Rems-Murr-Kreis

SPD Rems-Murr mit neuer Spitze: Jürgen Hestler redet zum Abschied Klartext

Jürgen Hestler (rechts) und der neue SPD-Kreisvorsitzende Benedikt Paulowitsch
Der scheidende SPD-Kreisvorsitzende Jürgen Hestler (rechts) und sein Nachfolger im Amt des Vorsitzenden der SPD Rems-Murr, der Kernener Bürgermeister Benedikt Paulowitsch. © Büttner

Er hat noch einmal inhaltlich Pflöcke eingeschlagen bei seiner letzten Rede als Kreisvorsitzender der SPD: Jürgen Hestler lehnt die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine ab. „Die Kanone in einem Marder schießt nicht alleine“, sagte Hestler am Freitagabend (06.05.) in seiner Abschiedsrede im Bürgerhaus Unterweissach: „Marder sind komplizierte Kampfmaschinen, eingebunden in ein logistisches System. Ich saß schon drin. Wer sie liefert, muss auch Militärberater mitschicken. Und schon ist man Kriegspartei.“

Mehr als deutliche Worte richtete Hestler an einen der beiden Koalitionspartner seiner Partei, die Grünen: „Wenn ich den Anton Hofreiter höre, sträuben sich bei mir die Nackenhaare. Seine kriegstreiberische Rhetorik verträgt sich schlecht mit der Zuschauerloge, aus der sie wortstark tönt“, so Hestler mit Verweis auf Worte des Philosophen Jürgen Habermas.

Die Bühne gehörte am Freitagabend dem scheidenden Vorsitzenden, dem dienstältesten SPD-Kreisvorsitzenden landesweit, noch nicht seinem Nachfolger: Benedikt Paulowitsch, Bürgermeister in Kernen, hatte als Einziger für die Nachfolge Hestlers kandidiert. Von 71 Stimmberechtigten schenkten ihm 63 ein „Ja“. Eine Nein-Stimme und sieben Enthaltungen zogen die Wahlhelfer/-innen außerdem aus der Zettelbox.

"Global denken, lokal die richtigen Schlüsse ziehen"

„Mich drängt’s einfach, die Rems-Murr-SPD noch weiter voranzubringen“, so hatte Paulowitsch zuvor seine Kandidatur begründet. „Global denken, lokal die richtigen Schlüsse ziehen“: Mit diesem Leitsatz vor Augen startet der 34-Jährige ins Amt.

Die richtigen Schlüsse ziehen – wenn man nur immer wüsste, welche das sind. Jürgen Hestler scheute sich jedenfalls nie, Schlüsse zu ziehen, und nicht immer teilte die Mehrheit seiner „SPD-Familie“ seine Sicht der Dinge. Trotzdem, vielleicht sogar deshalb, spendete die gesamte SPD-Schar ihrem scheidenden Vorsitzenden mehrfach und stehend lang anhaltenden Applaus.

Nicht überliefert ist, wer am Ende des außerordentlichen Kreisparteitags rote Socken aus Hestlers Koffer mitgenommen hat: Der 71-Jährige hatte gleich mehrere Paare im Gepäck und eins davon an seinen Füßen. Pfarrer Peter Hintze trägt Schuld daran, dass Hestler seit 1994 dauernd rote Socken trägt.

Protest gegen Unterstellungen hinter der Rote-Socken-Kampagne

Hintze war einst Generalsekretär der CDU und läutete Anfang der 90er mit seiner Rote-Socken-Kampagne den Bundestagswahlkampf ein. Hintze, der 2016 verstorben ist, hatte damals „auch mich gemeint“, sagte Hestler. Der CDU-Mann habe sagen wollen, „alle Sozis seien mitverantwortlich für Stasi, Straflager und Schießbefehl an der Mauer.“

„Warum mir da jetzt der ukrainische Botschafter Melnyik in den Sinn kommt, weiß ich auch nicht“, so Hestler ironisch. Andrij Melnyk hatte Bundeskanzler Olaf Scholz eine „beleidigte Leberwurst“ genannt und auch sonst nicht mit provokanten Äußerungen gespart.

Als Zeichen eines „täglichen Protests gegen eine als Wahrheit verkleidete Lüge“ stülpte Hestler sich jedenfalls 1993 die roten Socken über, denn „wenn schon Pfarrer lügen, hat es die Wahrheit eben schwer.“ Auch wenn Hestler nun nach fast 29 Jahren als SPD-Kreisvorsitzender abtritt, behält er die roten Socken an, weil Protest weiter nötig ist aus seiner Sicht: „Ich registriere angewidert eine Neuauflage der Rote-Socken-Kampagne von 1993 nach dem Motto: Die Sozis sind die 5. Kolonne Moskaus, unbelehrbare Putinversteher und wegen ihrer fatalen Ostpolitik schuld am russischen Einmarsch in die Ukraine.“

Richtig ist, so sieht es Hestler: „Die Entspannungspolitik hat uns 50 Jahre Frieden in Mitteleuropa gebracht. Aber das zählt ja jetzt nicht mehr. Ich muss mir von einer ehemaligen grünen Friedenspartei, die vor acht Wochen noch mit der Peace-Flagge in der Hand die totale Abrüstung und Lieferverbote von Waffen in Krisengebiete gefordert hat, sagen lassen, dass dies alles falsch war.“

Gegen ein "Denk- und Sprechverbot"

Was falsch ist und was richtig, wird heute gern, so empfindet’s der frühere Gymnasiallehrer, mit „hochmoralischem Zeigefinger“ verkündet: Aus Amerika sei „ein als linke Identitätspolitik verkleidetes Denk- und Sprechverbot herübergeschwappt. Mohren-Apotheken müssen demnach umbenannt werden, Juden dürfen nicht mehr Juden genannt werden, Weiße dürfen keine Gedichte von Nichtweißen mehr übersetzen und sich keine Dreadlocks mehr flechten. Das sei alles Rassismus. Was für ein gefährlicher Unsinn. Was für eine weltfremde Sichtweise. Was für eine Verniedlichung und Relativierung der Untaten wirklicher Rassisten.“

Klare Worte, keine Frage. Nicht ohne Grund sagte Robert Antretter, Weggefährte Hestlers und langjähriger SPD-Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Backnang/Schwäbisch Gmünd, der scheidende SPD-Kreisvorsitzende hinterlasse „Spuren der Orientierung“. Menschen zu integrieren, das war und ist Hestlers Stärke, und als Lehrer habe er Schüler/-innen für die Demokratie gewinnen können: Vermutlich kann man, hatte Hestler in einem Interview mit dieser Zeitung vor kurzem gesagt, als Lehrer mehr für die Demokratie erreichen, als ein Berufspolitiker es schafft.

Andreas Stoch findet emotionale Worte

Einen weiteren prominenten Gast hatten die SPDler ins Unterweissacher Bürgerhaus geholt: Andreas Stoch, Landes- und Fraktionsvorsitzender der SPD Baden-Württemberg, verwies mit Blick auf Hestlers Abschied auf gemeinsame Wurzeln auf der Schwäbischen Alb, auf viele Jahre gemeinsames Wirken zu jener Zeit, als Stoch auch SPD-Kreisvorsitzender war, seinerzeit in Heidenheim. Hestler sei derjenige gewesen, sagte Stoch in seiner emotionalen Rede, der ihm „am meisten ans Herz gewachsen“ war.

Man kann nicht nach fast 29 Jahren emotionsfrei ein Amt aufgeben, in das man all die Jahre aus Überzeugung so vieles hineingelegt hat. Hestler steigt nicht ganz aus; er behält sein Kreistagsmandat, bleibt Vorsitzender der SPD Weissacher Tal und wird weiterhin sein Möglichstes tun, für Wasserstofftechnologie zu werben, weil ihr seiner Überzeugung nach die Zukunft gehört: „Ich bin schon ein wenig stolz, dass ich zusammen mit der Kreistagsfraktion einen wesentlichen Beitrag dazu leisten konnte, dass der Rems-Murr-Kreis zur Modellregion Wasserstofftechnologie wurde.“

Nochmal brandet Applaus auf im Bürgerhaus, und Hestler sagt tschüss: „Den Hut in den Ring zu werfen ist leichter, als den Hut zu nehmen. Es war mir eine Ehre.“

Er hat noch einmal inhaltlich Pflöcke eingeschlagen bei seiner letzten Rede als Kreisvorsitzender der SPD: Jürgen Hestler lehnt die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine ab. „Die Kanone in einem Marder schießt nicht alleine“, sagte Hestler am Freitagabend (06.05.) in seiner Abschiedsrede im Bürgerhaus Unterweissach: „Marder sind komplizierte Kampfmaschinen, eingebunden in ein logistisches System. Ich saß schon drin. Wer sie liefert, muss auch Militärberater mitschicken. Und schon ist man

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