählt Edith Hasl zum Team der Fachberatungsstelle Gewaltprävention Rems-Murr, die ihren Sitz in Waiblingen hat. Die Sozialpädagogin war lange Jahre in der Familienhilfe tätig. Sie hat vieles gesehen und vieles erlebt und enttarnt das Klischee vom betrunkenen Schläger auf dem Sofa als Klischee. Gewalt in Beziehungen ist ein weit verbreitetes Phänomen, und zwar in allen sozialen Schichten. Aus Überforderung oder „aus einer Hilflosigkeit heraus“ kommt es zu zerstörerischem Handeln – oder aus ganz vielen anderen Gründen. Viele sind hinterher selbst „entsetzt“ über ihr Verhalten, berichtet Edith Hasl. Die Fachberatungsstelle kümmert sich auch um Frauen, die Täterinnen geworden sind.

Möglich: Anonyme Online-Beratung

„Das Thema ist total schambehaftet“, sagt Thomas Säger. Wer Scheu hat, offen über die Dinge zu reden, kann eine anonyme Online-Beratung nutzen (www.u-turn.info). Coronabedingt berät die Fachstelle auf Wunsch auch per Video-Anruf, telefonisch ja sowieso. Die Gewaltsensibilisierungstrainings finden statt, sofern die aktuellen Corona-Regeln es erlauben. Sie sind ins Waiblinger Kulturhaus Schwanen verlegt, weil dort mehr Platz ist. Ein Training dieser Art erstreckt sich über drei Monate. Bis zu acht Männer treffen sich 17-mal je drei Stunden. Es dreht sich vieles im Training „um Entscheidungen“, sagt Thomas Säger – und darum, nach einer Trennung trotzdem auf gute Weise Vater zu sein.

Wie nachhaltig die Trainings wirken, lässt sich schwer überprüfen. Nur einmal hat es Thomas Säger in viereinhalb Jahren Arbeit bei der Fachstelle erlebt, dass ein Klient ein zweites Mal zum Training kam. Immer mal wieder rufen frühere Klienten an und wollen reden – wofür sich die Fachleute in jedem Fall Zeit nehmen.

"Wir kooperieren sehr eng und gut"

Die Fachberatungsstelle Gewaltprävention wirkt als einer von vielen Bausteinen im Netzwerk gegen häusliche Gewalt. Jugendamt, Polizei, Justiz, Kinderkrisendienst, Opferberatungsstellen – „wir kooperieren sehr eng und gut“, betont Thomas Säger: „Wenn jeder nur an seiner Schraube dreht, dann funktioniert das Uhrwerk nicht.“ Es gilt, das „System Familie“ bestmöglich zu unterstützen.

Noch besser könnte das gelingen, wenn die Fachberatungsstelle früher schon in die Prozesse eingebunden wäre und ein Täter nicht erst Monate nach einem Vorfall dort aufschlagen würde. „Wir würden gern in Richtung proaktiven Ansatz arbeiten“, sagt Thomas Säger, und das bedeutet: Die Fachberatungsstelle sollte zeitnah von sich aus mit einem Täter, einer Täterin Kontakt aufnehmen können. Das ist bisher meist noch nicht der Fall, „aber wir sind dran.“

Sie reizt mich dauernd bis aufs Blut – und dann hau’ ich ihr halt eine rein: Wer das sagt und tut und etwas ändern will, wird sich mit der Frage der Verantwortung auseinandersetzen müssen. Sofern eine(r) dazu nicht bereit ist, stehen die Chancen schlecht.

Man könnte jetzt einem ersten Impuls folgend sagen, dann muss so ein Typ es halt auf die harte Tour lernen, sprich: Wohnungsverweis, Annäherungsverbot, das volle Programm.

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