Rems-Murr-Kreis

Teil-Lockdown für Ungeimpfte: Ab welchen Alarmwerten gilt künftig wo 2G in BW?

3G Veranstaltung
Die 3G-Regelung (getestet, geimpft oder genesen) könnte in Bereichen des öffentlichen Lebens schon bald verschärft und zur 2G-Regelung (geimpft oder genesen) werden, wenn bestimmte Alarm- beziehungsweise Warnwerte überschritten werden. © Gabriel Habermann

Gespannt wird auf anstehende politische Entscheidungen in Stuttgart und Berlin gewartet, welche Alarmwerte in den neuen Corona-Verordnungen stehen werden. In Folge könnte auch in Baden-Württemberg schon bald mancherorts 2G statt 3G gelten. Ministerpräsident Kretschmann hat bald anstehende Beschränkungen für Ungeimpfte bereits öffentlich gerechtfertigt. Was Klinikleitungen in Winnenden, Stuttgart und im Ostalbkreis vom neuen Warnwert "Hospitalisierungsrate" halten. Und ab wann und wo in BW der Teil-Lockdown für Ungeimpfte gelten könnte.

Hospitalisierungsrate allein genügte nicht: „Lagebeurteilung im Rückspiegel“

"Die Hospitalisierungsrate ist zwar gut geeignet, um die Belastung des Gesundheitssystems zu beurteilen", sagt Christoph Schmale, Sprecher der Rems-Murr-Kliniken. Sie eigne sich allerdings nur bedingt, um den Verlauf der Infektionen in der Bevölkerung zu überwachen. „Die Inzidenz bildet das Infektionsgeschehen vor circa einer Woche ab, wohingegen die Hospitalisierungsrate das Geschehen der vergangenen zehn bis 15 Tagen aufzeigt.

Der neue Parameter Hospitalisierungsrate ist also eine Lagebeurteilung im Rückspiegel“, gibt Christoph Schmale – auch der Politik – zu bedenken. „Deshalb sollte immer die Kombination aus R-Wert (wie viele andere steckt ein Infizierter an), Inzidenz und Hospitalisierung (Klinikeinweisungen) herangezogen werden, um die Lage beurteilen zu können.“

Bei steigender Rate an Geimpften gewinne aber die Hospitalisierungsrate eine immer größere Bedeutung gegenüber der Inzidenz, sagt Schmale. „Der R-Wert bleibt in seiner Bedeutung immer wichtig, um den zu erwartenden Verlauf einzuschätzen. Hierbei eignet sich die Hospitalisierungsrate nur bedingt.“

Auch in den Kliniken Ostalb findet man die Abkehr von der reinen Betrachtung der Sieben-Tage-Inzidenzen prinzipiell richtig. „Grundlage für politische Entscheidungen ist ja die Auslastung des Gesundheitssystems und der Krankenhausressourcen“, sagt Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Ulrich Solzbach. „Wichtig ist hierbei aus unserer Sicht, den Grenzwert nicht zu hoch anzusetzen, da es bei einer hohen Auslastung in den Kliniken für Weichenstellungen schon zu spät ist.“

Das bestätigt auch Prof. Dr. Jan Steffen Jürgensen, Vorstandsvorsitzender des Klinikums Stuttgart : „Die Zahl der Covid-Intensivpatienten ist ein robuster Wert, der täglich seit Monaten verpflichtend erfasst und transparent im DIVI-Register dargestellt wird. Schwäche dieses Wertes als alleiniges Kriterium ist, dass er das Infektionsgeschehen abbildet, das mindestens zwei Wochen zurückliegt (wegen Inkubationszeit und Dauer bis zur Entwicklung des Vollbilds der kritischen Erkrankung) – also eine lange Latenz hat und bei dynamischen Entwicklungen ein zu später Indikator sein kann.“

Die Intensivbehandlung von Covid-Patienten sei besonders ressourcenintensiv im Dreischichtbetrieb. Bei ECMO-Therapie sei eine pflegerische Eins-zu-eins-Betreuung notwendig (ECMO: ein Sauerstoffversorgungsgerät, vergleichbar einer Herz-Lungen-Maschine). Hinzu komme die mentale, psychische Belastung des Klinikpersonals: „Jeder Dritte mit Covid stirbt auf der Intensivstation, andere bleiben mit schweren Folgeschäden zurück“, sagt Prof. Jürgensen.

Er und auch sein Kollege vom Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart, Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Dominik Alscher, heben nicht zuletzt hervor, dass viele der Intensivbetten gerade schon von Patientinnen und Patienten mit anderen Erkrankungen belegt seien. „Durch die gelockerten Hygienemaßnahmen und die aufgehobenen Einschränkungen im öffentlichen Leben greifen jetzt wieder auch andere Viruserkrankungen wie die Grippe um sich“, erläutert Alscher.

Die Auslastung der Kliniken: Aktuelle Zahlen vom Freitag (3.9.)

In Baden-Württemberg sind mit Stand vom Freitag laut DIVI-Intensivregister landesweit 138 Covid-19-Patienten/-innen in intensivmedizinischer Behandlung. 62 davon werden invasiv beatmet. 352 der momentan 2330 zur Verfügung gestellten Intensivbetten sind noch frei. Regionale Details:

  • Die Zahl der stationär aufgenommenen Corona-Patienten in den Rems-Murr-Kliniken hat sich zum Freitag hin um drei erhöht auf 14. Zwei davon liegen auf der Intensivstation, ein Patient muss beatmet werden. 22 der momentan 57 Intensivbetten sind noch frei. Intensiv-Belegungsrate mit Covid-Patienten: 1,75%.
  • Im Stadtkreis Stuttgart sind 19 Covid-Fälle in intensivmedizinischer Behandlung, fünf werden beatmet, 28 der momentan 231 Intensivbetten sind noch frei. Intensiv-Belegungsrate mit Covid-Patienten: 8,23 Prozent.
  • Im Ostalbkreis sind zwei Covid-Fälle in intensivmedizinischer Behandlung. Neun der momentan 50 Intensivbetten sind noch frei. Intensiv-Belegungsrate mit Covid-Patienten: 4 Prozent.

Welche Art von Alarmwerten wären geeignet?

Die Inzidenz als Durchschnittswert aller Altersgruppen sei zu undifferenziert. Die Jüngeren machten derzeit „mit überwiegend sehr unkomplizierten oder asymptomatischen Verläufen“ den größten Anteil aus, sagt Prof. Jürgensen (Klinikum Stuttgart). „Wir sehen bei den älteren Menschen aufgrund des hohen Schutzes vor schweren Verläufen durch Impfungen kaum noch Hochbetagte auf den Intensivstationen, sondern überwiegend mittelalte Menschen ohne Impfschutz, überwiegend aus sozial benachteiligten oder prekären Verhältnissen.“ Die altersspezifische Inzidenz hielte Prof. Jürgensen deshalb weiter für relevant und auch die Unterscheidung der Sieben-Tages-Inzidenz für Ungeimpfte (>>100) und Geimpfte (>10).

Prof. Alscher vom Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart appelliert zu einem Mix bestimmter Vorwarnwerte. „Wir planen jedenfalls jetzt schon mit allen möglichen verschiedenen Parametern, um einer Überbelastung der Intensivstationen vorzubeugen.“ Die Gesamt-Inzidenzen in Stuttgart und der Region, aber auch Inzidenzen und Impfquoten bestimmter Altersgruppen, spielten dabei ebenso eine Rolle wie die aktuellen und zu erwartenden Patienteneinweisungen.

Die Trends der aktuellen Entscheidungsfindung der Politik

Die neue Corona-Landesverordnung ist noch in der Ressortabstimmung der Landesregierung. Auch wartet man noch auf Entscheidungen auf Bundesebene. Die Verordnung könne deshalb frühestens Ende kommender Woche (10. bis 12. September) erlassen werden. Nach Auskunft eines Sprechers des Sozialministeriums werden zwei landesweit einheitliche Alarm- beziehungsweise Richtwerte diskutiert, ab denen eingegriffen werden solle. „Eine kurzfristige Überschreitung solcher Werte führt nicht automatisch zu Einschränkungen.“ Das Landesgesundheitsamt bewerte die Risiken fortlaufend, dabei betrachte es:

  • Altersgruppen-Inzidenzen der stationär ins Krankenhaus aufgenommenen Covid-Patienten,
  • die Belegung der Intensivstationen mit Patienten,
  • die Impfquoten,
  • und weiter die Sieben-Tage-Inzidenz.

Eine erste Eskalationsstufe sehe Kontaktbeschränkungen für ungeimpfte Erwachsene vor, eine weitere Stufe werde voraussichtlich die 2G-Regelung beinhalten. „Nichtgeimpfte werden dann nicht mehr an manchen Bereichen des öffentlichen Lebens teilnehmen können. Ein Test würde nicht mehr ausreichen, um zum Beispiel ins Kino zu gehen oder ein Restaurant zu besuchen.“

Die DPA berichtete am Freitag (3.9.): "Zuletzt hatte es aus dem Landesgesundheitsministerium geheißen, bei 200 bis 250 belegten Intensivbetten wolle das Land erste Gegenmaßnahmen ergreifen. Die Experten im Landesgesundheitsamt gehen davon aus, dass Mitte kommender Woche die 200 schon überschritten ist. Nach der Prognose ist absehbar, dass die Zahl der Intensivpatienten mit Covid-19 zu Schulbeginn am 13. September den Grenzwert 300 erreichen wird – wenn viele Urlauber aus dem Ausland wieder da sind. Dann könnte das Land die 2G-Regel einführen."

Gespannt wird auf anstehende politische Entscheidungen in Stuttgart und Berlin gewartet, welche Alarmwerte in den neuen Corona-Verordnungen stehen werden. In Folge könnte auch in Baden-Württemberg schon bald mancherorts 2G statt 3G gelten. Ministerpräsident Kretschmann hat bald anstehende Beschränkungen für Ungeimpfte bereits öffentlich gerechtfertigt. Was Klinikleitungen in Winnenden, Stuttgart und im Ostalbkreis vom neuen Warnwert "Hospitalisierungsrate" halten. Und ab wann und wo in BW

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