Rems-Murr-Kreis

Sterbebegleitung für die Buchen

1/3
Baum kaputt
Diese Buche ist dem Tode geweiht. Vielleicht schlägt sie im Frühjahr noch mal aus, doch sie wird den Sommer nicht überleben. © Gabriel Habermann
2/3
5I7A3000a
Ein Blick in die Kronen der Buchen zeigt: Die Bäume sehen aus wie abgefressene Besen. Die kleinen, feinen Zweige, an denen die Blätter ausschlagen würden, fehlen. © Gabriel Habermann
3/3
5I7A3019a
Auch die Tannen sind geschädigt: Rechts ist der Baum noch gesund und hat eine dichte Krone, links dagegen wird's licht. © Gabriel Habermann

Die großen, alten, einst so prächtigen Buchen sterben von oben her. Die Krone wird licht, sieht aus wie ein angefressener Besen. Den großen Ästen fehlen die kleinen, feinen Zweige, an denen die Blätter im Frühling sprießen sollen. Die Rinde blättert ab, Schädlinge, die ihre Gänge ins Holz gebohrt haben, beschleunigen das Ganze. Der Baum vertrocknet und beginnt gleichzeitig zu faulen. Erst stürzen die Äste, irgendwann zerbricht der ganze Stamm.

Die Buchen sind hin, da ist nichts mehr zu retten. Auch wenn die Bäume im unteren Bereich noch gesund aussehen. Die Rinde wirkt dort frisch, die Blätter treiben noch aus – es ist ein letztes Aufbäumen. Diese Buchen werden es nicht schaffen. Gehen sie in diesem Sommer nicht kaputt, wird’s im nächsten Sommer sein.

Martin Röhrs, für Forst BW Chef über den Staatswald im Schwäbisch-Fränkischen Wald, und sein Revierleiter Hans-Joachim Bek sprechen von „fünf nach zwölf“, von „Dahinsiechen“, und dem „Point of no return“, der erreicht sei. Sie sagen, sie machen „Sterbebegleitung“.

Auf die Südhänge knallt im Sommer die Sonne

In der Backnanger Bucht ist’s besonders schlimm. Denn viele Hänge, auf denen der Wald wächst, sind gen Süden ausgerichtet. Im Sommer knallt die Sonne rein. Es war der Sommer 2003, der zum ersten Mal die Thermometer in die schweißtreibenden Höhen trieb, die inzwischen fast normal sind: 35 bis 40 Grad Celsius, und das nicht nur an einem Ausnahme-Nachmittag. Regen gab’s keinen.

Die Buche ist die Hauptbaumart im Rems-Murr-Kreis. 35 bis 40 Prozent aller Bäume im Wald sind Buchen. Darunter gab’s auch viele von jenen über 100 Jahre alten Exemplaren, die unseren Wald zu dem machten, was wir so an ihn lieben: zum hohen, grünleuchtend-kühlen Gewölbe. Zur Naturkathedrale.

Gerade jene Riesen sind es, die jetzt absterben. Denn sie haben in den Jahrzehnten ihre Wurzeln viele Meter tief in die Erde wachsen lassen. Schließlich gab’s dort unten immer Wasser, auch wenn eine trockene Periode die Erdoberfläche mal austrocknen ließ. Inzwischen aber herrscht in der Tiefe Wüstenklima. Der Grundwasserspiegel ist gesunken. Denen, die immer im Saft standen, ist selbiger abgedreht.

Sterben die alten Buchen ab, entstehen große Lücken im Blätterdach. Das kühle, feuchte Waldklima verändert sich, wird sonnenheißer und -trockener. Noch mehr Bäume leiden – ein Teufelskreis.

Mit der Hitze kam ein neuer Schädling

Doch das ist noch nicht alles. Damals, im Sommer 2003, sagt Martin Röhrs, traf er an seinen durstenden und von der Hitze geschwächten Buchen auf Schäden, die ihm bis dahin unbekannt waren. Kleine Einbohrlöcher, um die herum das Gewebe ein bisschen geschwollen wirkte. Aus den Löchern floss schwarzes, schleimiges Zeug. Die Buchen sahen aus, als hätten sie entzündete Pickel.

Das Insekt, das den durch die Trockenheit ohnehin gebeutelten Bäumen zusetzt, war damals neu im Schwäbisch-Fränkischen Wald. Es ist der zweifarbige Buchenborkenkäfer. An diesem Käfer, sagt Röhrs, stirbt die Buche erst mal nicht. Aber an der nachfolgenden Fäule. In die Wunden im Holz dringt der Pilz ein, den der Baum nicht bekämpfen kann. Der Baum verfault, wird erst schwarz, dann bröselig. Von innen.

Wer heute durch den Wald geht – und das gilt nicht nur für den Wald bei Oppenweiler, sondern für alle Waldgebiete im Kreis –, sieht abgebrochene Stämme schartig in die Luft stechen. Der Boden ist übersät mit Ästen jeglicher Größe, die kreuz und quer liegen.

Entlang der Straße und Wege reiht sich Baumstumpf an Baumstumpf. Bis zu 30 Meter hinein ins Gelände, einer Baumlänge entsprechend, rechts und links. Das gibt Riesenschneisen. Und Riesenärger. Die Spaziergänger, Radfahrer, Pilzsucher, Baumverehrer beschimpfen die Förster und ihre Waldarbeiter: Man mache den Wald kaputt, denke nur an den Profit, verhökere die Natur. Mitnichten. Das Holz von vielen der Bäume, die gefällt werden, taugt nicht mal mehr zur Klopapierherstellung. Geschweige denn für Möbel und Parkett. Es wird als Hackschnitzel verheizt werden.

Die Bäume seien doch alle grün, sagen die Leute im Frühjahr und Sommer. Ja, wie schon beschrieben, untenrum vielleicht. Oben nicht mehr. Da sind sie tot. Und dann müssen sie weg. Zumindest an den Straßen und bewanderten Wegen. Die Förster haben eine Verkehrssicherungspflicht. Tun sie nichts und es passiert irgendwem irgendwas, sind sie dran. Abseits der Wege übrigens besteht diese Sicherungspflicht nicht. Wer sich ins Gelände wagt, tut dies auf eigene Gefahr. Und die wächst von Sommer zu Sommer.

Unser Wald ist Mischwald: Es stehen noch ein paar andere Bäume

Glücklicherweise, sagen die zwei Waldfachmänner, ist der Schwäbisch-Fränkische Wald erstens ein Mischwald. Das heißt: Auch wenn’s deutlich lichter wird, es stehen immerhin noch ein paar Bäume. Eichen beispielsweise sind stabiler. In anderen Bundesländern sehe das ganz anders aus. Da seien ganze Hänge kahl. Vollkommen. Ein Endzeitszenario. Zweitens hat man hier schon immer auf Naturverjüngung gesetzt. Untenrum, auf Knöchel- bis Nasenhöhe, wachsen die neuen Buchen nach. Hans-Joachim Bek hofft, dass die Jünglinge sich den veränderten Gegebenheiten anpassen. Diese Buchen werden aller Wahrscheinlichkeit nach nie mehr so groß werden, wie die alten es schafften. Aber sie werden ihre Wurzeln auch weniger in die Tiefe als eher oberflächlicher in die Breite recken. Damit sie an die Regentropfen kommen, die frisch gefallen sind. Diesen Winter gab’s davon. Und sogar Schnee, der mit dem Tauen langsam in die Erde sickern konnte. Die kleinen Buchen profitieren davon. Den alten Riesen hilft’s nicht mehr.

Die großen, alten, einst so prächtigen Buchen sterben von oben her. Die Krone wird licht, sieht aus wie ein angefressener Besen. Den großen Ästen fehlen die kleinen, feinen Zweige, an denen die Blätter im Frühling sprießen sollen. Die Rinde blättert ab, Schädlinge, die ihre Gänge ins Holz gebohrt haben, beschleunigen das Ganze. Der Baum vertrocknet und beginnt gleichzeitig zu faulen. Erst stürzen die Äste, irgendwann zerbricht der ganze Stamm.

Die Buchen sind hin, da ist nichts mehr

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper