Rems-Murr-Kreis

Streitfall Impfpflicht für Pflegekräfte: So ist die Lage

Pflege
Angespannte Situation in Pflegeheimen. © ALEXANDRA PALMIZI

„Zwangsimpfung führt zu einer Fluktuation aus der Pflege. Wir sind schon am Limit“: Wer die Sätze aufgeschrieben, wer all die Mini-Plakate und Grabkerzen vors Welzheimer Rathaus gestellt hat, bleibt unklar. Ein Grundgesetz hatte jemand auf die Stufen gelegt, und eine Person gab schriftlich das „Versprechen“ ab: „Mit dem Tag der Einführung einer Impflicht in Deutschland wird mein Kasack im Spind hängen.“

Uwe Lehar, persönlicher Mitarbeiter des Welzheimer Bürgermeisters Thomas Bernlöhr, verweist auf Zeugenaussagen, wonach sich am Montagabend um die 20 Personen vor dem Rathaus aufgehalten hätten. Noch am Abend habe man alles abgeräumt, „das war uns zu gefährlich“, so Uwe Lehar mit Blick vor allem auf die Kerzen.

Auch vorm Schorndorfer Rathaus waren Grablichter aufgestellt, bestätigt Nicole Amolsch, Sprecherin in Schorndorf. Sie zitiert eine der Plakataufschriften: „Hier erlischt bald das Licht einer Pflegekraft.“ Es geht um die Impfpflicht, die bald für Pflegekräfte gelten könnte. Dagegen protestieren Betroffene.

Impfbereitschaft ist mit der Zeit gewachsen

Die Mehrheit der Mitarbeitenden in Kliniken und Pflegeeinrichtungen ist geimpft. Die Angaben zu geschätzten Impfquoten innerhalb des Pflegepersonals variieren zwischen 65 und 84 Prozent bei jenen Einrichtungen, die Anfragen dieser Zeitung beantwortet haben. Darunter die Diakonie Stetten, zu der das Alexander-Stift gehört: „Wir gehen derzeit von einer Impfquote von circa 80 Prozent aus“, berichtet Diakonie-Sprecher Steffen Wilhelm. Zu Beginn der Impfkampagne sei die Impfbereitschaft „noch etwas verhalten“ gewesen, „weil viele zunächst noch abwarten wollten, welche Erfahrungen mit den Impfungen gemacht werden“, berichtet Wilhelm weiter. Mehr und mehr Pflegekräfte hätten sich dann aber für die Impfung entschieden: „Das hat sicher mit den belastenden Erfahrungen zu tun, die wir im Verlauf der Pandemie gesammelt haben, aber auch mit den zunehmenden Erkenntnissen über Wirkung und Sicherheit der Impfstoffe“, so der Sprecher weiter. Das Interesse an den Auffrischungsimpfungen sei „sehr hoch“, in der Bewohnerschaft sowieso, aber auch bei den Mitarbeitenden: „Wir gehen davon aus, dass nahezu alle bereits erstgeimpften Bewohner und Mitarbeitenden die Auffrischungsimpfungsangebote wahrnehmen.“

Befürchtet wird, dass Pflegekräfte kündigen

Die Impfbereitschaft innerhalb der Mitarbeiterschaft hat „kontinuierlich zugenommen“, bestätigt auch Yvette Umbach, Geschäftsführerin beim Haus Elim, einer Pflegeeinrichtung mit mehreren Standorten im Rems-Murr-Kreis. Die Impfquote unter den Beschäftigten schätzt die Geschäftsführerin auf 84 Prozent. Zur Impfpflicht für Pflegekräfte möchte sie sich nicht äußern; „wir warten ab.“ Ohnehin komme es darauf an, wie eine Impfpflicht fürs Pflegepersonal im Detail ausgestaltet wäre. Eine Impfpflicht, diese Einschätzung lässt sich Yvette Umbach dann doch noch entlocken, würde in jedem Fall dazu führen, dass sich weitere Pflegekräfte doch noch für die Impfung entscheiden – statt ihren Job aufzugeben.

Außerordentlich hohe Belastungen

Die Befürchtung, dass ein Teil der Pflegekräfte eine Impfpflicht zum Anlass für eine Kündigung nehmen würde, ist oft zu hören. Ob sich im Fall der Fälle die ohnehin schon quälende Personalknappheit weiter verschärft, lässt sich im Moment nicht abschätzen. „Auch bei uns“, berichtet Diakonie-Sprecher Wilhelm, „entscheiden sich vermehrt Mitarbeitende dafür, nicht mehr im Pflegebereich arbeiten zu wollen“ – was vor allem mit den außerordentlich hohen Belastungen in diesem Berufsfeld zu tun haben dürfte. Nach langen Monaten „mit diesen extremen Herausforderungen“ seien die Menschen erschöpft, was sich in einem erhöhten Krankenstand zeige.

"Unterschiedliche Meinungen - wie überall"

Was die Impfpflicht angeht, so Steffen Wilhelm, „gibt es auch bei uns unterschiedliche Meinungen – wie überall. Manche halten das für einen konsequenten und notwendigen Schritt. Manche haben eher das Gefühl, dass jetzt noch mehr Verantwortung auf die Pflegekräfte abgewälzt werden soll als ohnehin schon, obwohl die Pandemie ja alle betrifft.“

„Zu einer Impfpflicht werden wir uns als Institution nicht äußern, da dies eine politische Entscheidung ist, die auf politischer Ebene diskutiert werden sollte“, antwortet Christoph Schmale, Sprecher der Rems-Murr-Kliniken, auf eine Anfrage dieser Zeitung. Die Kliniken gehen von einer Impfquote von gut 65 Prozent innerhalb der Belegschaft aus. „Sie ist demnach ein Spiegel der Gesellschaft. Wir bieten auch weiterhin breitflächig Impfungen für unsere Mitarbeitenden an und führen Aufklärungsgespräche.“

„Jetzt muss man einfach die Reißleine ziehen“

Sehr klar hat sich unterdessen Susanne Scheck bereits Ende vergangener Woche im Gespräch mit dieser Zeitung positioniert. Die Vorsitzende des Landespflegerates Baden-Württemberg hält eine Impfpflicht für alle, die im Gesundheitsbereich arbeiten, mittlerweile für nötig: „Jetzt muss man einfach die Reißleine ziehen. Es ist fünf nach zwölf.“

Susanne Scheck nimmt eine bedrückende Zerrissenheit wahr innerhalb der Belegschaften: „Geimpfte verstehen die Ungeimpften nicht mehr“, zumal Pflegekräfte eine „andere Verantwortung und Fürsorgepflicht“ haben. Dennoch: Einrichtungen werden damit rechnen müssen, dass sie im Zuge einer Impfpflicht weiteres Personal verlieren. „Die Gefahr ist auf jeden Fall da“, bestätigt die Pflegeratsvorsitzende – aber dieses Risiko müsse man angesichts der Gefahren, die mit Infektionen verbunden sind, dann wohl eingehen.

„Höchste Zeit“ ist es jetzt, dass die Politik handelt, mahnt Susanne Scheck: Das Pflegepersonal ist „am Ende seiner Kräfte. Die Menschen sind ausgezehrt“.

„Zwangsimpfung führt zu einer Fluktuation aus der Pflege. Wir sind schon am Limit“: Wer die Sätze aufgeschrieben, wer all die Mini-Plakate und Grabkerzen vors Welzheimer Rathaus gestellt hat, bleibt unklar. Ein Grundgesetz hatte jemand auf die Stufen gelegt, und eine Person gab schriftlich das „Versprechen“ ab: „Mit dem Tag der Einführung einer Impflicht in Deutschland wird mein Kasack im Spind hängen.“

Uwe Lehar, persönlicher Mitarbeiter des Welzheimer Bürgermeisters Thomas Bernlöhr,

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