Rems-Murr-Kreis

Streit um verpflichtenden Geschwindigkeitsassistenten: Wie stark soll in Autonomie des Fahrers eingegriffen werden?

Blitzer-Marathon
Der letzte große Blitzer-Marathon liegt zwei Jahre zurück. © Benjamin Büttner

Niemand soll mehr im Straßenverkehr sterben: Diese Vision ist benannt, doch tobt ein erbitterter Streit um die Freie-Fahrt-für-freie-Bürger-Frage. Technisch wär’s ein Leichtes, Bleifüße zu stoppen. „Runter vom Gas“ heißt es mahnend in Kampagnen, und das nicht ohne Grund. Hauptursache bei tödlichen Unfällen ist überhöhte Geschwindigkeit. In den Jahren 2014 bis 2020 sind im Rems-Murr-Kreis 66 Menschen bei Unfällen ums Leben gekommen.

ISA kann tödliche Unfälle verhindern. Die Abkürzung steht für „intelligent speed assistance“. Gemeint ist eine technische Vorrichtung im Auto, die zu schnelles Fahren erkennt und moniert. Der Streit dreht sich darum, ob das System im Auto die Regie übernimmt, also selbstständig das Tempo drosselt oder zumindest den Widerstand des Gaspedals erhöht – oder den Fahrer lediglich auf zu hohe Geschwindigkeit hinweist, etwa mittels Warnton oder -licht. Solche Warnsysteme gibt’s bereits, verpflichtend sind sie bisher nicht.

Vorwurf: Man nimmt ohne Not Todesopfer in Kauf

Beschlossene Sache ist bisher nur, dass in der EU bald neue Fahrzeuge mit einem intelligenten Geschwindigkeitsassistenten ausgerüstet sein müssen. Das gilt laut Bundesverkehrsministerium von Juli 2022 an für alle Modelle, die neu auf den Markt kommen, und zwei Jahre später für Neuwagen der Klassen M und N, das sind Personenkraftwagen, Busse und Nutzfahrzeuge.

Der Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek (Grüne) verweist auf Schätzungen, wonach man ohne Not 1300 Todesopfer pro Jahr in der EU in Kauf nimmt, sollte man sich auf ein ISA-System einlassen, das sich auf bloße Warnungen beschränkt und dem Fahrer die volle Entscheidungsfreiheit lässt. Für diese abgespeckte Variante habe sich das Bundesverkehrsministerium eingesetzt.

Die Frage nach dem Warum lässt das Ministerium offen: In einer Antwort auf eine Anfrage dieser Zeitung heißt es, die genauen technischen Anforderungen an dieses System würden derzeit erarbeitet; Details könne man noch nicht nennen.

In Medienberichten wird unterdessen auf eine Stellungnahme verwiesen, wonach man in Berlin eine Warnlampe für völlig ausreichend hält und es ansonsten den Autoherstellern überlassen will, wie sie den Geschwindigkeitsassistenten konkret gestalten wollen. Doch die Autolobby wird Schnellfahrer nicht freiwillig mittels Technik ausbremsen, das versteht sich von selbst.

Winfried Hermann äußert sich zurückhaltend

In Baden-Württemberg ist das Verkehrsministerium momentan in der Hand der Grünen. Wie die Karten jetzt nach der Landtagswahl neu gemischt werden, ist noch offen. Winfried Hermann von den Grünen lässt über einen Sprecher ausrichten, aktiv in die Autonomie beim Fahren einzugreifen, hätte eine „ganz andere Qualität“ als bloßes Warnen: „Es stehen dazu noch rechtliche Prüfungen und praktische Tests aus, um herauszufinden, welche der neuen Technologien sinnvoll, verantwortbar und wirksam sind.“

Ironie der Geschichte: Früher oder später spielt es keine Rolle mehr, ob’s im Bleifuß juckt oder nicht, weil Autos nicht mehr von Menschen gesteuert werden: „Wir werden erleben, dass Verkehrsschilder dann nur noch den Zweck haben, Oldtimerfahrern anzuzeigen, was geboten oder verboten ist. Autonome Pkw brauchen ja keine Geschwindigkeitsbegrenzungen mehr, weil sie sich jederzeit in Abstimmung mit den sie umgebenden Verkehrsteilnehmern im optimalen Tempo bewegen. Langsam, wenn Radfahrende oder Fußgänger vor oder neben ihnen unterwegs sind. In Kolonne mit Sicherheitsabstand, wenn es morgens zur Arbeit geht“, erläutert Christian Reher, Geschäftsführer der Kraftfahrzeuginnung Region Stuttgart. „Was wir jetzt mit ISA bekommen, ist so gesehen eine Brückentechnologie“, ergänzt Innungsobermeister Torsten Treiber.

Probanden empfanden Drosselung der Motorleistung stressfrei

Bis autonomes Fahren Realität wird, fließt noch viel Wasser die Rems runter, doch die ersten Schritte hin zu komplett computergesteuerter Mobilität sind längst getan. Notbremsassistenten, Geschwindigkeitsregler oder Abstandshalter sind in modernen Fahrzeugen bereits verfügbar. Dennoch gibt’s Vorbehalte gegen einen intelligenten Geschwindigkeitsassistenten, der die Regie übernimmt. Praxistests fielen unterdessen pro automatische Regelung aus: Bei Versuchen hatten Testfahrerinnen und -fahrer eine automatische Drosselung der Motorleistung bei Überschreiten eines Tempolimits als die beste und stressfreiste Variante eingestuft. Am Gaspedal spürbare Reaktionen und Piepstöne wurden als nervtötend empfunden. Doch wie so oft: Es existieren auch Studien mit genau gegenteiligem Ergebnis.

Torsten Treiber zufolge hat aber eine automatische Temporegulierung anhand von Verkehrsschildern, die das System via Kamera erkennt, „so ihre Haken“: Sie seien für ein automatisches System nicht eindeutig genug aufgestellt; zum Beispiel kann ein niedrigeres Tempolimit nachts oder bei Nässe gelten oder Tempo 120 auf der Hauptfahrbahn, aber Tempo 60 auf der Abbiegespur. Allerdings: Auch das Navi speist das System dauernd mit Daten – aber auch nicht immer zuverlässig mit den aktuell richtigen.

Treiber geht jedenfalls davon aus, dass „es wohl so laufen wird, wie es bereits läuft: Die Informationen werden vom System eingespielt, aber entscheiden müssen Fahrerin oder Fahrer selber.“

System soll auch nicht angepasste Geschwindigkeit erkennnen, nicht nur das Überschreiten des Tempolimits

Die EU will Autofahrern unterdessen gar nicht alle Entscheidungen abnehmen. In einer EU-Verordnung vom November 2019 heißt es, „es sollte möglich sein, intelligente Geschwindigkeitsassistenten abzuschalten, wenn ein Fahrer zum Beispiel als Folge von widrigen Witterungsverhältnissen, widersprüchlichen vorübergehenden Straßenmarkierungen in Baustellen oder irreführenden, mangelhaften oder fehlenden Verkehrszeichen falsche Warnungen oder unangemessenes Feedback erhält.“

Unterdessen hält es der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) für „unbedingt wünschenswert“, dass „ISA-Systeme ein Element zur Beurteilung der ‘angepassten Geschwindigkeit’ beinhalten.“ Ferner sollen Autofahrer aus DVR-Sicht das System jederzeit übersteuern können, sprich: „Der Fahrende muss in der Lage sein zu handeln, so dass das System nicht zwangsweise aktiv eingreift, also immer abbremst, sondern dem Fahrenden andere Möglichkeiten gibt zu handeln, zum Beispiel ausweichen, überholen etc.“, erklärt DVR-Sprecherin Julia Fohmann.

Tempo 130 auf Autobahnen: „Vernünftig wär’s“

Frage an einen bekennenden Schnellfahrer aus der Region, der lieber anonym bleiben möchte: Was halten Sie von alledem?

Überraschende Antwort: Es wäre vollkommen okay, würde das System automatisch die Motorleistung drosseln oder den Widerstand des Gaspedals erhöhen – sofern es übersteuerbar bleibt, das heißt, der Fahrende die letzte Entscheidung trifft. Selbst ein generelles Tempolimit von 130 auf allen Autobahnen hält der 56-Jährige für angemessen – obwohl ihm das Herz bluten würde, wie er freimütig einräumt: „Aber vernünftig wär’s.“

Niemand soll mehr im Straßenverkehr sterben: Diese Vision ist benannt, doch tobt ein erbitterter Streit um die Freie-Fahrt-für-freie-Bürger-Frage. Technisch wär’s ein Leichtes, Bleifüße zu stoppen. „Runter vom Gas“ heißt es mahnend in Kampagnen, und das nicht ohne Grund. Hauptursache bei tödlichen Unfällen ist überhöhte Geschwindigkeit. In den Jahren 2014 bis 2020 sind im Rems-Murr-Kreis 66 Menschen bei Unfällen ums Leben gekommen.

ISA kann tödliche Unfälle verhindern. Die Abkürzung

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