Rems-Murr-Kreis

Schutz gegen Starkregen: Haben die Orte im Rems-Murr-Kreis keine Lust darauf?

Unwetterfolgen Leutenbach, Winnenden, 28.06.2021.
Starkregen-Folge: Überschwemmung - aufgenommen im Juni 2021 in Leutenbach. © Benjamin Beytekin

Starkregen ist unberechenbar und gefährlich – wenn eine Kommune sich dagegen schützen will, spendiert das Land deshalb große Fördermittel. Aber: Kaum jemand ruft sie ab! Auch an Rems und Murr scheint bislang wenig Interesse zu bestehen.

Was Starkregen-Hochwasser so tückisch macht  

Am 29. Mai 2016 zerstörte eine Wasser- und Geröll-Lawine den Ortskern von Braunsbach im Landkreis Schwäbisch Hall. Ein Gewitter schüttete sich über der Gegend aus, an den steilen Hängen um das Dorf bildeten sich Sturzbäche, Erdmassen gerieten ins Rutschen, Dreck, Schutt, Kies walzten durch den Flecken – und in dem Schlammstrom trieben Baumstämme, metergroße Steinbrocken, Autos.

Die Rems schwillt und schwillt und schwillt, irgendwann tritt sie über die Ufer – das ist ein klassisches Hochwasser, und derlei haben wir mittlerweile gut im Griff. Entlang des Flusses gibt es Rückhalteflächen, in die man Teile der Flut ausleiten kann; zwischen Schorndorf und Winterbach entsteht so, wenn’s nottut, mal eben ein spontaner Stausee. Die Rems lässt sich zähmen; man sieht die Gefahr aufgrund immer weiter steigender Pegelstände ja auch kommen; langsam, aber sicher sozusagen.

Starkregen birgt ganz andere Tücken. Das Phänomen, schreibt der Deutsche Wetterdienst, gehöre zu den „meistunterschätzten Gefahren“, da „nur schwer vorhergesagt werden kann“, welchen Ort es trifft; es kann jeden ereilen, ob er nun an einem Fluss liegt oder nicht. Da in Siedlungen große Flächen versiegelt sind, schaffen es bei Starkregen „die Entwässerungssysteme kaum, das Wasser abzutransportieren“. Vor allem aber: Der Deutsche Wetterdienst geht davon aus, dass in der ganzen Bundesrepublik Starkregen-Ereignisse „als Folge des Klimawandels zunehmen werden“ - die Szenarien sind teilweise drastisch.

Sturzfluten vom Himmel: Im Breisgau - und in Urbach ...

Wie oft gab es in den vergangenen Jahren Starkregen in Baden-Württemberg? Und wie viel Geld haben die Kommunen im Land bereits investiert, um sich dagegen zu wappnen? Eine Gruppe von FDP-Landtagsabgeordneten – unter ihnen Jochen Haußmann aus Kernen und Julia Goll aus Waiblingen – hat dazu eine Anfrage ans grün geführte Umweltministerium gerichtet. Die Antworten sind frappierend; und irritierend.

Der Deutsche Wetterdienst warnt vor „extrem heftigem Starkregen“ ab einer Niederschlagsmenge von mehr als 40 Millimetern in einer Stunde oder mehr als 60 Millimetern in sechs Stunden. Nach diesen Kriterien gab es in Baden-Württemberg binnen 20 Jahren von 2001 bis 2020 rund 420 einstündige und 50 sechsstündige Starkregen-Ereignisse.

Keine Gegend war öfter betroffen als der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald: 35 Sturzfluten vom Himmel – im Schnitt also fast zwei pro Jahr. Gemessen wurden dort im Juni 2005 im Ort Eisenbach gut 63 Millimeter innerhalb einer Stunde. Das ist ein fast einsamer Rekord – mit einer Ausnahme; aber dazu später mehr ...

Im Rems-Murr-Kreis gab es binnen 20 Jahren hingegen nur sieben solcher Starkregen-Ereignisse: 2004 in Waiblingen und in Schorndorf, 2009 in Backnang, 2014 in Großerlach, 2019 in Murrhardt und in Leutenbach; und im Juli 2002 in Urbach – als auf die Stunde 63 Millimeter runterspratzelten; Eisenbacher Rekordniveau!

Das macht deutlich: Es kann wirklich überall passieren, auch in Orten, die jahrzehntelang vollkommen verschont blieben.

In der vom Landesumweltministerium zusammengestellten Liste taucht der 29. Mai 2016 – der Fall Braunsbach – übrigens gar nicht auf. Denn damals fielen dort zwar über 100 Millimeter; aber binnen 24 Stunden. Es regnete also, wenn man die Wetterdienst-Definition zugrunde legt, relativ lang, aber gar nicht so exorbitant heftig.

Manche sacken Fördergeld ein, andere verzichten lieber

Die grün geführte Landesregierung hat die Starkregen-Gefahr schon länger im Blick, entwickelte deshalb den Leitfaden „Kommunales Starkregenrisikomanagement in Baden-Württemberg“ – und bereits seit 2017 bekommen Kommunen, die sich an die darin festgelegten Vorgaben halten und eine Starkregen-Gefahrenkarte nebst örtlich ausdifferenzierter Risiko-Analyse erstellen, vom Land 70 Prozent der Kosten bezahlt. Fünf Jahre später aber ist die Bilanz verblüffend dürftig ...

Stand November 2021, hatten von 1101 baden-württembergischen Kommunen erst 84 ihre Starkregen-Hausaufgaben gemacht und weitere 165 immerhin schon mal die Arbeit daran aufgenommen. In seiner Antwort auf die FDP-Anfrage schreibt das Umweltministerium: „Es besteht aus Sicht der Wasserwirtschaft in diesem Bereich ein deutlicher Handlungsbedarf, der neben der Aufstellung und Planung von Alarm- und Einsatzplänen auch deren konkrete Umsetzung sowie regelmäßige Alarmierungs- und Einsatzübungen beinhaltet.“

Seit 2017 hat das Land für Starkregenkonzepte insgesamt 13,7 Millionen Euro Fördermittel bewilligt. Allein rund eine Million ging an 23 Gemeinden im Landkreis Heilbronn, von Abstatt über Langenbrettach bis Untergruppenbach. Um Regensicherheit bemüht sind auch die Städte und Dörfer im Kreis Esslingen – 19 Einzelprojekte, insgesamt fast 800 000 Euro Fördermittel. Im Ostalbkreis hingegen ist noch niemand eingestiegen außer den Gmündern; bei denen das Gefahrenbewusstsein hoch ist, seit dort 2016 bei einem Starkregen-Hochwasser gar zwei Menschen ertranken.

Im Rems-Murr-Kreis: 28 von 31 warten lieber ab

Und bei uns? Backnang und Oppenweiler haben sich zusammengetan und 91 000 Euro bewilligt bekommen; Weinstadt hat dank 58 000 Euro Landesgeld bereits ein fertiges Konzept. Die FDP-Abgeordneten Goll und Haußmann richten angesichts dieser mauen Bilanz einen „Rat an 28 der 31 Städte und Gemeinden im Rems-Murr-Kreis: Wenn die Regenflut kommt, ist es zu spät.“

Starkregen ist unberechenbar und gefährlich – wenn eine Kommune sich dagegen schützen will, spendiert das Land deshalb große Fördermittel. Aber: Kaum jemand ruft sie ab! Auch an Rems und Murr scheint bislang wenig Interesse zu bestehen.

Was Starkregen-Hochwasser so tückisch macht  

Am 29. Mai 2016 zerstörte eine Wasser- und Geröll-Lawine den Ortskern von Braunsbach im Landkreis Schwäbisch Hall. Ein Gewitter schüttete sich über der Gegend aus, an den steilen Hängen um das Dorf

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