Rems-Murr-Kreis

Strompreis-Schock: Stadtwerke Schorndorf langen heftig zu - aber nicht nur sie ...

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Bei der Strompreisrechnung kann es in diesem Jahr ein böses Erwachen geben. Die Preise steigen auf breiter Front. © Gabriel Habermann

Der Strom- und Gasmarkt ist außer Rand und Band. Bei den Stadtwerken und Energiefirmen gilt die Devise: „Achtung! Kunde droht mit Auftrag!“ Wer derzeit auf der Suche nach einem neuen Anbieter ist, kann froh sein, dass es die gesetzlichen Grundversorger gibt. Die müssen liefern. Doch das lassen die sich satt bezahlen. Wie teuer Strom und Gas werden kann, das zeigt unsere Suche nach einem neuen Anbieter zwischen Rems und Murr. Rekordverdächtige 82 Cent pro Kilowattstunde verlangen die Stadtwerke Schorndorf von Neukunden.

Warum rücken Stadtwerke keinen Strom mehr heraus?

„Aufnahme von Neukunden in den Tarifen Ökostrom und Gas derzeit ausgesetzt“, warnen die Stadtwerke Winnenden prominent auf ihrer Webseite die potenzielle Kundschaft. Beim Remstalwerk heißt es: „Aufgrund der aktuellen Beschaffungssituation für Strom und Gas können unsere Tarife vorübergehend nicht online gebucht werden.“ Die Stadtwerke Waiblingen und Schorndorf machen es für den Kunden immerhin spannend. Zwar dürfen die sich auf den Webseiten nach einem Strom- oder Gastarif umschauen – doch am Ende heißt es bei den Waiblingern lapidar: „Für die eingegebenen Daten konnte leider kein passender Tarif ermittelt werden.“

Wieso verlangen die Stadtwerke Schorndorf 82 Cent für die Kilowattstunde Strom?

Die Schorndorfer Stadtwerke unterbreiten dem Neukunden online immerhin ein Angebot, aber das zu Konditionen, bei dem diesem vermutlich der Atem stockt. Sage und schreibe 82,2278 Cent verlangen die Schorndorfer für die Kilowattstunde Strom plus einen Monatsgrundpreis von 12,75 Euro. Zum Vergleich: Altkunden in der Grundversorgung zahlen 34,7 Cent.

Die Stadtwerke begründen diesen Preis mit den hohen Beschaffungskosten, die sich zeitweise verfünffacht hätten. Bis Ende Dezember 2021 zählten die Stadtwerke fast 400 Haushalte, die sie kurzfristig versorgen mussten, nachdem Gas.de, Neckermann Strom, Enqu oder Stromio ihre Belieferungen einstellten. „Dass die Stadtwerke Schorndorf GmbH als Grundversorger für alle Fremdkunden die Ersatzversorgung übernimmt, ist selbstverständlich“, erklärte Stadtwerke-Chef Daniel Beutel.

Da jedoch diese Mengen für die Ersatzversorgung nicht geplant gewesen seien, mussten die Stadtwerke Strom zu den aktuell hohen Konditionen einkaufen. „Damit ein finanzieller Schaden von den Stadtwerken abgewendet werden kann, war diese neue Preisgestaltung notwendig.“

Gleiches gilt für Gas, das die Stadtwerke Schorndorf als Grundversorger die Neukunden in der Not ebenfalls etwas kosten lässt. Mit rund elf Cent je Kilowattstunde ist das Gas fast doppelt so teuer, wie der Durchschnittspreis im vergangenen Herbst betragen hatte, nämlich 6,41 Cent.

Was ist los auf den Energiemärkten?

Vereinfacht gesagt: der Teufel – für manche in Gestalt von Wladimir Putin. Die Unsicherheit, ob die deutsch-russische Erdgaspipeline Nord Stream 2 durch die Ostsee nun in Betrieb geht oder nicht sowie die Frage, wie viel Gas Russland ins winterliche Europa liefert, sorgten Ende vergangenen Jahres für „Panik am Gasmarkt“, heißt es in der Energiewirtschaft. Und diese Panik schlug sich beim Strom nieder und ließ den Preis an der Börse in die Höhe schnellen.

Es gibt mehrere Gründe für die Preiserhöhungen bei Strom und Gas. Der russische Präsident Wladimir Putin mag seine Finger mit im Spiel haben, als alleiniger Schuldenbock taugt er aber nicht. Die Süwag spricht davon, dass es in den vergangenen Monaten eine bisher „noch nicht gekannte Marktdynamik an den Beschaffungsmärkten“ zu beobachten war. An der Leipziger Energiebörse haben sich die Kosten für Strom und Gas in diesem Zeitraum vervielfacht. „Die Gründe für diesen Anstieg sind beispielsweise der kalte Winter 20/21 und damit verbunden niedrige Speicherstände im Gas, die wieder anziehende Weltwirtschaft in Verbindung mit einer erhöhten Nachfrage nach Strom und Gas, ein schlechter Ertrag für Windenergie in 2021 sowie geopolitische Spannungen, welche ebenfalls preissteigernd wirken.“

Eine Prognose, wie sich die Beschaffungskosten in den kommenden Monaten entwickeln werden, kann die Süwag eigenen Angaben zufolge nicht abgeben.

Laut dem Vergleichsportal Check 24 haben in diesem Jahr 692 Stromgrundversorger ihre Preise erhöht. Im Durchschnitt betragen die Preiserhöhungen 65,1 Prozent und betreffen rund 4,3 Millionen Haushalte. Für einen Musterhaushalt mit einem Verbrauch von 5000 kWh bedeute das zusätzliche Kosten von durchschnittlich 1.068 Euro pro Jahr.

Warum gehen Billiganbieter reihenweise in die Knie?

Für Billiganbieter geht die Rechnung nicht mehr auf. Reihenweise gerieten einige in finanzielle Schwierigkeiten. Der Strom, den sie kurzfristig hätten einkaufen müssen, um ihre Verträge zu erfüllen, wäre viel teurer als der Preis, mit dem sie zuvor scharenweise Kunden angelockt hatten.

Die Stromdiscounter zogen die Reißleine. Die einen versuchen, hinter dem Rücken der Kunden die Preise zu erhöhen – zu Unrecht. Andere – bis Ende 2021 waren derer acht – gaben auf, gingen pleite und stellten die Lieferungen ein.

Was tun, wenn der bisherige Strom- oder Gasanbieter pleite ist?

Pleite hin, Pleite her: Der Strom kommt weiter aus der Steckdose und das Gas aus dem Rohr. Denn bei der Liberalisierung der Energiemärkte Ende der 1990er Jahre hat der Gesetzgeber sichergestellt, dass ein sogenannter Grundversorger, der Anbieter mit den meisten Kunden am Ort und zumeist der einstige Monopolist, im Fall der Fälle einspringt. Die Zahl der Haushalte, die zwischen Rems und Murr von Vertragskündigungen oder Pleiten betroffen sind, könnte in die Tausende gehen, schätzt Gabriele Laxander. Die Geschäftsführerin des Remstalwerks kennt die Branche seit über 25 Jahren. Doch so viel Unsicherheit und eine derartige Preisexplosion habe sie noch nicht erlebt.

Wie reagiert das Remtalwerk auf den Ansturm von Kunden?

Händlern, die kurzfristig Strom und Gas einkaufen, brachen die steigenden Preise das Genick. Von einem Tag auf den anderen standen deren Kunden ohne Energieversorger da – und klopften auch beim Remstalwerk an. Doch obwohl das Remstalwerk, ein Newcomer auf dem Markt, auf Wachstum gepolt sei, reichen die eingekauften Mengen für solch einen Ansturm nicht aus. Derzeit schließt das Remstalwerk online keine Verträge ab und nimmt nur noch Kunden aus seinem angestammten Markt an, nämlich aus den Gemeinden Kernen, Remshalden, Winterbach und Urbach.

Warum sind bei den Stadtwerken neue Kunden unerwünscht?

Bei ihren örtlichen Stromanbietern fragen schon seit Herbst 2021 vermehrt Kunden an, sagt Jochen Mulfinger, Geschäftsführer der Stadtwerke Winnenden: „Wir hatten in den letzten Monaten des vergangenen Jahres schon ein deutlich gestiegenes Interesse im Vergleich zu unseren Erfahrungen im Strom- und Gasvertrieb der vergangenen Jahre.“ Seit Anfang des Jahres hätten sich diese Anfragen „nochmals verdoppelt“. Konkrete Zahlen will Mulfinger aus Wettbewerbsgründen nicht nennen.

Die Anfragen bei den Winnender Stadtwerken setzt Mulfinger in einen direkten Zusammenhang mit den Turbulenzen beziehungsweise Insolvenzen bundesweit tätiger Energieversorgungsunternehmen, „die in der Vergangenheit auf Vergleichsportalen im Internet besonders preisaggressiv und mit hohen Bonuszusagen aufgetreten sind“. Diese Firmen hätten oftmals kurzfristig am Strom- und Gasmarkt eingekauft. „Dieses Geschäftsmodell geht zunehmend nicht mehr auf.“ Mulfinger wie auch seine Kollegen rechnen deshalb mit weiteren Insolvenzen – und mit vermehrten Anfragen von Kunden.

Was hat es mit dem Ersatz- und Grundversorger auf sich?

Die Stadtwerke Winnenden haben jedenfalls die Schotten dichtgemacht, so dass der örtliche Grundversorger einspringen muss – in Winnenden und den umliegenden Gemeinden ist dies die Süwag. Für die Stadtwerke wäre es aktuell viel zu teuer, eigens für Neukunden kurzfristig Strom oder Gas einzukaufen. „Die Stadtwerke Winnenden beschaffen strukturiert an den Energiemärkten“,so Mulfinger. Die Stadtwerke kaufen Strom und Gas über mehrere Jahre in die Zukunft ein. Und diese eingekauften Energiemengen für das Jahr 2022 waren schon kurz nach Jahresbeginn verkauft. Die Folge: „Wir nehmen aus diesem Grund aktuell keine neuen Kunden im Strom- und Gasvertrieb auf.“

Warum wird zwischen Alt- und Neukunden unterschieden?

In Winnenden und den Nachbargemeinden können die sich an den Grundversorger, die Süwag, wenden, die den nördlichen Teil des Rems-Murr-Kreises einst als Monopolist mit Strom versorgte und noch heute rund 48.000 Kunden zählt. Trotz Wahlmöglichkeiten sind viele Kunden „ihrem Anbieter“ treu geblieben, sei’s aus Unkenntnis, sei’s aus Faulheit oder sei’s aus Verbundenheit.

So manchem Wechsler fällt die Schnäppchenjagd nun auf die Füße. Immerhin unterscheidet die Süwag wie auch die EnBW im Süden des Kreises beim Strom nicht zwischen Neu- und Altkunden, so dass die Grundversorgung bei der Süwag zu einigermaßen zivilen Preisen zu bekommen ist.

Warum sprechen Verbraucherschützer von Bestrafung oder Schikanierung?

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen kritisiert diese Spaltung der Grundversorgung in Neu- und Bestandskunden. Die widerspreche „unserem Verständnis des freien Marktes und der Liberalisierung im Energiemarkt deutlich. Eine Bestrafung oder Schikanierung von Kundenkreisen, die ihren Anbieter gewechselt haben, kritisieren wir.“ Laut Medienberichten haben 247 Strom-Grundversorger Neukundentarife aufgelegt. Der Rekord liegt bei 107,7 Cent/kWh (Stadtwerke Pforzheim), dem Dreifachen des Grundversorgertarifs.

Wie sich die Spreizung der Preise auswirkt, zeigt das Beispiel Schorndorf. Auf einen Neukunden-Haushalt (2500 kWh/Jahr) kommen monatliche Kosten von happigen 184 Euro zu. Es ginge erheblich billiger – und das ebenfalls mit Ökostrom wie bei den Stadtwerken. Trotz der Turbulenzen sind nämlich einige Energieversorger weiterhin auf Kundensuche, darunter vor allem Ökostromanbieter wie Lichtblick. Der verlangt für 2500 kWh nur 110 Euro im Monat. Die Verträge mit dem Grundversorger lassen sich übrigens mit 14-tägiger Frist kündigen.

Strompreise im Vergleich

Die örtlichen Grundversorger sind gesetzlich verpflichtet, jedem Kunden Strom und Gas zu liefern. Die Tarife in der Grundversorgung sind in aller Regel hoch, die Verträge lassen sich jedoch mit 14-tägiger Frist kündigen. Für die vielen Neukunden nach den Pleiten der Billiganbieter haben inzwischen 247 Grundversorger Ersatztarife eingeführt, um ihre hohen Einkaufskosten an der Strombörse abzudecken.

Grundversorger im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung ist unter anderem die EnBW (Grundpreis: 11,83 Euro/Monat, Verbrauchspreis 31,73 Cent/kWh): Alfdorf, Kaisersbach, Welzheim, Kernen, Remshalden, Urbach, Winterbach, Weinstadt.

Die Süwag (Grundpreis 138,80 Euro/Jahr, Verbrauchspreis: 31,38 Cent/kWh) ist Grundversorger in Winnenden, Berglen, Korb, Leutenbach.

In Schorndorf und Waiblingen sind Grundversorger die örtlichen Stadtwerke. In Schorndorf beträgt für Neukunden der Grundpreis 153,03 Euro/Jahr und der Verbrauchspreis 82,2 Cent/kWh. Die Stadtwerke Waiblingen verlangen bei Neukunden einen Grundpreis von 119 Euro/Jahr und Verbrauchspreis von 44,13 Cent/kWh.

Der Strom- und Gasmarkt ist außer Rand und Band. Bei den Stadtwerken und Energiefirmen gilt die Devise: „Achtung! Kunde droht mit Auftrag!“ Wer derzeit auf der Suche nach einem neuen Anbieter ist, kann froh sein, dass es die gesetzlichen Grundversorger gibt. Die müssen liefern. Doch das lassen die sich satt bezahlen. Wie teuer Strom und Gas werden kann, das zeigt unsere Suche nach einem neuen Anbieter zwischen Rems und Murr. Rekordverdächtige 82 Cent pro Kilowattstunde verlangen die

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