Rems-Murr-Kreis

Suche im See: Weshalb am Sonntag Spezialisten von der DLRG mit allem ausgerückt sind, was zur Verfügung stand

Personensuche im Waldhäuser Badesee, Lorch, 13.06.2021.
Sonntagabend am Baggersee Lorch-Waldhausen: Einsatzkräfte der DLRG suchten den See ab, nachdem Zeuginnen einen mutmaßlichen Notfall gemeldet hatten. © Benjamin Beytekin

Es sah so aus, als ob womöglich jemand ertrinkt: Zwei Frauen meldeten der Polizei am Sonntagabend, sie hätten im Baggersee in Lorch-Waldhausen eine Person gesichtet, die möglicherweise in Not geraten sei.

Ein Suchtrupp startete sogleich. Und noch einer. Und noch einer.

Der unbedarfte Laie staunt, wer alles mitmischt in einem Fall wie diesem. Und welche Gerätschaften im Einsatz sind. Eine Schlüsselrolle spielte die Schorndorfer Ortsgruppe der DLRG, obwohl sich das mutmaßliche Drama im Ostalbkreis abspielte: Bei Lebensgefahr spielen Kreisgrenzen keine Rolle.

Es ist niemand ertrunken im Baggersee, das darf als sozusagen sicher gelten: Polizisten ließen eine Drohne steigen, Strömungsretter stiegen ins Wasser, Taucher waren vor Ort, und ein Spezialistenteam von der Wasserrettung suchte mit einem Echolot den See ab. Da war niemand.

Zwischen der ersten Meldung der beiden Zeuginnen und dem Ende der Suchaktion lagen dreieinhalb Stunden. Um 22.45 Uhr entschied die Einsatzleitung: Alle können jetzt nach Hause. Da ist wirklich niemand.

Timo Ratzek aus Winterbach hatte für die DLRG den Hut auf am Sonntagabend. Er zählt zum Führungsteam des Wasserrettungszugs beim DLRG-Bezirk Rems-Murr, hat als kleiner Junge beim DLRG schwimmen gelernt, die Lebensretter-Truppe seitdem nie wieder verlassen, diverse Fortbildungen absolviert – und schon öfter im Schlamm gewühlt. Angehende Einsatztaucher/-innen lernen in der Ausbildung, wie man damit klarkommt, dass man unten im See die Hand vor Augen nicht sieht, sich durch allerlei Glitschiges tasten und stets mit unangenehmen Begegnungen rechnen muss.

Sinnvoller Umgang mit einem Echolot erfordert viel Erfahrung

Mit einem Echolot lässt sich ein See viel schneller absuchen als mit Tauchern. Ein Echolot darf man sich so ähnlich vorstellen wie ein Ultraschallgerät in einer gynäkologischen Praxis, erklärt Timo Ratzek. Mit Hilfe des Echolots erkennen entsprechend geschulte und erfahrene Personen, das Längliche in drei Metern Tiefe ist wohl eher ein Baumstamm, kein menschlicher Körper. Drängt sich der Eindruck auf, hier an dieser Stelle empfiehlt sich eine gezieltere Suche – dann schickt die Einsatzleitung einen Taucher sofort dorthin. In Schorndorf hat man sich vor einiger Zeit gut überlegt, erzählt Timo Ratzek, ob man sich ein Echolot wirklich leisten kann und leisten will. Eine Gerätschaft dieser Art besitzt längst nicht jeder DLRG-Bezirk; „das ist schon was Besonderes“, sagt der 30-Jährige. Logisch, dass nun die Schorndorfer DLRG-Leute noch mehr gefragt sind als sonst, sofern in umliegenden Landkreisen der Einsatz eines Echolots erfolgversprechend scheint.

Nur mit Tauchern einen Baggersee in der Größe des Waldhäuser Exemplars abzusuchen – das dauert Stunden, auch dann, wenn viele Taucher an den Ort des Geschehens eilen. Sie wenden eine Scheibenwischertechnik an, berichtet Timo Ratzek, und das heißt: Jeder Taucher ist via Seil mit einer Person verbunden, die vom Ufer aus die Dinge im Blick behält und dem Taucher mittels Zug am Seil Signale zukommen lässt: Jetzt rechts. Vorwärts. Links. Wie ein Scheibenwischer sich bewegt, so ähnlich arbeitet sich die Taucher-Flotte Meter um Meter voran.

Am Sonntag waren Strömungsretter die Ersten im Wasser, berichtet Timo Ratzek. Deren Spezialkenntnisse sind sonst in Überschwemmungsgebieten gefragt oder in einer Klamm, in der’s naturgemäß wilder zugeht als in einem See. Diese Taucher waren am Sonntagabend nicht deshalb im Einsatz, weil sie Wasser „lesen“ können und auch dann nicht die Nerven verlieren, wenn’s ähnlich schlimm gurgelt und zischt, wie es einst Friedrich Schiller im „Taucher“ beschrieb. Die Strömungsretter waren am Sonntag einfach nur am schnellsten vor Ort, weil der Ostalbkreis in der Wasserrettung mit der Strömungsretterkomponente ausgestattet ist – so heißt das in der Sprache der Über-und-unter-Wasser-Helden.

Jedes Jahr ertrinken in Deutschland Hunderte Menschen

23 Kräfte allein von der Wasserrettung Ostalb/Rems-Murr hatte die DLRG am Sonntagabend binnen kürzester Zeit mobilisiert. Mehrere Polizeikräfte hatten eine Drohne über den See fliegen lassen und mit deren Hilfe das Ufer abgesucht. Nirgends lagen Kleidungsstücke herum, die einer mutmaßlich verunglückten Person hätten gehören können.

Polizisten befragten eine Reihe von Badegästen, doch hatte niemand etwas Ähnliches beobachtet wie die beiden Frauen. Deren Angaben waren „relativ vage“ gewesen, so Timo Ratzek. Ein Rettungseinsatz kann, das leuchtet unmittelbar ein, gezielter an einer bestimmten Stelle beginnen, sofern Zeugen in etwa eingrenzen können, wo ein Schwimmer, eine Schwimmerin plötzlich aus dem Blickfeld geraten ist.

Im vergangenen Jahr sind laut der bundesweiten DLRG-Statistik in Deutschland mindestens 378 Menschen ertrunken, davon 335 in Binnengewässern. „Flüsse und Seen sind nach wie vor die größten Gefahrenquellen. Nur vergleichsweise wenige Gewässerstellen werden von Rettungsschwimmern bewacht. Das Risiko, dort zu ertrinken, ist deshalb um ein Vielfaches höher als an Küsten oder in Schwimmbädern“, so Achim Haag, Präsident der Wasserretter, in einer Pressemitteilung. Die tödlichen Unfälle an den Strandabschnitten der Nord- und Ostsee haben sich der Statistik zufolge im Vergleich zu 2018 und 2019 weiter reduziert. An den Küsten zwischen Borkum und Usedom starben im vergangenen Jahr 21 Menschen (sechs in der Nord- und 15 in der Ostsee). Auch die Zahl der Todesfälle in Schwimmbädern nahm ab – was allerdings auch mit dem Lockdown zu tun hat. 2020 verzeichnete die DLRG-Statistik sechs Opfer (2019: elf) in Frei-, Hallen- und Naturbädern. In privaten Swimmingpools ertranken zwei Menschen.

Es sah so aus, als ob womöglich jemand ertrinkt: Zwei Frauen meldeten der Polizei am Sonntagabend, sie hätten im Baggersee in Lorch-Waldhausen eine Person gesichtet, die möglicherweise in Not geraten sei.

Ein Suchtrupp startete sogleich. Und noch einer. Und noch einer.

Der unbedarfte Laie staunt, wer alles mitmischt in einem Fall wie diesem. Und welche Gerätschaften im Einsatz sind. Eine Schlüsselrolle spielte die Schorndorfer Ortsgruppe der DLRG, obwohl sich das mutmaßliche

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