Rems-Murr-Kreis

Senioren im Drogenrausch und Essstörungen: Suchthilfe verändert sich

Feature Thema Sucht -
Keines dieser Dinge eignet sich, Probleme zu lösen. Suchtmittel schaffen nur neue. © Schneider

70 Jahre alt und Kokainkonsument/-in? So abwegig ist das nicht. 13 Jahre jung und schon laufend im Cannabis-Rausch? Auch das kommt vor. Und wer hat während der Corona-Lockdowns große Mengen Hochkalorisches sinnlos in den Rachen gestopft? Vermutlich durchlitt jede(r) in diesen üblen Zeiten Fress-Attacken und Schlimmeres.

Es muss nicht gleich eine regelrechte Essstörung entstehen, nur weil man eine Woche lang täglich drei Tüten Chips vernichtet hat. Doch offenbar ist genau das gar nicht so selten geschehen: Essstörungen haben „offenbar deutlich zugenommen“, wie es in einer Vorlage heißt, mit der sich der Jugendhilfeausschuss des Kreistags diese Woche beschäftigt hat. Es geht um den Suchthilfeplan, der zurzeit entsteht, und ganz besonders um die Lücken: Welche Suchthilfe- und Vorsorgeangebote gibt’s im Rems-Murr-Kreis, welcher Bedarf besteht, inwieweit passt beides zusammen, und an welchen Stellen justiert man besser nach? Mit diesen Fragen befasst sich der kommunale Suchtbeauftragte Harry Müller in der Tiefe, und in etwa einem Jahr will er den fertigen neuen Suchthilfeplan im Gremium vorstellen. Davor befasst sich der Lenkungskreis des kommunalen Suchthilfenetzwerks mit dem Handbuch. Je nachdem, welche Themen dort auf den Tisch kommen, wird man Verschiedenes planen.

Ein „Leitfaden für den gesamten Suchthilfeprozess“

Harry Müller hat jedenfalls 800 einzelne Stellen, Personen und Einrichtungen angeschrieben, um sich ein detailliertes Bild zu verschaffen. Rund 100 Antworten zählt er bis jetzt, und die Auswertungen laufen schon seit einer Weile. Bis April soll dieser Teil des Prozesses abgeschlossen sein. Danach entsteht Schritt für Schritt der neue Suchthilfeplan – als „Leitfaden für den gesamten Suchthilfeprozess“.

Es deutet sich bereits an, welche Felder besonders in den Fokus rücken. Essstörungen zählen dazu, ferner startet im Februar eine neue Gruppe für Kinder suchtkranker und/oder psychisch kranker Eltern. Im Gesundheitsamt wird sich jemand in naher Zukunft speziell um die Förderung „junger Selbsthilfe“ kümmern. Selbsthilfegruppen gelten als zentraler Bestandteil der Suchthilfe, doch für sehr junge Menschen gibt’s praktisch keine.

Die Zahl älterer Süchtiger "geht in die Millionen"

Um Sucht im Alter ging es unterdessen in vielen Rückmeldungen, die Harry Müller nach seinen Anfragen erhalten hat: Offenbar ist das ein Thema, welches genaueres Hinschauen erfordert.

Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) gibt es sogar bei illegalen Drogen „eine wachsende Gruppe von älteren Konsumierenden“.  Abhängigkeiten von Alkohol, Nikotin oder Tabletten spielen aber eine ungleich größere Rolle unter Senior/-innen. Die Zahl der älteren Personen, die Substanzen dieser Art missbrauchen oder eine Abhängigkeit entwickelt haben, „geht in die Millionen“, schreibt die DHS und verspricht: „Hilfe ist möglich. Für mehr Gesundheit, Lebensqualität und Lebensfreude ist niemand zu alt.“

"Zufrieden war ich mit meinem Leben nicht"

Auf den Internetseiten der DHS sind Berichte Betroffener zu finden, die nach jahrelangem Leiden einen Weg aus der Sucht gefunden haben. „Als ich in den Vorruhestand ging, da ging das so richtig los bei mir mit dem Trinken“, schreibt dort ein mittlerweile 85-Jähriger. Schon davor habe er „nicht gerade wenig“ Alkohol konsumiert. Von Langeweile und Gefühlen von Leere erzählt der Senior: „Zufrieden war ich mit meinem Leben nicht, groß nachgedacht habe ich allerdings auch nicht.“ Nachdem sich der Senior einer Selbsthilfegruppe angeschlossen hatte, schaffte er den Ausstieg aus der Abhängigkeit.

Dass hinter einer Sucht viel mehr steckt als das kaum zu bändigende Verlangen nach dem Stoff, ist lange bekannt. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mahnt, Vorsorge müsse sehr früh schon ansetzen – „lange bevor junge Menschen überhaupt in Kontakt mit Suchtmitteln wie Tabak oder Alkohol kommen“.

Ein gutes Selbstwertgefühl wirkt wie ein Schutzschild

In Harry Müllers Erfassungstabellen für den Rems-Murr-Suchthilfeplan kommt tatsächlich die Gruppe der Null- bis Dreijährigen schon vor. Es geht darum, dass Kinder im besten Fall von Beginn an ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln, getragen und geliebt sind und später mit anderen Menschen auch im Konfliktfall einen konstruktiven Umgang pflegen können.

Diese Dinge sind in der Suchthilfe als Schutzfaktoren definiert, zumal Menschen, die auf einem stabilen psychischen Fundament stehen, viel weniger anfällig sind, Ängste oder Sorgen oder Sehnsüchte mit Hilfe von Rauschmitteln wegdrücken zu wollen.

Ein von hohem Leistungsdruck geprägtes Umfeld macht es ihnen jedenfalls schwerer. Harte Arbeit führt zu Erfolg und Erfolg erzeugt Glück – dieses Dogma bröckelt nur langsam, und es setzt Menschen unter Druck. Ums Kiffen geht’s sehr oft in Beratungsgesprächen mit jungen Menschen, berichten Suchthilfeexpert/-innen. Wie sich die Legalisierung von Cannabis, sofern sie wie vorgesehen umgesetzt wird, letztlich auswirkt, wird man sehen. „Wir werden es möglicherweise mit anderen Zielgruppen zu tun kriegen“, diese vorsichtige Prognose äußerte Harry Müller im Ausschuss.

Sämtlichen Zielgruppen wird in naher Zukunft die aktualisierte Version des Rems-Murr-Suchthilfeplans zur Verfügung stehen – und das ist eine gute Nachricht. Denn der alte Plan hat mittlerweile zehn Jahre auf dem Buckel.

70 Jahre alt und Kokainkonsument/-in? So abwegig ist das nicht. 13 Jahre jung und schon laufend im Cannabis-Rausch? Auch das kommt vor. Und wer hat während der Corona-Lockdowns große Mengen Hochkalorisches sinnlos in den Rachen gestopft? Vermutlich durchlitt jede(r) in diesen üblen Zeiten Fress-Attacken und Schlimmeres.

Es muss nicht gleich eine regelrechte Essstörung entstehen, nur weil man eine Woche lang täglich drei Tüten Chips vernichtet hat. Doch offenbar ist genau das gar nicht

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