Rems-Murr-Kreis

Schulen und Unternehmen in der Corona-Pandemie: Gemessen mit zweierlei Maß

Symbolfotoschulecorona
Leere: Schon seit den Weihnachtsferien können die Schülerinnen und Schüler nicht zur Schule gehen. Eine einzige Woche wurde Wechselunterricht angeboten, dann war das Präsenzunterrichtsglück schon wieder vorbei. © Gaby Schneider

Es gärt bei vielen – ein Leser gab die Frage in die Redaktion: Immer wieder würde auf die Betriebe als Pandemie-Treiber verwiesen, allerdings kämen höchst selten Berichte über Corona-Ausbrüche in Unternehmen an die Öffentlichkeit. „Jede Kita-Gruppe wird mit den Fallzahlen dagegen einzeln veröffentlicht.“ Tatsächlich: Schulen, Kitas, Seniorenheime werden seit Beginn der Pandemie durchleuchtet, größere Unternehmen stehen selten im Fokus.

Wieder verschärft? Eventuell strengere Maßnahmen

Die Inzidenz bleibt im Kreis über der 200er-Marke hängen, im Land will sie auch nicht richtig sinken – Ministerpräsident Kretschmann erwägt, die sogenannte Bundesnotbremse zu verschärfen. Eine der möglichen Maßnahmen: Schulen sollen schon unter der von der Bundesregierung festgelegten Inzidenz von 165 schließen. Ansonsten wurde bislang nur das Nachdenken über die Ausgangssperre bekannt. Von Maßnahmen in Unternehmen ist nicht die Rede.

Wird in Sachen Corona bei Schulen und Unternehmen mit zweierlei Maß gemessen? Geht die in der Pandemie abverlangte Solidarität sehr zulasten der Kinder und Jugendlichen? Wohlgemerkt: Es geht hier nicht um Gaststätten, Kosmetikstudios, Friseure und so weiter. Die sind ganz genauso gebeutelt wie die Schülerinnen und Schüler, die Kita-Kinder und die Seniorinnen und Senioren in den Heimen.

Nur zu Hause: Seit vier Monaten keine Schule

Viele Schülerinnen und Schüler sind in diesem Schuljahr bislang gerade mal 13 Wochen in der Schule gewesen – viele wegen Quarantäne-Wochen noch weniger. Seit Beginn der Weihnachtsferien haben diese Schülerinnen und Schüler das Schulhaus nicht mehr von innen gesehen – abgesehen von den Stunden, in denen Klassenarbeiten geschrieben wurden. Das sind vier Monate.

Wenn in Schulen Infektionen auftreten, wird das meist sofort öffentlich bekannt. Das Landratsamt listete sogar lange Zeit Corona-Fälle in Schulen und Kitas auf seiner Homepage auf. Das wurde jetzt allerdings eingestellt – die Lage sei zu dynamisch, um dieser Arbeit noch korrekt hinterherzukommen. Die Statistik sei nicht „allumfassend“. Doch zu Schulen und Kitas habe man einen engen Kontakt, „schließlich geht es um Minderjährige“. Außerdem seien diese Fälle mit Auswirkungen für viele Familien verbunden.

Wenn ein Schüler coronapositiv getestet wird, informiert das Gesundheitsamt - ganz regulär und wie bei jedem Bürger üblich - die Heimatgemeinde. Doch dann geht das Corona-Prozedere noch weiter: Die Heimatgemeinde informiert natürlich den betroffenen Schüler über seine Quarantäne. Aber außerdem auch die Schule. Die meldet sich wieder beim Gesundheitsamt, das dann aktiv wird. Sehr oft musste und muss daraufhin die ganze Klasse in Quarantäne. Und zwar inzwischen wieder 14 Tage lang.

Damit in Schulen Präsenzunterricht überhaupt stattfinden kann, müssen die Schüler zweimal pro Woche einen Schnelltest machen. Die Schulen haben längst den Abstands- und Hygieneregeln Rechnung getragen: Tische stehen weit auseinander, es herrscht Maskenpflicht, regelmäßig wird gelüftet, Schulhöfe werden zugeteilt. Das heißt: Die Schulen sorgen vor. Aber dennoch: Die Schulen sind zu. Dass sich das vor den Pfingstferien noch ändert, daran glaubt niemand.

Vorfall in Alfdorf: Die vorsorgliche Absonderung ist freiwillig

Bei ZF in Alfdorf wurden am Dienstag, 27. April, 30 nachgewiesene Corona-Fälle öffentlich. Das Unternehmen hat vorsorglich 200 weitere Mitarbeiter aus der Entwicklung nach Hause geschickt – man will nicht, dass sich die Infektion im Unternehmen weiter ausbreitet. Die ZF-Leitung hat das freiwillig gemacht: Kein Amt, kein Politiker hat dazu eine Anweisung erteilt. Das Gesundheitsamt erfuhr vielmehr erst durch die Recherche und Nachfrage eines Journalisten der Welzheimer Zeitung, dass bei ZF ein so großer Ausbruch stattgefunden hat. Die Gemeinde Alfdorf ebenso.

Damit sich in Unternehmen das Coronavirus nicht unbemerkt ausbreitet, müssen die Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zwei Schnelltests pro Woche anbieten. Doch machen müssen die Mitarbeiter diesen Test nicht. Bislang will erst Bremen dies ändern und ab 10. Mai eine Testpflicht einführen.

Wird ein Mitarbeiter eines Unternehmens positiv auf Corona getestet, dann weiß davon sein zuständiges Gesundheitsamt und seine Heimatgemeinde. Die Unternehmen erfahren von keiner offiziellen Stelle davon. Nur von ihrem Mitarbeiter. Es gibt auch keine automatischen Schließungen. Lediglich die Ermittlung der Kontaktpersonen.

Eine Meldung des Unternehmens ans Gesundheitsamt – manchmal verbunden mit der Bitte um Unterstützung – komme freiwillig, heißt es aus dem Landratsamt.

Keine Statistik: Fälle in Unternehmen nicht gezählt

Zu Ausbrüchen insgesamt gebe es leider keine fundierte Statistik, heißt es aus dem Landratsamt. Das bestätigt das Sozialministerium, das auf die wöchentliche Statistik des Robert-Koch-Instituts verweist. Immer dienstags werden Daten zum Ausbruchsgeschehen in den verschiedenen Lebensbereichen veröffentlicht. Für Dienstag, 27. April, werden da „zahlreiche Häufungen“ auch fürs „berufliche Umfeld“ festgestellt, neben Privathaushalten und – ja, leider – Kindergärten. Schulen werden nicht erwähnt. Diese Statistik arbeitet allerdings mit deutschlandweiten Zahlen.

Das Kultusministerium der baden-württembergischen Landesregierung dagegen führt eine eigene Statistik über das Infektionsgeschehen an hiesigen Schulen und in Kitas. Dort heißt es beispielsweise für Mittwoch, 28. April: „An 71 von insgesamt 1017 betroffenen Schulen sind 91 Klassen/Gruppen sowie zwei Kursstufen aufgrund von Fällen einer Infektion mit dem Coronavirus bzw. des Verdachts auf den Fall einer Infektion mit dem Coronavirus vorübergehend aus dem Präsenzbetrieb herausgenommen. In den übrigen  betroffenen Schulen sind lediglich einzelne Schülerinnen und Schüler bzw. Lehrkräfte infiziert oder in Quarantäne/Isolation.“ Das Kultusministerium setzt die Zahlen auch in Relation: „In Baden-Württemberg gibt es insgesamt ungefähr 67.500 Klassen und etwa 4500 Schulen“. Um das Verhältnis mal für die Schulklassen in Quarantäne – also die großen Fälle – auszurechnen: 91 Klassen von insgesamt 67.500 Klassen sind 0,13 Prozent.

Das ist ausgesprochen präzise – die Infektionsthematik voll im Fokus.

Gegenwehr: Eltern, Ärzte, Psychologen

Mehr als 5000 Eltern sowie zahlreiche Mediziner und Psychologen haben einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin, die Ministerpräsidenten und die Bundestagsabgeordneten geschrieben, um erneut auf die Situation der Kinder und Jugendlichen in der Pandemie aufmerksam zu machen. Am Montag, 3. Mai, soll er in Berlin übergeben werden. Hinter der Aktion steht der Verein Initiative Familie, der sich deutschlandweit aufgrund der Corona-Einschränkungen in Kitas und Schulen gegründet hat. Gefordert wird ein Infektionsschutz, der mehr die Welt der Erwachsenen in den Blick nimmt und weniger die Rechte der Kinder einschränkt. Denn die Solidarität, die den Kindern seit Monaten abverlangt werde, gehe auf Kosten ihrer Bildungs- und Entwicklungschancen, ihrer psychischen Gesundheit und ihrer körperlichen Unversehrtheit. Eine der Initiatorinnen, Zarah Abendschön-Sawall aus Schwaigern, erklärte in der Landesschau: Den Impuls zum Engagement habe sie bekommen, als die Autohäuser wieder aufmachen durften, in Sachen Schulöffnung aber noch Geduld verlangt worden war.

Einen vergleichbaren Brandbrief hatten zwei Ärztinnen aus Fellbach am 1. März an Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kultusministerin Susanne Eisenmann übergeben. 

Die Medizinerinnen beobachteten schwere psychische Krisen bei ihren jungen Patienten. Bei der Krisenbewältigung, stellten Julia Forch und Ruth Adam fest, werde zweierlei Maß angelegt. Schulen würden explizit anders behandelt als Unternehmen. Die Erwachsenen dürften weiterhin gemeinsam im Büro, in der Fabrik oder auf der Baustelle arbeiten, obwohl auch dort Infektionen aufträten.

Verantwortung: Unternehmen sorgen vor

Die Unternehmen, sagt Markus Beier, leitender Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr, erklärt, dass sich die Unternehmen ihrer Verantwortung bewusst seien. Man achte darauf, dass Masken getragen würden, die Abstände zwischen den Arbeitsplätzen in den Produktionen großer Betriebe seien sehr groß. „Es könnte schließlich sonst ein ganzer Betrieb geschlossen werden.“

Trete ein Infektionsfall auf, ermittle das Gesundheitsamt die Kontakte der betreffenden Person, erklärt Markus Beier. Es werde dazu aufgefordert, ein Kontakttagebuch zu führen. Wer dann als enge Kontaktperson in Quarantäne müsse, hänge vom Hygienekonzept des Betriebes ab.

Tatsächlich verweisen Unternehmen im Rems-Murr-Kreis auf vielfältige Maßnahmen: Home-Office, Desinfektion, Maskenpflicht, Schnelltests, Abstandsgebote bis hin zu Zutrittsverboten für all die, die nicht zwingend ins Unternehmen kommen müssen – Syntegon, Kärcher oder auch Stihl beispielsweise listen so einiges auf. Syntegon hat Lüftungssysteme installiert, Stihl stellt Schutzabtrennungen zwischen den Arbeitsplätzen auf.

Bei Stihl wurden seit Beginn der Pandemie in der kompletten Stihl-Gruppe weltweit insgesamt 1495 Corona-Fälle gezählt, 239 davon im Stammhaus in Waiblingen. Bei dort insgesamt 5262 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist das eine Quote von 4,5 Prozent. Diese Quote ist marginal höher als die Infektionsquote im Rems-Murr-Kreis.

Auch Kärcher mit seinem Stammhaus in Winnenden liegt voll im Schnitt: Seit Beginn der Pandemie sind 87 von 2138 Mitarbeitern an Corona erkrankt. Das entspricht einer Quote von vier Prozent.

Bei Syntegon, so heißt es aus dem Unternehmen, gebe es bislang keine Anzeichen für am Waiblinger Standort entstandene Infektionen. Der fürs Gesamtunternehmen mit allen seinen Niederlassungen geführte unternehmensinterne Inzidenzwert läge durchgehend auf einem vergleichbaren Niveau wie der allgemeine Inzidenzwert in Deutschland.

Dieser allgemeine Inzidenzwert hat Schülerinnen, Schüler und Kita-Kinder wieder nach Hause gezwungen – nein, sagt Markus Beier von der IHK, für Unternehmen gebe es keine Grenz-Inzidenzzahl, ab der grundsätzlich geschlossen werden müsse.

Es gärt bei vielen – ein Leser gab die Frage in die Redaktion: Immer wieder würde auf die Betriebe als Pandemie-Treiber verwiesen, allerdings kämen höchst selten Berichte über Corona-Ausbrüche in Unternehmen an die Öffentlichkeit. „Jede Kita-Gruppe wird mit den Fallzahlen dagegen einzeln veröffentlicht.“ Tatsächlich: Schulen, Kitas, Seniorenheime werden seit Beginn der Pandemie durchleuchtet, größere Unternehmen stehen selten im Fokus.

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