Rems-Murr-Kreis

Sehnsucht nach dem alten Leben: Wie ein Mittzwanziger den Corona-Lockdown erlebt

Home Office
Ist das nicht idyllisch? Ein Arbeitsplatz im Grünen! Sarkasmus-Modus aus. Simeon Kramer im Home-Office. Nicht ganz das Leben, das sich ein Mensch Mitte 20 vorstellt. Akzeptabler Mode-Megatrend im Home-Office: die Jogginghose. © ALEXANDRA PALMIZI

Wie viele Dielen hat eure Decke? Meine hat in der Schräge genau 28, zwischen den Fenstern sind es sogar 29. Wie viele Blätter hat eure Pflanze neben dem Schreibtisch? Meine hat 58. Woher ich das weiß? Das Coronavirus hält mich seit Monaten in meiner Zwei-Zimmer-Wohnung gefangen. Vor lauter Lockdown, Inzidenzen und Kontaktbeschränkungen weiß ich schon fast nicht mehr, wie mein altes Leben überhaupt aussah. Ein Blick auf die Corona-Leiden eines Mitt-Zwanzigers.

Statt gemütlichem Osterfest gibt es unerträgliche Corona-Diskussionen

Ostern. Ein Fest, das für mich seit Jahren den Frühling einläutet. Das erste Fest des Jahres, die Sonne strahlt, die Natur wacht aus dem Winterschlaf auf. Es werden Oma und Opa besucht und es wird eigentlich nur gegessen. Alles unter drei Schoko-Hasen am Tag ist nicht akzeptabel – ähnlich wie das Ergebnis auf der Waage nach den Feiertagen.

Wie zu den besten Kindertagen werden die Osterkörbe versteckt, was schon deshalb als Tradition weitergeführt werden muss, weil Omas Blick unbezahlbar ist, wenn man länger als eine Minute nach dem Versteck sucht. Anders als früher sind allerdings keine TKKG-Kassetten im Korb, sondern fein zusammengewickelte Geldscheine. Perfekt für den nächsten Tankstopp oder Supermarktbesuch, bei dem sich der Kassierer dann sichtlich über die zerknitterten Scheine aufregt. Das Leben ist schön in diesen Tagen.

Doch zum zweiten Mal in Folge ist Ostern anders. Statt glücklich und vollgefressen bei Oma beisammen zu sitzen, führen wir in der Familie Debatten per Telefon und Skype, wer an welchem Feiertag und zu welcher Uhrzeit zu Oma geht; wer sich davor testen lässt, um das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich zu halten; wer es in Ordnung findet, dass die Kontaktbeschränkungen durch den Besuch umgangen werden.

Wer jetzt eigentlich schuld daran ist, dass Oma so lange auf einen Impftermin warten musste, während Opa mit über 80 schon zweimal geimpft wurde und man so ja keine Probleme hätte; wer bereit ist, seine sozialen Kontakte vor dem Besuch auf ein Minimum zu reduzieren; und wie sicher das Ergebnis des Schnelltests wirklich ist und ob man mit der Schuld leben könnte, Oma eventuell anzustecken. Das Leben ist schier unerträglich in diesen Tagen.

Dinge, die früher als selbstverständlich gesehen wurden, fehlen jetzt

Im März 2020, als zum ersten Mal klar war, dass Ostern ausfallen muss, dachte ich mir: Klasse, endlich mal meine Ruhe über die Feiertage. Füße hochlegen, Serien-Marathon starten und Pizza bestellen – klingt entspannt. Mal nicht die ganze buckelige Verwandtschaft sehen, mal nicht von Oma gefragt werden, wann sie denn nun mit einem „Ur-Enkele“ rechnen könne.

Es fühlte sich wie eine kleine Ruhepause in einem sonst stark beschleunigten Leben an. Schließlich würde man mit diesem kleinen Lockdown das Virus besiegen können, spätestens im Sommer wäre wieder alles normal … Für ein paar Wochen auf den Pausenknopf drücken? Oh ja, da war ich dabei!

Aber seit nun über einem Jahr auf mein „normales“ Leben verzichten, kaum soziale Kontakte, kein Weihnachten, kein Silvester? Der Horror in Dauerschleife. So merke ich bereits seit Monaten, dass ich Dinge vermisse, die ich früher als selbstverständlich hinnahm.

Wie sehr es mir fehlt, alle meine Freunde zu sehen. Wie schön es war, am Freitag gegen 13 Uhr in die Whatsapp-Gruppe mit dem Namen „Heute in die Bar?“ einfach nur ein Fragezeichen zu schicken und innerhalb der nächsten 15 Minuten acht Mal den „Daumen hoch“ zu erhalten; wie man gar nicht mehr über eine Uhrzeit reden muss, weil alle auf 20 Uhr gepolt sind; wie ich dann mit zehn Minuten Verspätung doch als erster und damit allein in der Bar sitze, weil der Rest nicht pünktlich aus der Dusche kam; wie ich mir damit den perfekten Platz mit Blickrichtung auf den Fernseher sichern kann, auf dem das Freitagabendspiel der Fußball-Bundesliga läuft; wie ich dann dem Barkeeper nur zunicken muss, weil der genau weiß, was man trinkt.

Wie ich mir dann das dumme Geschwätz der Freunde anhöre, weil ich zu Beginn des Abends nur eine Spezi mit Eiswürfeln und einer Zitronenscheibe trinke; wie ich nach dem Spiel den Abend am Dart-Automaten ausklingen lasse und nach gemütlichem Beisammensein um 1.30 Uhr glücklich auf dem Fahrrad heimfahre. Lange habe ich diesen traditionellen Freitagabend als ganz normal erachtet, manchmal hatte ich nicht mal Lust darauf – doch was würde ich jetzt nach einem harten Lockdown-Winter für so einen Abend geben!

Wie sehr es mir fehlt, meinen Sport zu machen. Wie schön es war, am Dienstag und Donnerstag ins Fußballtraining zu gehen. 25 Männer auf einem Haufen, Puma-Geruch und grottenschlechte Musik in der Umkleidekabine. Kreisliga-Niveau auf dem Platz, Champions-League-Trinkfestigkeit nach dem Training. Wie schön es war, an den freien Tagen dazwischen ins Fitnessstudio zu gehen. Natürlich nicht allein, sondern mit so vielen Freunden wie möglich. Damit man die meiste Zeit was zu reden hat und nicht trainieren muss – und am Ende trotzdem das gute Selbstbetrugsgefühl hat, was gemacht zu haben.

Wie sehr es mir fehlt, in den Urlaub zu fahren. Es müsste nicht die Karibik sein. Mittlerweile würde ich sogar den Schwarzwald nehmen.

Schwerer Start in Beruf und Studium belastet viele junge Menschen

Während man diese Probleme eines Mittzwanzigers auch als bloßes Gejammer abstempeln könnte, gibt es durchaus einen harten Faktor, der das Problem einer ganzen Generation in der Corona-Krise beschreibt: das berufliche Leben. Denken Sie zurück an Ihr Leben, wann haben Sie Ihre beruflichen Weichen gestellt? Richtig, vermutlich mit Anfang, Mitte 20. Millionen Schüler absolvierten im Sommer 2020 einen Schulabschluss unter fragwürdigen Bedingungen. Knapp eine halbe Million Studenten haben laut der Online-Plattform „Statista“ im Herbst 2020 ein Studium begonnen – das erste und zweite Semester ist rum, bevor sie einen ihrer Kommilitonen je in echt zu Gesicht bekommen haben.

Eine Studie der Universität Hohenheim ergab, dass 65 Prozent aller Studierenden angeben, durch das Online-Semester unter einer verstärkten psychischen Belastung zu leiden. Als Gründe nannten sie Einsamkeit, Isolation und fehlende soziale Netzwerke.

Doch nicht nur das: Hunderttausende junge Menschen haben in der Corona-Zeit im ersten Beruf angefangen oder den Job gewechselt. Wo sonst der rege Austausch mit den Kollegen und das betreute Kennenlernen des Arbeitsumfelds den Berufseinstieg erleichtern, dominieren nun Homeoffice und Zoom-Calls.

Bin ich gut genug für den Job? Was denken wohl die anderen über mich? War der Beruf die richtige Wahl? Jeder ist mit diesen Fragen jetzt allein. Wer auch diese Probleme als Gejammere abtut, hat eine zielstrebige Generation nicht verstanden, der eine berufliche Perspektive wichtig ist.

Ist das der Preis, den meine junge Generation im Kampf gegen das Virus bezahlen muss?

Trotzdem tut es gut, auch das große Ganze zu betrachten und einen Schritt zurückzutreten. Wir befinden uns aktuell in einer weltweiten Pandemie, keine Generation hat es leicht. Will ich in der Haut meiner 77-jährigen Oma stecken, die seit Monaten nach nichts anderem strebt, als alle Enkel am Tisch versammelt zu sehen, und die sich sorgt, vor diesem herbeigesehnten Event zu sterben? Will ich in der Haut eines 60-jährigen Mitarbeiters im Einzelhandel stecken, dem nach über 30 Jahren aufgrund der Pandemie einfach gekündigt wurde?

Geht es mir wirklich schlecht? Im Vergleich zum Jahr 2019 schon. Insgesamt betrachtet aber sicher nicht. Ich darf im Homeoffice meinem Beruf nachgehen, der mir Spaß macht; ich habe enge Freunde, mit denen ich durch die Corona-Pandemie gehen darf; ich habe eine Familie, die mir bei Problemen hilft; ich habe Zeit für mich, die ich davor nicht hatte; ich habe vor allem Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, was ich im Leben wirklich will.

Ich stehe erst am Anfang meines beruflichen Lebens. Ich habe noch so vieles vor mir. In dreißig Jahren kann ich hoffentlich auf diese Zeit zurückblicken und sagen: Es war eine Scheißzeit, aber sie war nur ein kurzer Abschnitt in meinem Leben – und meine Generation hat dazu beigetragen, die Pandemie einzudämmen. Wir haben unser Bestes gegeben: Wir haben stillgehalten. Wir haben die Deckendielen gezählt.

Vielleicht ist das der Preis, den wir Mittzwanziger in dieser Pandemie zahlen müssen, zum Wohle aller.

Wie viele Dielen hat eure Decke? Meine hat in der Schräge genau 28, zwischen den Fenstern sind es sogar 29. Wie viele Blätter hat eure Pflanze neben dem Schreibtisch? Meine hat 58. Woher ich das weiß? Das Coronavirus hält mich seit Monaten in meiner Zwei-Zimmer-Wohnung gefangen. Vor lauter Lockdown, Inzidenzen und Kontaktbeschränkungen weiß ich schon fast nicht mehr, wie mein altes Leben überhaupt aussah. Ein Blick auf die Corona-Leiden eines Mitt-Zwanzigers.

Statt gemütlichem

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