Rems-Murr-Kreis

Sozialer Pflichtdienst aus Personalnot? Wie dies DRK, Diakonie und Caritas sehen

SymbolfotoAlterHeim
FSJ sind zum Beipiel in der Senioren- und Behindertenbetreuung möglich. © Gaby Schneider

Frank-Walter Steinmeier sorgte im Juni 2022 für Schlagzeilen – er kommunizierte seine Idee eines sozialen Pflichtdienstes. Im Hinblick auf fehlendes Personal und Arbeitskräftemangel könnte ein sozialer Pflichtdienst die Lösung sein. Wie sehen das soziale Einrichtungen im Rems-Murr-Kreis? Wir haben nachgefragt.

Als der Bundespräsident im Juni seinen Vorschlag unterbreitete – „es geht um die Frage, ob es unserem Land nicht guttun würde, wenn sich Frauen und Männer für einen gewissen Zeitraum in den Dienst der Gesellschaft stellen“ –, erntete er nicht nur Zustimmung. Familienministerin Lisa Paus plädierte dafür, den jungen Menschen die Entscheidung zu überlassen. Und die 17-jährige Jona Dörr aus Schwaikheim schrieb sogar einen Zornesbrief an den Bundespräsidenten (wir berichteten) – worauf sie wiederum harsche Kritik von einem älteren Leser unserer Zeitung erntete. Eins ist offensichtlich: Das Thema ist umstritten.

Viele ziehen Ausbildung oder Studium einem FSJ vor

Die Zahl der jungen Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr im Rems-Murr-Kreis absolvieren, sinkt. Laut der Diakonie Stetten habe diese Entwicklung schon vor Corona begonnen. Die aktuelle Pandemie verstärke allerdings den Trend. Die meisten Jugendlichen hätten nach der Schule andere Pläne. So würden die meisten eine Ausbildung oder ein Studium vorziehen. Und manche wollen nach einer Zeit harter coronabedingter Einschränkungen schlicht erst mal die neue Freiheit genießen.

Dass sich weniger junge Leute für ein FSJ entscheiden, schmerzt die Diakonie Stetten sehr. So müsse die Einrichtung an einigen Stellen, an denen früher Freiwillige gearbeitet haben, schon ohne sie auskommen.

Die Caritas-Ludwigsburg-Waiblingen-Enz hat aus diesem Grund mittlerweile gehandelt. „Wir haben uns von FSJlern unabhängig gemacht“, sagt Regionalleiter Hendrik Rook. Bei ihnen sei das freiwillige Jahr vielmehr die Brücke für junge Menschen in den sozialen Beruf. Wer will, kann schnuppern – mittelfristig könnte das gegen den Personalmangel helfen.

Ohne Freiwillige fehlt dem DRK schlicht das Personal

Auch für das Deutsche Rote Kreuz wird es immer schwieriger, Stellen in den Bereichen Schülerbegleitung und allgemeine Fahrdienste zu besetzen. Ohne Freiwillige und geeignete Bewerber kann das DRK im schlimmsten Fall keine Fahrdienste anbieten, da schlicht das Personal fehlt.

Utz Bergmann, Leiter Sozialarbeit beim DRK-Kreisverband, schaut realistisch in die Zukunft: Mit Blick auf die demografische Entwicklung werde es notwendig, dass sich mehr junge Menschen für und im sozialen Bereich engagieren. Anderenfalls könne man den wachsenden Herausforderungen perspektivisch nicht mehr gerecht werden, da es an Arbeitskräften mangle.

Bis 2011 verliefen die Planungen dahingehend einfacher – die Zeit des Zivildienstes bleibt der Diakonie Stetten in guter Erinnerung. In der Regel sei die Rückmeldung der Jugendlichen sehr positiv gewesen, einige hätten im Anschluss einen sozialen Beruf erlernt oder die Ausbildung direkt in der Diakonie begonnen.

Sollte man also den Vorschlag von Frank-Walter Steinmeier eines sozialen Pflichtdienstes umsetzen?

Zwar könnte auf diese Weise Personalengpässen entgegengewirkt werden, trotzdem sind sich die drei angefragten Einrichtungen einig: Niemand sollte gezwungen werden, in einem bestimmten Bereich zu arbeiten. Die Auswahl müsste im Zweifelsfall so groß sein, dass jeder einen geeigneten Platz findet.

Außerdem seien Rahmenbedingungen, Einarbeitung und gute Begleitung wichtig, damit der Pflichtdienst nicht zum Frusterlebnis werde, so das DRK.

Hendrik Rook betont: „Es hilft nicht, wenn junge Leute die Zeit absitzen, wir brauchen motivierte Menschen“. Er plädiert deswegen für eine größere Aufmerksamkeit für das Freiwillige Sozialen Jahr sowie dafür, mehr Anreize zu schaffen.

Werbemaßnahmen sind vonnöten

Das Deutsche Rote Kreuz schlägt konkret eine bessere Anrechnung der Rentenzeiten sowie bei Wartesemestern für die Studienplatzbewerbung vor.

Entsprechende Werbemaßnahmen seien vonnöten, um Jugendliche vom Freiwilligendienst zu überzeugen und eine größere gesellschaftliche Anerkennung fürs FSJ zu schaffen.

Dass sich so ein Engagement lohnen kann, betonen aber ebenfalls alle Befragten: Junge Leute würden von diesem wichtigen Einblick in den sozialen Bereich profitieren. Außerdem gäbe es ohne FSJ wenig oder gar keinen Kontakt zwischen jungen Menschen und Menschen mit Handicap.

Frank-Walter Steinmeier sorgte im Juni 2022 für Schlagzeilen – er kommunizierte seine Idee eines sozialen Pflichtdienstes. Im Hinblick auf fehlendes Personal und Arbeitskräftemangel könnte ein sozialer Pflichtdienst die Lösung sein. Wie sehen das soziale Einrichtungen im Rems-Murr-Kreis? Wir haben nachgefragt.

Als der Bundespräsident im Juni seinen Vorschlag unterbreitete – „es geht um die Frage, ob es unserem Land nicht guttun würde, wenn sich Frauen und Männer für einen gewissen

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