Rems-Murr-Kreis

Streitfall Nordostring: Was hat der Faktencheck gebracht?

Nordostring
Der Nordostring als Tunnel, zur Schonung des Schmidener Felds - wäre das eine Lösung? © Broschüre Landschaftsmodell Nord-Ost-Ring

Die Idee ist marderalt: Gedankenspiele zu einem sogenannten Nordostring, der die Räume Ludwigsburg/Kornwestheim einerseits und Fellbach/Waiblingen andererseits mit einer vierspurigen Straße verbindet, gab es schon vor 50 Jahren. In der Sache aber herrscht seit Menschengedenken ein zermürbendes Patt: Die Befürworter sind nicht stark genug, um das Projekt durchzudrücken, die Gegner zu schwach, um das Thema endgültig vom Tisch zu wischen. Insofern war die Idee von Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) ehrenwert, per Faktencheck Pro wie Contra in Ruhe zu erörtern: in vier Fachdialogen und einer Online-Podiumsdiskussion. Ist was Neues dabei herausgekommen?

Oh ja! Sensation: Die Befürworter sagen nun, „na gut, wir verzichten“, die Gegner aber seufzen neuerdings, „meinetwegen, bauen wir ihn halt“ ...

Stopp, das war ein Witz! In Wahrheit ist der Erkenntnisgewinn etwas bescheidener: sieben Thesen.

These 1: Beim Streitfall Nordostring geht es um die allergrundsätzlichsten Fragen der Mobilität.

Die Idee des Nordostrings nahm einst Gestalt an, als noch kaum jemand vom Klimawandel redete. Grundgedanke damals: Wir haben immer mehr Autos, also brauchen wir auch mehr Straßen. Hier wirke „das Denken des letzten Jahrhunderts“, findet Minister Hermann.

Gegner der vierspurigen Straße sagen: 80 Prozent des Verkehrs in der Region Stuttgart machen Pkw und Lkw aus, nur 20 Prozent entfallen auf Bus, Bahn, Rad. Neue Straßen sind keine Antwort auf die „brennenden Umweltprobleme“, findet Joseph Michl von der Arge Nordost.

Thomas Bopp, CDU, Vorsitzender des Verbands Region Stuttgart, kontert: Vielleicht lasse sich bis 2030 der ÖPNV auf 25 Prozent hochtreiben – den „Löwenanteil“ werde aber „auch in Zukunft der Individualverkehr“ ausmachen, „da darf man sich nichts in die Tasche lügen“.

Machen wir ungefähr so weiter wie bisher? Oder machen wir’s künftig ganz anders? Ist die ökologische Verkehrswende möglich? Oder eben nicht? Die Fragen bleiben offen.

These 2: Fellbach steht weiterhin felsenfest im Kampf gegen den Nordostring.

Hatte irgendwer geglaubt, unter Oberbürgermeisterin Gabriele Zull könnte Fellbach wanken? Das Gegenteil ist der Fall. Zull argumentiert noch entschlossener gegen den Ring als Vorgänger Christoph Palm – „nicht mehr zeitgemäß“ sei die Ring-Idee, zu lange habe man überlegt: „Wie kriegen wir den ganzen Verkehr auf der Straße unter?“ Die Frage der Zukunft laute: „Wie kriegen wir den Verkehr von der Straße runter?“

These 3: Der Waiblinger Oberbürgermeister will einen zweispurigen Nordostring – und steht damit recht alleine da.

Eine „gute Straßenanbindung“ an die A 81 sei wichtig für die Wirtschaft, sagt der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky – er will den Ring, allerdings „nicht vierspurig, sondern zweispurig“. Da muss er indes noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Den Ring-Gegnern ist das schon zu viel, den anderen Ring-Befürwortern zu wenig.

These4: Die Befürworter wollen mehr als nur den Nordostring, nämlich auch noch eine vierspurige Filderauffahrt.

Früher hieß es: Der Nordostring werde dafür sorgen, dass weniger Autos den Weg durch den Stuttgarter Talkessel nehmen. Diese Behauptung hat sich nach dem Faktencheck erledigt. Um Stuttgart zu entlasten, brauche man obendrein auch noch eine Filderauffahrt, eine weitere vierspurige Straße vom Neckartal im Stuttgarter Osten hoch zum Flughafen: Das haben mehrere ringfreundliche Verkehrsexperten betont.

Minister Hermann hält diese ganz große Lösung für ein „Phantom“, gar für einen „Witz“: unerschwinglich, da milliardenschwer; und in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts nicht mehr realisierbar.

These 5: Bescheidene Alternativen zur Großlösung Nordostring gibt es – sie bleiben aber umstritten.

„Lasst uns doch über kleinräumige Lösungen nachdenken“, wirbt die Fellbacherin Gabriele Zull – wie wäre es mit einer Südumfahrung für Hegnach, damit dort der Staudruck sinkt?

Minister Hermann findet: Der ÖPNV ist „sternfähig organisiert“, alles geht nach Stuttgart rein und wieder raus, „das ist ein echtes Problem“. Wie wäre es deshalb mit mehr Direktbussen und einer Stadtbahn-Schiene zwischen Ludwigsburg und Waiblingen? Thomas Bopp klingt nur mittelbegeistert: Na gut, man könne das noch mal „prüfen“ – aber er vermute, da hätten seine Sachbearbeiter bereits Studien in der Schublade, wonach sich das nicht lohne.

These 6: Rüdiger Stihls Idee eines Nordostring-Tunnels scheint eher kein Befreiungsschlag zu sein.

Der Nordostring als elf Kilometer langer Tunnel – das ist Rüdiger Stihls Vorschlag. Die Ringgegner finden den Plan zwar ehrenwert, weil so das ökologisch wertvolle Schmidener Feld weniger zerzaust würde. Aber der grundsätzliche Einwand bleibt: Eine Straße ist eine Straße.

Die Ringfreunde äußern auch eher freundliches als feuriges Lob – denn sie ahnen wohl: Die Realisierung würde dann noch unwahrscheinlicher. Für die oberirdische Variante hat das Bundesverkehrsministerium mal 210 Millionen Euro Kosten errechnet, die Tunnelvariante wäre 1,4 Milliarden schwer. Wer soll das bezahlen?

These 7: Keine Einigung im Streitfall Nordostring - aber alle wollen weiter fleißig miteinander reden.

Es ging vorbildlich gesittet zu bei diesem Faktencheck: Niemand hat wild polemisiert – eine atmosphärisch wunderbare Grundlage für weitere ergebnislose Gespräche in den nächsten Jahrzehnten.

Die Idee ist marderalt: Gedankenspiele zu einem sogenannten Nordostring, der die Räume Ludwigsburg/Kornwestheim einerseits und Fellbach/Waiblingen andererseits mit einer vierspurigen Straße verbindet, gab es schon vor 50 Jahren. In der Sache aber herrscht seit Menschengedenken ein zermürbendes Patt: Die Befürworter sind nicht stark genug, um das Projekt durchzudrücken, die Gegner zu schwach, um das Thema endgültig vom Tisch zu wischen. Insofern war die Idee von Landesverkehrsminister

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper