Rems-Murr-Kreis

Sind wir zu dumm für die Klimakrise? Gedanken zu Frank Böttcher in Beutelsbach

Dürre
Dürre: Feld bei Nellmersbach, aufgenommen im August 2020. © Gabriel Habermann

Wie, verdammt, lässt sich die Tatsache, dass wir einer Klima-Katastrophe entgegentaumeln, in Köpfe und Herzen der Menschen in den reichen Nationen gemäßigter Breiten pflanzen? Was könnte uns bewegen umzudenken, anders zu handeln als bisher? Woran liegt es, dass wir offensichtlich einfach nicht begreifen, worum es geht? Sind wir zu dumm? Überlegungen zum psychologischen Kernproblem schlechthin in Zeiten der Erderhitzung.

Ein lehrreicher Schocker: Frank Böttcher in Beutelsbach

Man kann zum Beispiel Frank Böttcher einladen. Die Rems-Murr-Grünen haben das bereits zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit getan, im August 2021 hielt der Meteorologe einen Online-Vortrag, neulich war er im Beutelsbacher Stiftskeller live zu Gast. Zwei Stunden Böttcher sind ein potenziell heilsamer Schocker. Wenn der Mann einen durch Hitzewellen und Starkregen gezerrt, durch Dürren und Überschwemmungen getrieben, durch Hurrikane und Tornados gejagt hat, dämmert einem in Stammhirn und Eingeweiden: Au, es ist ernst.

Aber natürlich nutzt sich auch dieser Effekt bald wieder ab; abgesehen davon, dass Leute wie Böttcher in der Regel sowieso vor allem zu den Bekehrten predigen.

Der Klimawandel überfordert die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen: Nach erdgeschichtlichem Maßstab heizt der Planet sich auf in Boliden-Geschwindigkeit – der Mensch erlebt das nicht mal als Schneckentempo.

Klimawandel: Worüber sich nicht mehr zu diskutieren lohnt

Erderwärmung seit 1880, binnen 140 Jahren: etwa ein Grad. Zum Vergleich: Nach der letzten Eiszeit wurde es auch sehr schnell wärmer; binnen 10 000 Jahren um 5 Grad – macht ein Grad alle 2000 Jahre. Derzeit geht es also etwa 14-mal so rasant.

Es ergibt angesichts dieser Konstellation wirklich gar keinen Sinn mehr, noch ernsthaft mit Leuten zu diskutieren, die einem erklären wollen, das habe mit dem Menschen nichts zu tun. Wer es bis ans Ende seiner Tage bestreiten will, wird sich durch kein Argument belehren lassen. Der menschengemachte Treibhauseffekt aber ist seit dem späten 19. Jahrhundert bekannt: Gase wie CO2 ummanteln immer dichter den Planeten, die kurzwellige Strahlung der Sonne dringt von oben nach unten noch durch, die langwellige Infrarotstrahlung, die von der erwärmten Erdoberfläche emittiert wird, schafft es hingegen nur noch schlecht von unten nach oben.

Die heißesten Jahre in Deutschland im Betrachtungszeitraum von 1881 bis 2021, binnen 140 Jahren: auf Platz eins 2018. Vor 2020, 2014, 2019, 2007, 2000, 2015. Die Tendenz ist brachial deutlich.

Klimawandel: Unsere fatale Wahrnehmungsschwäche

Aber wenn die Durchschnittstemperatur um ein Grad binnen 140 Jahren steigt – sagt dann der Wetterfühlige: „Mir kommt es stark so vor, als sei es vor zehn Jahren 0,07 Grad kälter gewesen als heute“? Natürlich nicht.

Wir können den Klimawandel rational begreifen; aber wir können ihn nicht fühlen. Deshalb wird er oft auch als „creeping problem“ bezeichnet, als schleichendes Problem, obwohl er ein running problem ist.

Eine Kernthese Frank Böttchers bei seinem Beutelsbacher Vortrag: Extreme Wetterereignisse werden künftig immer häufiger. Schon längst ist diese Entwicklung im Gang. Regen in Grönland, im August auf 3200 Metern Höhe, 49,7 Grad in Kanada im Juli: All das gab es schon in jüngerer Zeit. Exzessiver Starkregen, krasse Dürreperioden: An beides werden wir uns auch im Remstal gewöhnen müssen.

Und vielleicht – klingt verrückt, lässt sich aber begründen – ist das in gewisser Weise auch etwas Gutes.

Der Hallo-wach-Effekt extremen Wetters

Extremwetterereignisse nämlich sind inmitten der statistisch kontinuierlich voranschreitenden Erwärmung die krassen Ausschläge, die wir schockhaft wahrzunehmen gezwungen sind, sozusagen die revolutionären Ausbrüche innerhalb eines evolutionären Geschehens: Eruptionen mit Wachrüttler-Potenzial. Ein Extremwetterereignis kann uns zur buchstäblich blitzhaften Erkenntnis verhelfen: Die Lage spitzt sich wirklich zu. Das verringert unsere psychologische Distanz zum Klimawandel; und könnte doch noch unsere Bereitschaft wecken, endlich entschlossener zu handeln.

Wenn es nicht gelingt, werden die Folgen brutal sein. Beispiel Hitzetote: Hohe Sommertemperaturen haben einer Studie zufolge in den Jahren 2018 bis 2020 jeweils zu Tausenden hitzebedingter Sterbefälle in Deutschland geführt. Beispiel Völkerwanderungen: Die Welthungerhilfe schätzt, dass es bereits bis zum Jahr 2050 über 140 Millionen Klimaflüchtlinge geben könnte. Menschen brechen auf, weil sie dort, wo sie beheimatet sind, schlicht nicht mehr leben können, wegen des steigenden Meeresspiegels, wegen unerträglicher Temperaturen, wegen ausgedörrter Böden oder vernichtender Stürme.

Erhitzte Erde: Die Normalität unserer Urenkel

Natürlich kommen diese Menschen nicht alle gleich zu uns. Neun von zehn suchen Schutz irgendwo anders im eigenen oder in einem unmittelbaren benachbarten Land. Dadurch aber wird es über kurz oder lang zu Versorgungsengpässen und Hungersnöten auch in jenen Gebieten kommen, die zunächst noch robuster und weniger betroffen waren. Als letzte Zuflucht werden für viele Menschen dann doch nur jene wohlhabenden Regionen bleiben, in denen es noch nicht ganz so heiß ist. Die rettende Marschrichtung im Klimawandel führt gen Norden.

Im Jahr 2080 werde im Remstal mediterranes Klima herrschen, sagt Böttcher, etwa wie in Rom heute. Rom aber werde Algier gleichen. Und Algier der inneren Sahara.

Menschen, die heute 30 Jahre alt sind, werden das noch miterleben.

Ihre Enkel aber werden nie etwas anderes gekannt haben.

Wie, verdammt, lässt sich die Tatsache, dass wir einer Klima-Katastrophe entgegentaumeln, in Köpfe und Herzen der Menschen in den reichen Nationen gemäßigter Breiten pflanzen? Was könnte uns bewegen umzudenken, anders zu handeln als bisher? Woran liegt es, dass wir offensichtlich einfach nicht begreifen, worum es geht? Sind wir zu dumm? Überlegungen zum psychologischen Kernproblem schlechthin in Zeiten der Erderhitzung.

Ein lehrreicher Schocker: Frank Böttcher in

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