Rems-Murr-Kreis

Tücken der Ersatzversorgung: Wenn der Strom auf einmal das Doppelte kosten soll

Strompreis
Von 27 auf 58 Cent die Kilowattstunde – das kann manchmal schnell gehen. © Gabriel Habermann

Am Donnerstag, 11. August, fand Hartmut Wechsel (Name geändert) aus Weinstadt ein Schreiben in seinem Briefkasten: Ab Montag, 15. August, muss er für den Strom das Doppelte bezahlen. Wie das? Ein Erklärstück – mit einer verblüffenden Pointe. Aber der Reihe nach ...

Der Brief kam von der EnBW, er trug die Überschrift: „Die Preise für die Ersatzversorgung Strom ändern sich“. Ab dem 15. August steige für den Kunden der „Verbrauchspreis Cent/kWh“ von 27,29 Cent auf 58,06 Cent (bei gleichbleibendem Grundpreis von 11,83 Euro pro Monat).

Um das einordnen zu können, müssen wir etwas weiter ausholen und zunächst erklären, was die „Ersatzversorgung“ ist.

Die Vorgeschichte: Ein Stromvertrag läuft aus

Hartmut Wechsels alter Stromvertrag, abgeschlossen mit den Stadtwerken Pforzheim, lief zum 28. Juni aus. Er wollte den Anbieter wechseln. Aber die Angebote anderer Unternehmen waren „jenseits von schlimm“. Was nun?

Wenn ein Kunde vorübergehend ohne Vertrag dasteht, greift die Ersatzversorgung: Ein „Grundversorger“, der Platzhirsch im jeweiligen Gebiet, übernimmt – es soll ja niemand im Kalten und Dunkeln sitzen. In diesem Falle: die EnBW. (Hintergründe zu all dem auch hier.)

Hartmut Wechsel sah: Oha, das wären dann ja ... 27,29 Cent; im Vergleich „das Günstigste“! Also beschloss er: Nimmst du drei Monate die Ersatzversorgung, danach kannst du bei der EnBW in die Grundversorgung überwechseln. Oder wieder woandershin weiterziehen.

Die ersten sechs Wochen war das eine runde Sache. Nur kam dann der Brief. Zunächst dachte Wechsel: Diese Woche sagen, dass es ab der nächsten Woche einen Preis-Krawums gibt – das kann ja wohl nicht sein. Er rief bei der EnBW an, und „die Kunden-Hotline hat gesagt, das sei bestimmt ein Fehler, eine Strompreiserhöhung komme erst zum 1. Oktober“.

Aber das war wohl ein Missverständnis.

Ein EnBW-Sprecher ordnet ein

Von 27 auf 58 Cent ab kommenden Montag, „das ist tatsächlich korrekt“, teilt ein EnBW-Sprecher auf Zeitungsnachfrage mit. In Fällen wie diesem springe die EnBW ja nur als „Grundversorgungsunternehmen“ ein. „Das ist kein richtiger Tarif, wenn man so will“, sondern nur eine auf drei Monate befristete Übergangslösung. Deshalb gebe es da auch „so gut wie keine Kündigungsfrist“ – jederzeit habe der Kunde das Recht, sich zu verabschieden.

Für diese Ersatzpreisfälle „mussten wir jetzt die Preise anpassen“; das hänge mit der Einkaufspolitik zusammen.

Den Strom für die Grundversorgung der Bestandskunden kaufen die EnBW und andere Anbieter „sehr langfristig“, zum Teil „Jahre im Voraus“. Dadurch „können wir trotz der krassen Entwicklungen am Markt das Ganze derzeit noch glätten“. Die „vorausschauende Beschaffungsstrategie“ bewähre sich gerade.

Den Strombedarf für die Ersatzversorgung hingegen „müssen wir aktuell kaufen am Spot-Markt“. Und da lag der Preis pro Megawattstunde im Juli 2021 noch bei gut 80 Euro, im Juni 2022 aber bei fast 220 Euro; und im Juli 2022 bei 315 Euro! (Hintergründe dazu auch hier.)

Eine "nie da gewesene Marktsituation", sagt der EnBW-Sprecher

„Wir finden uns gerade in einer nie da gewesenen Marktsituation wieder“: auf der einen Seite „um ein Vielfaches gestiegene Beschaffungspreise für Strom und Gas“; auf der anderen Seite „ein Anstieg an Zugängen von Neukundschaft in die Ersatzversorgung“. Daraus ergebe sich eine „enorme finanzielle Mehrbelastung“.

Deshalb, sagt der EnBW-Sprecher, „sind wir leider gezwungen, den Schritt zu gehen“. Die Alternative, um die Explosion am Spot-Markt aufzufangen, bestünde darin, den Preis bei allen Kunden – auch den treuen im Bestand – zu heben; darüber aber würden die sich natürlich gar nicht freuen.

So hingegen treffe es „lediglich eine vierstellige Zahl an neuen Kundinnen und Kunden im Monat – und das befristet auf jeweils drei Monate.

Ersatzpreis erhöhen, das geht hurtig

Eine „Anpassung“ beim Ersatzversorgungspreis „kann man tatsächlich relativ kurzfristig“ vornehmen, erklärt der Sprecher. Man müsse die Kunden eigentlich nicht einmal „schriftlich informieren. Wir haben uns trotzdem dazu entschieden“.

„Vielleicht die ein bisschen gute Nachricht hinterher“: Nach drei Monaten falle der Betroffene, sofern er das wolle, „automatisch in die Grundversorgung“ und gilt dann als Bestandskunde. Da Hartmut Wechsel seit dem 28. Juni bei der EnBW ist, wäre es am 28. September so weit.

„Er könnte auch jederzeit auf unseren Kundenservice zugehen“ und sich über die Sondertarife informieren, die EnBW im Portfolio hat.

Und „es steht ihm frei“, so sei wie gesagt die vertragliche Lage, quasi von heute auf morgen „einen anderen Anbieter zu suchen“.

Energie wie Tomaten: Ein Plan

Hartmut Wechsels Pläne indes gehen mittlerweile in eine ganz andere Richtung, womit wir bei der Pointe der Geschichte angekommen wären.

Er will sich jetzt „schrittweise eine gewisse Autarkie“ erarbeiten. „Vor sechs Wochen hab’ ich die Gasheizung abgestellt“, Warmwasser erzeuge er derzeit per „Heizstab“. Und: „Ich bau mir jetzt ne zweite PV-Anlage aufs Dach.“ Das werde eine sogenannte Inselanlage, „nicht mit dem Netz verbunden“. Der Strom, der da erzeugt wird, diene dem Eigenverbrauch: „Es ist, wie wenn ich meine eigenen Tomaten aus dem Garten esse.“

Am Donnerstag, 11. August, fand Hartmut Wechsel (Name geändert) aus Weinstadt ein Schreiben in seinem Briefkasten: Ab Montag, 15. August, muss er für den Strom das Doppelte bezahlen. Wie das? Ein Erklärstück – mit einer verblüffenden Pointe. Aber der Reihe nach ...

Der Brief kam von der EnBW, er trug die Überschrift: „Die Preise für die Ersatzversorgung Strom ändern sich“. Ab dem 15. August steige für den Kunden der „Verbrauchspreis Cent/kWh“ von 27,29 Cent auf 58,06 Cent (bei

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