Rems-Murr-Kreis

Streitfall "bezahlbares Wohnen": Gibt's eine Lösung?

Winnenderstrasseoffen
Eins der größten Wohnbauprojekte momentan im Rems-Murr-Kreis: Die Bebauung des früheren Krankenhausareals in Waiblingen. © Gaby Schneider

Sie lassen das letzte Hemd fallen, präsentieren sich von ihrer süßesten Schokoladenseite und landen dann doch in der Warteschlange auf Platz 36: Wohnungssuchende müssen sich warm anziehen, sonst stehen sie das nicht durch.

Wohnungsnot! Was tun?

Das Thema treibt Bürger/-innen ähnlich intensiv um wie die Klimaschutzfrage, berichten Wahlkämpfende. Also: Worum geht’s?

Um Geld. Wer kann sich welche Miete leisten, wer gönnt sich ein Eigenheim im Grünen und wer schlottert des Nachts vor lauter Angst, das Geld auf dem Konto könnte schneller schmelzen als die Pol-Kappen?

Geldanleger auf der Suche nach Betongold ballen sich auf dem Markt ähnlich dicht gedrängt wie Pendler morgens um halb sieben in der S-Bahn – vor Corona. Daher entsteht der Eindruck, das Angebot sei unerträglich knapp. Das stimmt so gar nicht, die Nachfrage ist nur immens gewachsen: „Im Grundstücksbericht von Deutschland ist nachzulesen, dass in den letzten fünf Jahren mehr oder weniger immer die gleiche Menge an Immobilien verkauft worden ist“, heißt es im Wohnmarktbericht Rems-Murr der Volksbank Stuttgart Immobilien.

Die Wohnungsnot speziell in Baden-Württemberg resultiere aus einem „Wohlstandsproblem“, sagte kürzlich Architektenkammerpräsident Markus Müller bei einer Veranstaltung des SPD-Bundestagskandidaten Urs Abelein. Es fehlt nicht nur, aber auch deshalb an Wohnraum, weil sich immer mehr Einzelpersonen immer mehr Wohnfläche für sich alleine gönnen und Ältere in viel zu großen Einheiten sitzen bleiben bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Das klingt jetzt sehr vorwurfsvoll, und Markus Müller hat viel netter ausgedrückt, was sowieso gar nicht so böse gemeint ist: Viele würden gern anders leben, nur gelingt ihnen das mangels Angeboten nicht.

Immer noch mehr Flächen zupflastern, das geht nicht

Es tut sich was. Immer mehr Kommunen springen auf den Zug auf, den nicht zuletzt die Internationale Bauausstellung (IBA ‘27) auf den Weg gebracht hat: Neue Wohnformen entstehen, neue Projekte und Quartiere, deren Philosophie die Abkehr vom Grüne-Wiese-Denken ist, die wieder auf eine Art Dorfcharakter schwören, damit Junge und Alte und Singles und Familien nah beieinander leben, sich begegnen und aushelfen – und alle einen Bäcker und einen Arzt und was man sonst noch unbedingt zum Leben braucht mittig im Quartier vorfinden.

Dass man nicht endlos immer noch mehr Flächen mit Häusern zupflastern kann, dass man Umnutzung unkomplizierter möglich machen und auf Nachverdichtung setzen muss, darüber herrscht weitgehend Einigkeit. Am Zug sind die Kommunen; vor Ort „gehört viel Bewusstseinsveränderung dazu“: Die das sagt, amtiert seit Mai als Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen in Baden-Württemberg, heißt Nicole Razavi, gehört der CDU an und hat jetzt in Winnenden den Wahlkampf Christina Stumpps unterstützt. Razavis Definition des Wortpaares „bezahlbares Wohnen“: Menschen sollen sich von dem, was sie verdienen, „würdiges“ Wohnen leisten können.

Der Mietendeckel und das nicht erwähnte, zentrale Detail

Damit hat die Ministerin direkt ins Schwarze getroffen, denn genau das ist ja nun nicht der Fall, wie sie offen einräumt: „Da haben wir tatsächlich ein Problem.“

Ein Mietendeckel wär’ aus Razavis Sicht der ganz falsche Ansatz, sagte sie in Winnenden mit Verweis auf das Gesetz zum Berliner Mietendeckel, das „krachend gescheitert“ ist, da nicht verfassungsgemäß.

Das ist richtig, doch das ganz wesentliche Detail erwähnte die Ministerin nicht: Das Bundesverfassungsgericht hat das Gesetz nicht deshalb für nichtig erklärt, weil ein Mietendeckel verfassungswidrig wäre – sondern weil ein Bundesland ein Gesetz dieser Art nicht erlassen darf. Das steht nur dem Bund zu.

Unterdessen sieht sich Nicole Razavi in der Pflicht, das Schaffen neuen Wohnraums „anzuschieben“: „Wir setzen auf Aktivierung.“ Genehmigungsverfahren müssen viel schneller abgeschlossen werden, den Bauvorschriften-Dschungel gilt’s zu lichten, und Investoren sollen von einer „technologieoffenen“ Politik profitieren.

Hörbar genervt meldete sich prompt in Winnenden ein Wohnbauunternehmer zu Wort: Völlig „überreguliert“ habe man den Wohnungsbau – es werde ständig immer nur gefordert und gefordert, und hinterher klagen alle: zu teuer! Statt dass mal jemand den Mut hätte, unsinnige Regelungen abzuschaffen. Nicole Razavi dazu: „An uns liegt’s nicht.“

Kein Zimmer zu finden? – Potenzielle Azubis wenden sich ab

Zuweilen liegt’s an was ganz anderem, wenn es stockt auf Baustellen. Handwerker sind bis über die Nasenspitze ausgelastet, Baumaterialien sauteuer und manchmal einfach nicht sofort beschaffbar, und außerdem finden Unternehmen keine Azubis. Einer der Gründe dafür ist selbst auf dem Lande, das hat Razavi während ihrer Tour durchs Land erfahren, schlicht dieser: Die jungen Leute können sich kein Zimmer in der Nähe des Ausbildungsbetriebes leisten oder finden erst gar keins. Also kommen sie nicht. So hängt alles mit allem zusammen.

Kreative Lösungen sind vonnöten, das war nie anders. „Wie geschnitten Brot“ läuft ein Projekt in der Gemeinde Bodnegg im Landkreis Ravensburg, berichtete Razavi: Dort kümmert sich eine Vermittlerin, die jeden kennt in all den vielen Weilern und Höfen, um alleinstehende Senior/-innen, die sich in ihren großen Häusern mit viel zu wuchtigen und damit pflegeintensiven Gärten schon länger nicht mehr wohlfühlen. Sie erhalten kostenfreie Fachberatung, wie sich das Haus umgestalten ließe, damit hernach zum Beispiel oben eine Familie wohnen kann und unten barrierefrei der ältere Mensch.

Es gibt Häuser, die Umzüge überleben

Die Alten lassen sich dafür begeistern, und auch die im wohlhabenden Süden zahlreichen „Enkelgrundstücke“ müssen nicht mehr 20 Jahre lang ungenutzt vor sich hin existieren. Man kann diese Grundstücke zwischennutzen und zeitlich befristet verpachten an Leute, die ein Haus aus Modulbauweise oder ein Tiny House darauf abstellen möchten. Diese Häuser überleben Umzüge. Schön und gut, so der Einwand eines Gastes – doch wer denkt eigentlich an die vom Baubereich verursachte, immens hohe CO2-Belastung?

„Wir müssen schauen“, so Razavis Antwort, „dass wir klimafreundlicher werden“, und die CDU trägt die in Baden-Württemberg geplante Fotovoltaikanlage-Pflicht für neue Hausdächer mit – „aber die Alternative nicht bauen gibt’s jetzt nicht“.

Sie lassen das letzte Hemd fallen, präsentieren sich von ihrer süßesten Schokoladenseite und landen dann doch in der Warteschlange auf Platz 36: Wohnungssuchende müssen sich warm anziehen, sonst stehen sie das nicht durch.

Wohnungsnot! Was tun?

Das Thema treibt Bürger/-innen ähnlich intensiv um wie die Klimaschutzfrage, berichten Wahlkämpfende. Also: Worum geht’s?

Um Geld. Wer kann sich welche Miete leisten, wer gönnt sich ein Eigenheim im Grünen und wer schlottert des

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