Rems-Murr-Kreis

Sind tatsächlich wegen Corona alle Drückjagden abgesagt? Aufruhr unter den Jägern

Drueckjagd
So kuschelig wie bei dieser Drückjagd bei Gundelsbach im Jahr 2018 wird es in diesem Jahr auf keinen Fall zugehen: Händeschütteln ist überhaupt nicht mehr drin. © Benjamin Büttner

„Ein Shitstorm“, sagt Martin Röhrs, sei losgegangen, als die Jahreszeit für die Drückjagden näher rückte. Ein Shitstorm ist: das „lawinenartige Auftreten negativer Kritik“ im Netz (Wikipedia). Üblicherweise werden, wenn’s um Drückjagden geht, Jagdgegner diesbezüglich tätig. Dieses Jahr aber hatte es Martin Röhrs mit Menschen aus der eigenen Zunft zu tun. „Der Staat“, habe man ihm vorgeworfen, „sagt alle Jagden ab.“

Bei Drückjagden tun sich viele Menschen zusammen

Martin Röhrs, bis Ende vergangenen Jahres Leiter des Kreisforstamts in Backnang, ist inzwischen bei Forst BW, dem Forstbetrieb des Landes, tätig, und zwar als Leiter des neu gebildeten, staatlichen Forstbezirks Schwäbisch-Fränkischer Wald, der seinen Sitz in Welzheim hat. Röhrs ist damit unter anderem verantwortlich für die großen und gemeinschaftlichen Jagden im Staatswald auf Kreisgebiet und darüber hinaus plus angrenzenden privaten Jagdrevieren. Bei diesen Jagden, auch Treibjagd genannt, tun sich viele Menschen zusammen, die dann zum einen das Wild durch Lärm im Wald aufscheuchen, zum anderen ansitzen und jagen. Drückjagden gelten vor allem auch in Bezug auf die sehr schwer zu bejagenden Wildschweine als effektiv. Und Wildschweine sollen in diesem Jahr ausdrücklich bejagt werden – die Afrikanische Schweinepest hat ja längst schon auf Deutschland übergegriffen.

Aber es ist auch Corona. Zu den großen Drückjagden im Staatswald des Rems-Murr-Kreises, sagt Martin Röhrs, kämen in normalen Jahren Gäste aus dem ganzen Land. Teilweise reisten Jäger sogar aus Brandenburg an. Röhrs hatte für die großen Jagden schon 80 Prozent der Einladungsbriefe, so sagt er, auf den Weg gebracht. Ein „Riesenaufwand“. Und dann war Anfang November und die neue Corona-Verordnung trat in Kraft. Wieder, sagt Röhrs, gingen fast 1000 Briefe raus. Alle kriegten eine Absage. Das Drückjagd-Hopping sollte definitiv nicht stattfinden – in Bezug auf die zu erwartenden Gäste aus anderen Bundesländern musste die Notbremse gezogen werden. Im Brief war allerdings auch die machbare Alternative schon beschrieben: Lokale Jagden sollten und sollen stattfinden - Pandemie hin oder her.

„Gerade in diesem Winter ist die Bejagung der Wildschweine wegen der reichen Mast durch Eicheln besonders wichtig, da dadurch mit einem spürbaren Ansteigen der Population zu rechnen ist“, erklärte Landwirtschaftsminister Peter Hauk in einer Pressemitteilung. Soll heißen: Die Wildschweine stehen dieses Jahr so gut im Futter, dass sie mehr Nachwuchs in die Wälder bringen, als allen lieb sein kann.

Martin Röhrs beschränkt die Teilnehmerzahl auf 50

Deshalb erlaubt das Landwirtschaftsministerium coronaverordnungskonform Drückjagden mit bis zu hundert Personen. Martin Röhrs ist etwas strenger und beschränkt auf höchstens 50 Jäger. Sein Hygienekonzept ist ausführlichst und orientiert sich am Ablauf einer Jagd. Es geht um das Treffen vor der Jagd, um das Verhalten während der Jagd, um die Suche des Wilds, seine Bergung, Anlieferung und das Aufbrechen.

Letztlich aber lässt sich alles auf das runterbrechen, was eigentlich sowieso schon jeder kennt: Wer womöglich coronainfiziert sein könnte, hat bei der Jagd nichts zu suchen, der Mindestabstand ist einzuhalten, höchstens zwei Leute dürfen im Auto sitzen, Mund-Nasen-Schutz muss getragen werden, gehustet oder geniest wird in die Ellenbeuge, Hände werden desinfiziert und Körperkontakt natürlich vermieden.

Dürfte nicht so schwer und sollte nachvollziehbar sein. Was also hat die Jäger so aufgebracht? Vielleicht ist es jene Ansage: „Hygienemaßnahmen“ haben „Vorrang vor Jagdtraditionen“.

Doch Röhrs appelliert: Alles "steht und fällt mit der Disziplin der Teilnehmer“. Wer sich nicht daran hält, dem drohen Bußgelder. Und die seien, sagt Martin Röhrs, „sehr hoch“.

„Ein Shitstorm“, sagt Martin Röhrs, sei losgegangen, als die Jahreszeit für die Drückjagden näher rückte. Ein Shitstorm ist: das „lawinenartige Auftreten negativer Kritik“ im Netz (Wikipedia). Üblicherweise werden, wenn’s um Drückjagden geht, Jagdgegner diesbezüglich tätig. Dieses Jahr aber hatte es Martin Röhrs mit Menschen aus der eigenen Zunft zu tun. „Der Staat“, habe man ihm vorgeworfen, „sagt alle Jagden ab.“

Bei Drückjagden tun sich viele Menschen zusammen

Martin

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