Rems-Murr-Kreis

Schluss mit Paragraf 218: Das fordert Pro Familia Waiblingen

Abtreibung
Schwangerschaft und Abbruch: Eine hochindividuelle Entscheidung. © Pixabay

Paragraf 218 stigmatisiert seit 150 Jahren Frauen, drängt sie in die Illegalität, schneidet in ihre Rechte ein – er gehört abgeschafft: Das fordern Oranna Keller-Mannschreck und Richard Horvath von Pro Familia Waiblingen. Ihre Argumente sind vielschichtig - und teilweise nicht nur empirisch wuchtig, sondern auch verblüffend.

„Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ So steht es in Paragraf 218 des Strafgesetzbuches, gleich hinter Paragraf 211, Mord, Paragraf 212, Totschlag, Paragraf 217, geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung. Zwar folgt umgehend ein Paragraf 218a, der festlegt, dass ein Schwangerschaftsabbruch straflos bleibt, wenn er höchstens zwölf Wochen seit dem Zeitpunkt der Empfängnis erfolgt und die Schwangere per Bescheinigung nachweisen kann, dass sie sich beraten ließ. Aber es bleibt dabei, sagt Oranna Keller-Mannschreck: Der Abbruch ist „rechtswidrig“ – und „nur unter ganz bestimmten Bedingungen straffrei“. Botschaft des Gesetzes, frei übersetzt: Frau, das darfst du nicht! Selbst wenn wir ein Auge zudrücken.

„Ein Embryo“, sagt Keller-Mannschreck, „ist nicht lebensfähig ohne den Körper der austragenden Mutter“, ist „untrennbar mit ihrem Körper, ihrer Gesundheit und ihrer Lebensplanung verbunden“; dass der Embryo außerhalb des Mutterkörpers als Lebewesen existieren könnte, ist „undenkbar“ nach derzeitigem Stand der Wissenschaft.

Und deshalb, folgert Richard Horvath, ist die Frage, ob eine Frau diesen Embryo austragen will, eine „hochindividuelle Entscheidung“. Niemand sollte sich „das Recht rausnehmen“ zu verfügen, „was richtig oder falsch ist“ für diese Frau.

Einschüchterung, Tabuisierung: Paragraf 218 und die Folgen

Die derzeitige Regel hat Folgen. Das Thema ist nach wie vor derartig schambehaftet, dass ungewollt schwangere Frauen oft damit ringen, wem sie sich überhaupt offenbaren können – „am ehesten“ dem Partner, bisweilen der „besten Freundin, der Mutter“; und „ziemlich oft: niemandem“. Aber „Tabuisierung ist mit Sicherheit die schlechteste Form von Prävention“.

Manche googeln, erzählt Richard Horvath; und landen fast unausweichlich bei den inflationär übers Netz verstreuten „Fehlinformationen“ und „Einschüchterungen“ der „Angstmacher“, der „selbst ernannten Lebensschützer“. Wobei „Lebensschützer“ ein „ganz irreführender Begriff“ sei, findet Keller-Mannschreck. Es handle sich um „Selbstbestimmungsgegner“, die oft „fundamentalistischen christlichen Sekten“ angehören und in manchen deutschen Städten gar die Büros von Beratungsstellen belagern mit Mahnwachen. Für Frauen, die sich beraten lassen möchten, wird der Besuch zum Spießrutenlauf.

Noch eine Konsequenz aus der schizophrenen Rechtslage: „Es gibt immer weniger junge Ärztinnen und Ärzte“, die Schwangerschaftsabbrüche machen wollen, sagt Richard Horvath.

Prävention statt Paragraf 218, oder: Was wirklich helfen würde

Was tun? Die beiden Waiblinger Pro-Familia-Leute unterbreiten vier Vorschläge:

  • Beratung? Natürlich! Aber freiwillig, nicht als Anordnung.
  • „Umfassende Bildung“: Sexualaufklärung, „Wissensvermittlung an Schulen“ ist „die beste Prävention“.
  • „Kostenfreie Verhütungsmittel“, zumindest unter bestimmten Voraussetzungen – 2019 hat ein Modellprojekt des Bundesverbandes Pro Familia gezeigt: Die Einkommenssituation von Frauen wirkt sich stark aufs Verhütungsverhalten aus. Regelmäßige Ausgaben für die Pille oder hohe einmalige Kosten für eine Spirale können ärmere Frauen überfordern. Sie verhüten oft unregelmäßiger oder greifen zu weniger zuverlässigen Methoden.
  • Ein Schlüsselgrund, warum sich Frauen für den Abbruch entscheiden, ist „mangelnde Unterstützung durch Partner, Sozialsysteme, Gesellschaft“, sagt Oranna Keller-Mannschreck – und da könnte der Staat „ganz, ganz viel tun“: Beim „endlosen Thema Kinderbetreuung“ weiter nachbessern; „ausreichende finanzielle Versorgung für Mütter, die allein sind“, gewährleisten; bezahlbaren „Wohnraum für Familien“ schaffen; und, und, und.

Was, wenn Paragraf 218 fiele? Warum manche Sorgen unbegründet sind

Aber, wenden manche ein, wenn man die gesetzlichen Regeln lockert, werde das doch unausweichlich zu viel mehr Schwangerschaftsabbrüchen führen.

Ist diese Unterstellung plausibel? Blick auf die Statistik: Bis Mitte der 90er Jahre machte der deutsche Staat nur ganz wenige Ausnahmen vom Abbruchsverbot – nach einer Vergewaltigung; wenn der Fötus eine Beeinträchtigung hatte; wenn die Gesundheit der Schwangeren in Gefahr war; bei sozialer Notlage. Damals gab es in Deutschland mehr als 130.000 Schwangerschaftsabbrüche pro Jahr. 1995 beschloss der Bundestag die heute geltende, immerhin liberalere Beratungsregelung – und die bundesweite Zahl der jährlichen Schwangerschaftsabbrüche liegt heute bei 100.000.

Die Idee, dass Frauen keine Kinder mehr zur Welt bringen, sobald man sie selber entscheiden lässt; die Idee, dass man (das Wort buchstabiert sich im Zweifelsfall so: Mann) sie dringend bevormunden muss, damit die Welt sich weiterdreht: Das ist eher eine patriarchalische Wahnvorstellung als eine empirisch belegbare Tatsache. Oranna Keller-Mannschreck jedenfalls hat in vielen Jahren Beratungspraxis „fast nie“ erlebt, dass eine Frau in dieser Lage „eine leichtfertige Entscheidung“ traf. Dass sich „die zeugenden Männer ähnliche Gedanken“ machen, sei weniger selbstverständlich. Manche waren vor Ablauf der zwölften Woche schon „verschwunden“.

Paragraf 218 stigmatisiert seit 150 Jahren Frauen, drängt sie in die Illegalität, schneidet in ihre Rechte ein – er gehört abgeschafft: Das fordern Oranna Keller-Mannschreck und Richard Horvath von Pro Familia Waiblingen. Ihre Argumente sind vielschichtig - und teilweise nicht nur empirisch wuchtig, sondern auch verblüffend.

„Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ So steht es in Paragraf 218 des Strafgesetzbuches,

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