Rems-Murr-Kreis

Soziales Pflichtjahr: Warum Petra Häffner (Die Grünen) aus Schorndorf dafür ist

Petra Häffner
Soziales Pflichtjahr? Ja bitte! Petra Häffner von den Grünen prescht bei dem kontroversen Thema mit einem klaren Standpunkt vor. © Palmizi

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat unlängst die Idee eines sozialen Pflichtjahres zur Debatte gestellt – und ordentlich Gegenwind geerntet. Nun aber plädiert auch Petra Häffner dafür, die Schorndorfer Landtagsabgeordnete der Grünen. Im Interview erläutert sie ihre Argumente. (Weitere Beiträge zu diesem Streitfall finden Sie auch hier und - aus der Perspektive eines jungen Menschen - hier.)

Frau Häffner, warum können Sie sich ein soziales Pflichtjahr vorstellen?

Ich erinnere mich gut an die Zeit, in der ich als Physiotherapeutin in einer Klinik arbeitete. Wir waren auf Schlaganfallpatienten und neurologische Störungen spezialisiert. Ich kümmerte mich damals um die Zivildienstleistenden.

Tja. Das gab es damals.

Sie übernahmen zum Beispiel den Patiententransport, brachten die Patienten zur Therapie und zu Untersuchungen. Diese Jungs habe ich zwölf Monate lang betreut. Sie waren oft im Dienstzimmer der Physiotherapie. Ich sah, wie sie zu Beginn der zwölf Monate reinkamen und wie sie nach zwölf Monaten rausgingen – das waren andere Persönlichkeiten! Sie haben einen Prozess durchgemacht in diesem Jahr. Sie wurden mit Erfahrungen konfrontiert: Dieser Patient ist so alt wie meine Eltern oder Großeltern – er konnte von einer Sekunde auf die andere nicht mehr stehen, nicht mehr reden. Einer der Zivis sagte über einen Patienten: „Dieser Mann hat mir so viel erzählt!“ Es hat ihn geehrt, derjenige zu sein, dem ein Mensch in Not so vieles anvertraut hat. Solche Erlebnisse gibt es in keinem Studium, in kaum einer Ausbildung. Und die Zivis haben übrigens auch gelernt, Kaffee zu machen und abzuwaschen. Aber das nur nebenbei.

Lebenspraktische Kompetenz. Nicht zu verachten. Damals war es vollkommen selbstverständlich, einen Pflichtdienst zu leisten. Mitte der 80er Jahre hieß es für mich und meine Kumpels: Bundeswehr oder – so habe ich es gemacht – Zivildienst. Wir diskutierten viel: Das eine oder das andere? Aber nicht: Keins von beidem, ich seh das nicht ein ...

Ich habe damals mit Freunden auch nur darüber diskutiert, was für den einen oder anderen das Richtige ist. Eigentlich ist es schade, dass wir davon abgekommen sind.

Die Zivi-Dauer betrug phasenweise – zum Beispiel bei mir, 1985 – sogar 20 Monate. Insofern muss ich schmunzeln, wenn heute manche sagen: Ein Pflicht-Dienst wäre „ein verlorenes Jahr“.

Man verliert ein Jahr? Das kann ich gar nicht mehr stehenlassen. Ganz viele gehen heute nach der Schule erst mal ein Jahr weg. Im Übrigen: Die Zeit im Zivildienst war nicht verloren – für viele war es eine Hilfe zur Orientierung. Spüren, was in einem steckt ...

Ich war an einer Schule für Behinderte. Ein Kind dort war nach einem Unfall vom Hals an abwärts gelähmt und konnte nicht sprechen – die einzige Möglichkeit, seinen Willen zu äußern, hatte der Junge bei der Nahrungsaufnahme. Er konnte das Essen schlucken. Oder herausquellen lassen. Ihm jeden Mittag das Essen zu geben, hat mir einiges beigebracht über mich selber.

Man kommt an Grenzen. Man wird mit sich selbst konfrontiert. Wie viel Geduld habe ich? Man spürt: Wenn ich nicht gut drauf bin, reagiert das Gegenüber gleich ziemlich deutlich. Eins beobachte ich immer wieder: Leute in meinem oder Ihrem Alter, die Zivildienst gemacht haben, erzählen heute noch davon. Bürgermeister bauen es in ihre Reden ein: Ich hab da mal ... Das prägt einen fürs weitere Leben. Man nimmt etwas mit.

Das unterstreiche ich!

Ich war kürzlich bei einem Abschlusskurs von Absolventen eines FSJ, eines Freiwilligen Sozialen Jahres. Das war schon toll, was die alles gemacht hatten während ihres Jahres. Kooperation Schule und Verein zum Beispiel. Mit Kindern arbeiten. Übernahme von Organisationsaufgaben. Ein Fest organisieren. Eine Kinderbetreuung auf die Beine stellen. Auch Schreibkram. Akten ablegen. Die jungen Leute müssen sich mit Dingen auseinandersetzen, die sie sonst nicht machen würden.

Und waren die Kursteilnehmer im Nachhinein zufrieden?

Es waren vielleicht 30 Leute in der Runde, und am Ende unseres Gesprächs lautete die Frage: Würdet ihr es wieder machen? Drei oder vier sagten, sie würden es nicht mehr machen, wegen zu wenig Geld oder weil sie schneller ins Studium kommen wollen. Der große Teil sagte: Ich hab was draus mitgenommen! Einer interessierte sich fürs Lehramt und wollte wissen: Kann ich mit Kindern? Jetzt sah er klarer.

So ein Dienst weitet den Horizont.

Er bringt mir Erkenntnisse und Kontakte in Bereichen, die ich sonst nicht kenne. Ob in einem Flüchtlingsheim, einem Altenheim oder einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung: Wenn Sie dort einmal Einblicke gewonnen haben, gehen Sie mit einem Bild heim, mit Eindrücken, Emotionen. Dann fangen Sie an, grundlegend anders über die Welt, das Leben und den Alltag nachzudenken.

Aber reicht nicht freiwillig?

Ich würde es tatsächlich verpflichtend machen. Aber dann müsste es so sein, dass man seine Neigungen pflegen, seinen Interessen folgen kann. So ein Dienst kann im Altenheim, er kann aber genauso im Vogelschutzgebiet sein. Man könnte auch in der Verwaltung arbeiten.

Ich habe damals pro Monat etwa 400 Mark bekommen. Das lief auf einen Stundenlohn von 2,50 Mark raus. Müsste man bei einem Pflichtjahr heute nicht wenigstens über einen Mindestlohn nachdenken?

Ich möchte bewusst noch keine Detailvorstellungen vorlegen, wie das genau umgesetzt wird. Ich glaube, wir müssen erst eine grundsätzliche Diskussion führen: Was ist die Rolle jedes Einzelnen in der Gesellschaft und im Staat? „Der Staat hat mich zu versorgen, ich zahle ja Steuern! Ich habe den Anspruch, dass der Staat was für mich tut!“ Oder: Wie kann ich dazu beitragen, wie wir miteinander leben?

Letztlich geht es um unser Verständnis von Gesellschaft?

Ja. Wollen wir das, oder wollen wir das nicht, dass jeder und eventuell auch jede im Laufe seines, ihres Lebens eine Zeit lang etwas tut, das nicht nur für ihn, für sie selbst ist und um auf der Karriereleiter voranzukommen? Manchem Manager täte es gut, wenn er zunächst irgendwann mal im sozialen Bereich tätig gewesen wäre.

Aber ginge es, wenn wir ehrlich sind, letztlich nicht vor allem darum, den Fachkräftemangel aufzufangen, vor allem in der Pflege?

Ich glaube nicht, dass wir den Fachkräftemangel mit sozialem Dienst kompensieren sollten. Ich will auch nicht, dass ein Mensch im sozialen Dienst eine Infusion legt. Dass der Staat was spart, ist nicht das Ziel. Ich würde die Diskussion lieber anders führen: Wenn alle sich einsetzen, ist das ein Gewinn für die Gesamtgesellschaft. Was gebe ich der Gesellschaft? Um diese Frage geht es. Sind wir schon zu verwöhnt, um diese Diskussion zu führen?

Das erinnert mich an Kennedy: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst.“

Ein wagemutiger Gedanke dazu: Könnte man nicht auch über die Schaffung eines freiwilligen sozialen Halbjahres nach dem Berufsleben nachdenken?

O-oh, damit machen Sie sich nicht bei allen beliebt.

Wenn man das vorschlägt, kommen sicher extreme Argumentationen: Der Zimmermann, der einen krummen Rücken hat, der so schwer getragen hat, soll jetzt auch noch den Waldarbeitern helfen?! Natürlich nicht. Aber stellen wir uns das doch einfach etwas anders vor: Ich habe als Manager bei Daimler mit dem Kopf gearbeitet – ich mache jetzt im Ruhestand Fahrdienst für Behinderte ein halbes Jahr lang. Menschen haben nach einem langen Berufsleben doch eine solche emotionale, soziale, kognitive Kompetenz: Sie können der Gesellschaft so viel geben! Und manche sagen ja vielleicht: Ja, ich möchte gerne der Gesellschaft etwas zurückgeben. Wir sollten Möglichkeiten entwickeln, wie wir all das Potenzial, das in der Gesellschaft lebt, bergen können.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat unlängst die Idee eines sozialen Pflichtjahres zur Debatte gestellt – und ordentlich Gegenwind geerntet. Nun aber plädiert auch Petra Häffner dafür, die Schorndorfer Landtagsabgeordnete der Grünen. Im Interview erläutert sie ihre Argumente. (Weitere Beiträge zu diesem Streitfall finden Sie auch hier und - aus der Perspektive eines jungen Menschen - hier.)

Frau Häffner, warum können Sie sich ein soziales Pflichtjahr

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper