Rems-Murr-Kreis

Tötungsdelikt Weinstadt: Was wir wissen - und warum Jugendstrafrecht zwingend ist

Symbolfotobahnhofendersbach
Der Bahnhof Endersbach, wo die Polizei am Freitag einen offenbar umgebrachten 48-Jährigen fand. © Gaby Schneider

Was wissen wir bislang über das Tötungsdelikt in Weinstadt, den Tatverdächtigen, das Opfer, über Tatablauf, Todesursache, Motiv? Gibt es ein Geständnis, streitet der Jugendliche in Haft alles ab oder schweigt er? Ist es juristisch korrekt, hier von Mord zu sprechen? Und: Welche Höchststrafe sieht das Jugendrecht in diesem Fall vor? Eine Bestandsaufnahme.

Tötungsdelikt Weinstadt: Was ist geschehen?

Am Freitagmorgen gegen 5.30 Uhr meldete ein Passant via Notruf 112: Am Endersbacher Bahnhof, Gleis 3, liege ein Bewusstloser. Als Rettungsdienst und Polizei dorthin eilten, stellten sie fest: Der Mann war tot. Die Umstände legten „äußere Gewaltanwendung“ nahe. Bereits am Abend desselben Tages nahmen Beamte der „Soko Bahnhof“ einen Verdächtigen fest.

Was wissen wir über Opfer und Tatverdächtigen?

Bei dem Opfer handelt es sich um einen 48-jährigen Mann, der wohnsitzlos gewesen sein soll. Der Tatverdächtige ist ein 17-Jähriger, offenbar deutscher Staatsbürger; er soll – aber das ist nur ein Gerücht, wenngleich eines aus recht zuverlässiger Quelle – bereits früher wegen Gewaltdelikten polizeiauffällig geworden sein.

Was half der Polizei bei der Suche?

Eine Schlüsselrolle bei den Ermittlungen spielten offenbar Hinweise, die via Telefon bei der Polizei eingingen. Darunter sei zwar nicht der eine alles entscheidende Tipp gewesen, erklärt Polizeisprecher Rudolf Biehlmaier – aber es ergab sich aus verschiedenen hilfreichen Informationsbruchstücken offenbar ein Mosaik, das die Kripo zusammensetzte.

Ist der verdächtige 17-Jährige geständig?

Ob der 17-Jährige bereits ausgesagt hat, gibt der Pressesprecher momentan noch nicht preis, wir sind also aufs Spekulieren angewiesen: Möglicherweise liegt noch keine habhafte Aussage vor. Grund: Eine EU-Richtlinie verlangt für Kinder und Jugendliche recht weitreichende Garantien. Die Betroffenen haben in jeder Phase des Verfahrens das Recht auf Unterstützung durch einen Rechtsbeistand. Das bedeutet: Selbst, wenn ein Jugendlicher sofort nach der Festnahme aussagewillig sein sollte, darf ihn die Polizei nicht befragen, solange kein Anwalt hinzugezogen worden ist; der aber dürfte angesichts einer noch unklaren Lage erst mal empfehlen, zu schweigen. Sollten indes Tatortspuren, DNA-Funde, Zeugenaussagen und Ähnliches ein derart eindeutiges Bild ergeben, dass mit einem Geständnis nichts mehr zu verlieren, aber einiges zu gewinnen wäre (eventuell zum Beispiel ein geringeres Strafmaß), dann sähe die Sache anders aus. An der Auswertung solcher Spuren arbeitet die Polizei momentan.

Ist der Verdacht gegen den 17-Jährigen habhaft?

Die Polizei sei sich „ziemlich sicher, dass wir den Richtigen haben“, sagt Biehlmaier. Da sich Polizeisprecher nicht zu vorschnellen Einschätzungen hinreißen lassen, ist davon auszugehen, dass sich eine habhafte Beweislage abzuzeichnen beginnt.

Gibt es ein denkbares Motiv für die Tat?

Auch da hält sich die Polizei noch bedeckt. Man gehe allerdings „nicht von einer Beziehungstat“ aus, sagt Pressesprecher Biehlmaier. Bereicherungsabsicht? Das erscheint zumindest auf den ersten Blick abwegig, denn ein Wohnsitzloser hat wohl kaum größere Besitztümer bei sich. Ein spontan entbrannter Streit, Gewaltentladung aus nichtigem Anlass? Alles, was sich dazu schreiben ließe, wäre pure Spekulation.

„Äußere Gewaltanwendung“: Was heißt das? War eine Waffe im Spiel?

An der Leiche fanden sich offenbar Wunden, die nicht durch einen Unglücksfall, zum Beispiel einen Sturz, erklärbar sind. Mehr verrät die Polizei nicht und äußert sich auch nicht dazu, ob eine Waffe zum Einsatz kam und falls ja, welche.

Warum äußert sich die Polizei momentan so zurückhaltend?

Sie will kein „Täterwissen“ in Umlauf bringen. Wenn Details, die außer der Polizei nur dem Täter bekannt sein können, vor der Zeit an die Öffentlichkeit gelangen, gefährdet das den Aufklärungserfolg. Wenn Zeugen versehentlich das, was sie wirklich gesehen, und das, was sie nur in den Medien gelesen haben, durcheinanderbringen, wird ihre Aussage kontaminiert und ist nur noch begrenzt brauchbar. Wenn viele Einzelheiten im Radio, im Netz, in der Zeitung kursieren, wird es auch schwierig, zu beurteilen, was an einem etwaigen Geständnis authentisch und was aufgeschnappt ist. Die Verschwiegenheit der Polizei im derzeitigen Stadium ist also überhaupt nicht tadelnswert, sondern ermittlungstaktisch geboten.

Eine schnelle Festnahme – ist das typisch?

Durchaus. Straftaten gegen das Leben – das reicht von Mord über Totschlag bis zu fahrlässiger Tötung, auch der bloße Versuch zählt mit – gehören zu den Delikten mit der höchsten Aufklärungsquote. Im Bereich des Polizeipräsidiums Aalen gab es in den drei Jahren 2018 bis 2020 insgesamt 87 solcher Fälle; 84 wurden aufgeklärt. Und das geht oft sehr schnell. Nur zwei Beispiele ...

Am 7. Januar 2020 wurde in einer Mietwerkstatt im Waiblinger Eisental ein Mann durch Schüsse lebensgefährlich verletzt. Die Täter flohen – um wen es sich aber handelte, hatte die Polizei bereits am 10. Januar herausgefunden. Kurz darauf stellten sich die vier Männer, die sich aussichtslos in die Enge getrieben sahen, freiwillig.

Am 9. November 2017 wurde eine 22-Jährige in Backnang von ihren Angehörigen als vermisst gemeldet. Da sich der ehemalige Lebensgefährte der jungen Frau in Widersprüche verwickelte, wurde er kurz darauf festgenommen – noch bevor am 15. November die Leiche gefunden wurde.

Eine spektakuläre Ausnahme: Im März 2015 wurde in Backnang die Betreiberin eines Asia-Restaurants umgebracht. Die Ermittler werteten mehr als 500 Spuren aus, führten über 400 Vernehmungen, erhoben 200 DNA-Vergleichsproben und sicherten rund 5,5 Terabyte Daten, bis es der Soko Perle im November 2016 nach mehr als 20.000 Arbeitsstunden gelang, die beiden rumänischen Mörder dingfest zu machen.

Welches Strafmaß kommt infrage?

Bei einem 17-Jährigen ist die Anwendung von Jugendstrafrecht zwingend; es gibt keine Ausnahme. Angenommen, der Verdächtige würde wirklich schuldig gesprochen; angenommen ferner, ihm würde das schwerstmögliche Delikt, nämlich Mord, nachgewiesen – dann betrüge die Höchststrafe zehn Jahre. Daran ist definitiv nicht zu rütteln.

Anders sähe es bei einem Heranwachsenden aus: einem jungen Menschen zwischen 18 und 21. Zwar käme auch hier im Zweifel das Jugendstrafrecht zur Anwendung – falls es sich bei der Tat aber um Mord handeln und das Gericht aufgrund extrem schrecklicher Tatumstände eine „besondere Schwere der Schuld“ erkennen würde, wären 15 Jahre Höchststrafe möglich.

Was bedeutet es, wenn die Polizei von einem „Tötungsdelikt“ spricht?

Eine vorsätzliche Tötung ist nicht unbedingt Mord. Von Mord geht die Justiz erst aus, wenn mindestens eines der sogenannten Mordmerkmale hinzukommt: zum Beispiel niedrige Beweggründe (Mordlust, Befriedigung des Geschlechtstriebs, Habgier) oder verwerfliche Begehungsweise (Heimtücke, besondere Grausamkeit). Trifft das im Weinstädter Fall zu? Die Frage kommt zu früh. Polizeisprecher Biehlmaier: Erst am Ende der Ermittlungen, „wenn alles auf dem Tisch liegt, wird die Staatsanwaltschaft das rechtlich bewerten“.

Was wissen wir bislang über das Tötungsdelikt in Weinstadt, den Tatverdächtigen, das Opfer, über Tatablauf, Todesursache, Motiv? Gibt es ein Geständnis, streitet der Jugendliche in Haft alles ab oder schweigt er? Ist es juristisch korrekt, hier von Mord zu sprechen? Und: Welche Höchststrafe sieht das Jugendrecht in diesem Fall vor? Eine Bestandsaufnahme.

Tötungsdelikt Weinstadt: Was ist geschehen?

Am Freitagmorgen gegen 5.30 Uhr meldete ein Passant via Notruf

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