Rems-Murr-Kreis

So geht Erste Hilfe mit Corona-Abstand

Erste-Hilfe-Kurs
Berührungslose Erste Hilfe? Geht nicht, Corona hin, Corona her. Doch Kursleiterin Annett von Rüsten schafft’s, in ihrem Kurs für Sicherheitsabstand zu sorgen, die Teilnehmer trotz Virus zum Üben zu bringen und sie trotz allem in einem echten Notfall handlungsfähig zu machen. © ALEXANDRA PALMIZI

„Oh Gott!“ dachte Annett von Rüsten am Anfang. Inzwischen ist ein „Na ja, geht schon“ daraus geworden. Die Ausbilderin des DRK-Kreisverbands musste die Quadratur des Kreises im Erste-Hilfe-Kurs vollbringen: coronavirusgerechte, also abstandwahrende Lebensrettung. Eigentlich völlig unmöglich.

Noch mal für alle, deren Erste-Hilfe-Kurs zu lang zurückliegt, als dass noch wirklich wache Erinnerungen im Notfall helfen würden: Wenn da wer liegt und sich nicht rührt, muss jeder, der vorbeikommt, sich verantwortlich fühlen und versuchen, das gefährdete Leben zu retten. Dazu wird der Hilflose angesprochen. Reagiert er nicht, wird kontrolliert, ob Atmung und Puls noch vorhanden sind. Den Puls checkt der Ersthelfer an der Halsschlagader. Die Atmung durch ein Horchen an Mund und Nase bei gleichzeitigem Blick über die Bauchdecke: Bewegt sich da was? Nein? Dann Notruf absetzen und mit Beatmung und Herzmassage beginnen. Sollte in der Nähe ein Defibrillator sein, dann kommt der auch zum Einsatz.

Die Mund-zu-Mund-Beatmung ist definitiv nicht coronagerecht

So: Schon beim Puls-Checken kommt man sich recht nah. Noch näher bei der Atemkontrolle. Und die Mund-zu-Mund-Beatmung ist definitiv nicht coronakonform. Was tun?

Seit Anfang Juni gibt’s schon wieder Erste-Hilfe-Kurse beim DRK. Täglich: Es wollen Führerscheine gemacht werden, Betriebsersthelfer müssen regelmäßig ihr Wissen auffrischen. Die Kurse mussten der Ansteckungsgefahr angepasst werden. Waren es früher um die 20 Teilnehmer, sind’s jetzt halt nur zwölf. Die sitzen auf vereinzelt aufgestellten Stühlen und zeigen sich, sagt Annett von Rüsten, extrem diszipliniert. Das braucht’s auch, müssen sie doch gleichzeitig zweierlei Corona-Erschwernis-Ebenen bedenken. Zum einen die womöglich irgendwann mal notwendige Lebensrettung, deren schon beschriebener Handlungsablauf nicht zur eigenen Ansteckung führen sollte. Zum anderen muss ja auch der Kurs selbst, die Übungsstunde, nebenwirkungsfrei über die Bühne gehen. Deshalb ziehen die Kursteilnehmer, sobald sie sich von ihrem Stuhl erheben, die Mundschutzmaske an, sobald sie sich setzen oder an der Übungspuppe sind, wieder ab, wieder an, wieder ab, wieder ... An die Hände kommen, sobald irgendwas Kursrelevantes angefasst wird, Gummihandschuhe, kommen wieder runter, nächste Übung, neue Handschuhe an, wieder runter ... Es wird desinfiziert und eingeseift und regelmäßig gelüftet. Manchmal führen die Sicherheitsmaßnahmen zu geradezu surrealen Situationen: Eine gemeinschaftliche Lebensrettung beispielsweise – einer legt den Defibrillator an, einer macht die Herzmassage – darf natürlich keinesfalls – das 1,5-Meter-Abstandsgebot – gemeinschaftlich an einer Puppe geübt werden. Also macht der eine an der einen Puppe dies und der andere an der anderen Puppe das. Wie in einem Paralleluniversum. Aber egal: Geübt ist geübt, im Notfall sollte das klappen.

Manches freilich muss einfach ausfallen in dieser Coronazeit: Bei der Oberbauchkompression wegen Atemnot kommt man sich zu nahe. Dasselbe gilt für die Motorradhelmabnahme nach Unfällen oder für Verbände am Kopf. Das kriegen die Teilnehmer nur gezeigt. Besser als nix.

Was aber jetzt tun, wenn ein wirklich echter Mensch in echter Not ist, dem der Ersthelfer kein frisch desinfiziertes Puppengesicht aufsetzen kann und bei dem der zweite Helfer auch nicht zwecks Sicherheitsabstand ein Zweitgeschehen zur Verfügung hat?

Zum Schutz vor Corona, sagt Annett von Rüsten, verzichtet der Ersthelfer bei der Atemkontrolle aufs Lauschen an Mund und Nase und beobachtet nur erhobenen Hauptes den Brustkorb. Außerdem wird bei der Wiederbelebung auf die Beatmung verzichtet: Das Blut ist noch lang nach dem letzten Atemzug mit Sauerstoff gesättigt. Es reicht eine Herzdruckmassage, damit der Kreislauf aufrechterhalten und das Gehirn versorgt werden. Um aber wirklich auf Nummer sicher zu gehen, tut der Ersthelfer gut daran, das Gesicht des Verunglückten mit einem Tuch abzudecken. Damit die Aerosole, die durch den Druck auf den Brustkorb ausgestoßen werden, darin hängen bleiben.

„Oh Gott!“ dachte Annett von Rüsten am Anfang. Inzwischen ist ein „Na ja, geht schon“ daraus geworden. Die Ausbilderin des DRK-Kreisverbands musste die Quadratur des Kreises im Erste-Hilfe-Kurs vollbringen: coronavirusgerechte, also abstandwahrende Lebensrettung. Eigentlich völlig unmöglich.

Noch mal für alle, deren Erste-Hilfe-Kurs zu lang zurückliegt, als dass noch wirklich wache Erinnerungen im Notfall helfen würden: Wenn da wer liegt und sich nicht rührt, muss jeder, der

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