Rems-Murr-Kreis

Stockbetten dicht an dicht, Luft stickig: So leben Geflüchtete in Waiblinger Sporthallen

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Ein Blick in eine der Sporthallen am Waiblinger Berufsschulzentrum: Dicht an dicht schlafen hier zurzeit Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind. Es kommen derzeit sehr viele Menschen im Rems-Murr-Kreis an, deshalb diese Unterbringung so vieler auf so engem Raum. Ziel ist, die Menschen möglichst schnell in kommunale Unterkünfte weiterzuvermitteln, doch die Gemeinden befinden sich mittlerweile an Belastungsgrenzen. © Gaby Schneider
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Im Dauereinsatz, weil sie Russisch spricht, und eine der guten Seelen in den Waiblinger Hallen, in welchen zurzeit Hunderte Geflüchtete leben: Sozialarbeiterin Sviatlana Babyleva. © Gaby Schneider

Alle paar Meter bildet sich eine kleine Menschentraube um Sviatlana Babyleva. Hast du meine Mama gesehen? Wo kann ich die Lebensmittelgutscheine einlösen? Wo gibt’s einen Besen und wie kann ich helfen?

Sviatlana Babyleva beantwortet geduldig auf Russisch oder Ukrainisch Frage um Frage. Die Sozialarbeiterin sieht sehr, sehr müde aus. Als in den Sporthallen am Waiblinger Berufsschulzentrum nur hundert geflüchtete Menschen untergebracht waren, ließ sich noch alles ganz gut managen, sagt sie. Mittlerweile schlafen fast 400 Ukrainerinnen und Ukrainer in den Hallen.

Für alle, die es eigentlich nötig hätten, auf die Schnelle einen Arzttermin zu organisieren, „das schaffen wir momentan leider nicht“, sagt die 39-Jährige. Sie befindet sich im Dauereinsatz, weil sie aus Weißrussland stammt und deshalb dolmetschen kann. Eigentlich arbeitet Sviatlana Babyleva im Familienzentrum Karo in Waiblingen als Sozialarbeiterin, doch zurzeit zählt nicht, was eigentlich gilt.

Viele haben eine Odyssee durch mehrere Sporthallen hinter sich

Im Rems-Murr-Kreis sind wegen des Krieges in der Ukraine aktuell mehr Menschen unterzubringen als in den Jahren massenhafter Fluchtbewegungen 2015 und 2016. Landrat Dr. Richard Sigel hatte sich vergangene Woche mit einem unmissverständlichen Appell an die Öffentlichkeit gewandt: Wo sitzen die Strategen in Berlin? Wie jetzt die Menschen dicht an dicht in der Sporthalle schlafen müssen, wie sich Alte und Kranke im Rollstuhl dort ins Stockbett zu quälen haben, „das treibt mir die Tränen in die Augen“.

Eine Vielzahl der Geflüchteten hat bereits eine Odyssee durch mehrere Sporthallen hinter sich. Im Vergleich zu Unterkünften andernorts sind die Waiblinger Verhältnisse prima, heißt es. Woanders gab’s Klappbetten. Das war’s. Die Waiblinger Halle sei mit Abstand die beste Unterkunft, die sie bisher gesehen hätten. Das haben viele Geflüchtete der Sozialarbeiterin erzählt – obwohl in der Waiblinger Halle die Stockbetten dicht an dicht stehen. Die Luft ist stickig. Überall liegen Koffer und Reisetaschen; ein paar Habseligkeiten lagern die Menschen in Umzugskartons, die auf den Spinden abgestellt sind.

Kann ich Kontakt halten zu meinen Angehörigen?

Lilia Maslova hat ein Betttuch als Sichtschutz aufgehängt, damit ihre Tochter etwas mehr Ruhe hat beim Lernen. Die Zwölfjährige verfolgt am Laptop den Unterricht. Ukrainische Schulen haben auf Fernlernen umgestellt. Auch deshalb dreht sich die erste Frage der Menschen bei ihrer Ankunft in Waiblingen ums Internet, erzählt Sviatlana Babyleva: Ist die Verbindung stabil? Kann ich Kontakt halten zu meinen Angehörigen?

Lilia Maslova kann sich nicht wie ihre Tochter aufs mobile Arbeiten verlegen: Ihr Arbeitgeber, ein Unternehmen aus der Lebensmittelbranche, existiert nicht mehr. Die Firma ist zerbombt, berichtet die Biologin. Sie ringt immer wieder um Fassung, erzählt von ihrem Mann, der Arzt ist und in der Ukraine ausharrt wie ihr Sohn. Vor einem Monat hat Lilia Maslova mit ihrer Tochter die Ukraine verlassen. Ihr Weg führte sie über Polen und Italien nach Deutschland, erst nach Karlsruhe, dann nach Waiblingen. Wie es für die beiden weitergehen wird, ist offen.

Ziel ist, für die Menschen möglichst schnell eine Bleibe in einer kommunalen Unterkunft zu finden. Nur kommen die Städte und Gemeinden angesichts des Ansturms Geflüchteter längst an ihre Belastungsgrenzen.

Ohne die Ehrenamtlichen wäre die Aufgabe nicht zu bewältigen

Unterdessen tut Sviatlana Babyleva, was sie tun kann – wie ihre Kolleginnen und Kollegen, wie all die Ehrenamtlichen, ohne die diese Mammutaufgabe nicht zu bewältigen wäre, wie all die unermüdlichen Helferinnen und Helfer vom Roten Kreuz, die jeden Tag an der Essensausgabe stehen. An diesem Tag gibt’s Maultaschen mit Kartoffelsalat, und gegen Mittag bildet sich binnen kurzem eine längere Schlange vor dem Nebenraum der Halle, in welchem sonst vermutlich Turngeräte aufbewahrt sind. Jetzt hat man dort die Essensausgabe eingerichtet und Sitzgarnituren aufgestellt. Wie all die Menschen dort stehen im engen Gang und auf den Start der Essensausgabe warten, fragt man sich, ob sie hier nicht ein Riesenproblem mit Corona haben. „Nein“, sagt Sviatlana Babyleva, „Corona macht einen Bogen um uns.“ Ihr macht es mehr Sorgen, dass das Helferteam nicht für alle, die Krebs haben oder Diabetes oder grippale Infekte, die unter Magen-Darm-Beschwerden leiden oder akute Schmerzen beklagen, ganz schnell medizinische Hilfe organisieren kann. Alles dauert seine Zeit angesichts von Hunderten zu versorgenden Menschen.

Es gibt ein Spielzimmer und eine Kleiderkammer

In einer zweiten Sporthalle weiter oben in der Waiblinger Steinbeisstraße sind jene untergebracht, die es noch härter getroffen hat als andere, weil sie krank sind oder aus anderen Gründen. In der oberen Halle hat man mit Hilfe eines Messebauers Abtrennungen geschaffen, so dass so etwas wie Zimmer entstanden sind. In jedem kleinen Raum leben sechs Personen, und „alle Zimmer sind jetzt belegt“, berichtet Sviatlana Babyleva. Es müssen doch Konflikte entstehen, dieser Gedanke drängt sich auf: Die Bedingungen in den beiden Hallen unterscheiden sich sehr. Klar kommt’s auch zu Streitereien, wo so viele Menschen auf so engem Raum zusammenleben müssen, doch alles in allem herrscht eine „friedliche“ Atmosphäre, sagt die Sozialarbeiterin.

Sie schaut kurz im Spielzimmer vorbei. Ein kleines Mädchen, vielleicht zwei Jahre alt, sitzt auf einer Matratze und schaut mit großen Augen ins Nichts. Eine Menge Spielsachen liegen verstreut herum. Direkt nebenan haben sie eine Kleiderkammer eingerichtet. Hosen, T-Shirts, Pullis – alles da, nur das Wichtigste, das fehlt: die Aussicht auf baldige Besserung. Auf Frieden.

Alle paar Meter bildet sich eine kleine Menschentraube um Sviatlana Babyleva. Hast du meine Mama gesehen? Wo kann ich die Lebensmittelgutscheine einlösen? Wo gibt’s einen Besen und wie kann ich helfen?

Sviatlana Babyleva beantwortet geduldig auf Russisch oder Ukrainisch Frage um Frage. Die Sozialarbeiterin sieht sehr, sehr müde aus. Als in den Sporthallen am Waiblinger Berufsschulzentrum nur hundert geflüchtete Menschen untergebracht waren, ließ sich noch alles ganz gut managen, sagt

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