Rems-Murr-Kreis

„Tiefe Rezession“ in der Metall-Branche

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Über die Jahre hinweg sah man die Firma Schnaithmann in Remshalden an der B 29 immer nur expandieren. © ZVW/Matthias Ellwanger
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Stihl-Pk Waiblingen, Konfernzzentrum, BAdstr. 98. Übliche Stihl PK, bei der Kandziora die neuen Stihl MS 661 als Stock Saw für T
Dr. Michael Prochaska, Vorsitzender der Bezirksgruppe Rems-Murr von Südwestmetall. © Benjamin Büttner
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igmetall
Matthias Fuchs. © Benjamin Büttner

Rems-Murr.
„Tiefrabenschwarz“, so müsse man sich den Konjunkturhimmel über dem Rems-Murr-Kreis vorstellen. Jedenfalls in den Branchen Maschinenbau, Elektroindustrie und Fahrzeugbau. Der Vorsitzende der Bezirksgruppe Rems-Murr von Südwestmetall spricht jetzt im Vorfeld von Tarifverhandlungen gar von einer „tiefen Rezession“, weil in drei aufeinanderfolgenden Quartalen die Produktion schrumpft und in einer Umfrage bei den Mitgliedern wenig Zuversicht durchscheint, dass sich die Himmelsfarbe aufhellt. „Wir erleben in unserer Branche derzeit den markantesten konjunkturellen Rückgang seit der Finanz- und Wirtschaftskrise vor zehn Jahren“, so Michael Prochaska.

Es gebe keine Anzeichen für eine Trendwende. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Aufträge um 9,3 Prozent zurückgegangen, Umfragemonat ist der November. Prochaska, der bei Stihl zuständig ist fürs Personal, sieht den US-Präsidenten als Schuldigen. Die von ihm ausgelöste Spirale von Zöllen und Gegenzöllen mache die Geschäfte weltweit unsicherer. Die Unsicherheit treffe die Investitionsgüterindustrie, die speziell exportlastig ist, „besonders heftig“.

Nur noch 20 Prozent sprechen von guter Auftragslage

Laut der Umfrage des Verbandes bezeichnen nur noch 20 Prozent der Unternehmen ihren Auftragsbestand als gut. Im Vorjahr waren es noch 42 Prozent. Ein Drittel spricht von „schlecht“ (Vorjahr 11,5). Nur noch 22 Prozent der Betriebe erwarten für dieses Jahr bessere Geschäfte. 56 Prozent sprechen gar von einer weiteren rückläufigen Entwicklung. Bei den Maschinenbauern sehen diese Zahlen durchweg um einige Prozentpunkte schlechter aus. Richtig pessimistisch zeigt sich die Metall-Branche. Hier erwarten nur zehn Prozent eine steigende Geschäftsentwicklung. Und bei den Automobilzulieferern will gleich gar niemand mehr davon sprechen, dass es auch wieder besser werden könnte. Den Ausreißer spielen freilich die Elektro-Unternehmen, die ganz offenbar von der Digitalisierung und Dekarbonisierung profitieren. Da wollen immerhin 37,5 Prozent der Befragten von besseren Geschäften sprechen.

Das hat Auswirkungen auf die Beschäftigung. Nur noch 13,3 Prozent der Betriebe insgesamt reden von einem Aufbau der Mitarbeiter. 51 Prozent rechnen damit, dass mit weniger Leuten entwickelt und produziert wird.

Der Bundesarbeitsminister will die sachgrundlose Befristung eindämmen. Prochaska hält das für den falschen Weg. Und verweist auf den öffentlichen Dienst. Dort werde öfters befristet als in der Industrie. Prochaska appelliert zudem an Hubertus Heil, das Kurzarbeitergeld von 12 auf 24 Monate zu verlängern.

Kurzarbeit bei Schnaithmann in Remshalden?

Die Firma Schnaithmann in Remshalden gehört zu den Unternehmen, die unter Umständen demnächst Kurzarbeit anmelden müssen. Auf Anfrage erklärt Betriebsinhaber Karl Schnaithmann, im Oktober sei der Firma, die stark ist bei Zuführungssystemen an Industrie-Arbeitsplätzen, ein Auftrag über 3,5 Millionen Euro weggebrochen. Schnaithmann liefert auch Autoherstellern zu. Man spüre, dass die Krise der Autobauer „wie ein Dunstschleier, der alles verdeckt“, auf der Branche und eben auch auf den Zulieferern liege. Im März entscheide sich, ob er für einige Tage Kurzarbeit anmelden muss. Schnaithmann ist sehr dafür, dass Ökologie und Ökonomie in Einklang kommen. Aber er appelliert an die Politik, die Zukunft des Automobils technologieoffen zu denken. Der Brennstoffzellen-Antrieb hat für ihn genauso eine Zukunft wie das Batterieauto oder der Verbrenner mit synthetischen Kraftstoffen. Einen „Raubbau“, eine disruptive Entwicklung, nütze niemandem. Es müsse für den Umbau schließlich noch Geld verdient werden.

Wie viele Unternehmen im Bereich von Südwestmetall sind es denn bislang, die Kurzarbeit angemeldet haben? Acht, antwortet darauf Michael Kempter, Geschäftsführer von Südwestmetall. Und ergänzt gleich: „Das sind gar nicht so sonderlich viele.“ Es gibt auch andere Instrumente. Johannes Maier, Geschäftsführer der AMF Andreas Maier GmbH in Fellbach, Spezialist bei Spannelementen, spricht von „deutlichen Bremsspuren“. Und hat sich vorsorglich schon mal ein tarifliches Instrument näher angeschaut, das für den Betrieb günstiger käme als Kurzarbeit: Arbeitszeitreduktion ohne Lohnausgleich.

Dass sich die Elektro-Branche vom Trend nach unten abkoppeln kann, sieht man an der Firma Pfisterer Kontaktsysteme mit Hauptsitz in Winterbach. Die Firma ist global dort dabei, wo Mittel- und Hochspannung gebraucht wird. Personalchef Tobias Liedl spricht zwar auch von Preiskämpfen, die dazu führten, dass die einfache Produktion ausgelagert werden müsse ins Ausland. Aber wer auf diesem Markt punkten kann mit Sicherheit, Qualität und Innovation, die dann aber in immer schnelleren Zyklen erfolgen müsse, der könne sich gut behaupten. Das gilt jedenfalls für Pfisterer mit allein 200 Beschäftigten in Winterbach und nochmals 180 auf der Ostalb. Da ist es beruhigend zu wissen: „Strom wird es immer brauchen. Es ändert sich nur die Art der Stromerzeugung. Da muss man präsent sein.“

Anderswo sieht es schlecher aus

Von einer tiefen Krise will Matthias Fuchs, der Bevollmächtigte der IG Metall für die Bezirke Rems-Murr und Ludwigsburg, nicht sprechen. Er sieht es eher so: „Die hohe Auslastung der Vergangenheit normalisiert sich.“ Dort, wo Schichten ohne Ende gefahren wurden, geht es jetzt zurück auf drei.

Aber klar, den Automobilstandort trifft es. Ludwigsburg sei aber weit mehr betroffen, weil dort große Zulieferer für den Verbrenner ihren Sitz haben. Da schlage es eben direkt durch, wenn die Plattform für den neuen Golf noch nicht steht. Fuchs sieht, wie sich bei all der Unsicherheit der Branche, egal ob autonomes Fahren oder Antriebsart, sich „Entwicklungsaufwendungen nicht mehr so schnell monetarisieren lassen wie in der Vergangenheit“. Aber wenn dann mal ein Werk schließt wie Conti in Oppenweiler, dann stecke eine strategische Entscheidung dahinter und noch nicht die blanke Krise.

Noch ein Blick in ein Unternehmen im Remstal. Der Automobilzulieferer Swoboda, früher Hartmann exact, hatte in der Vergangenheit am Standort Schornbach sichtbar expandiert. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Wiggensbach im Allgäu. Die Allgäuer Zeitung erfuhr bei ihrer Umfrage schon im Oktober 2019 wenig Hoffnungsfrohes: „Mit einem langsameren Wachstum rechnet auch das Unternehmen Swoboda in Wiggensbach. Gegenüber der Allgäuer Zeitung bestätigte das Unternehmen, dass derzeit ein intensives Kostensenkungsprogramm laufe. Derzeit würden Überstunden abgebaut und freie Stellen nicht nachbesetzt - auch die Zeitarbeit würde reduziert.“

Rems-Murr.
„Tiefrabenschwarz“, so müsse man sich den Konjunkturhimmel über dem Rems-Murr-Kreis vorstellen. Jedenfalls in den Branchen Maschinenbau, Elektroindustrie und Fahrzeugbau. Der Vorsitzende der Bezirksgruppe Rems-Murr von Südwestmetall spricht jetzt im Vorfeld von Tarifverhandlungen gar von einer „tiefen Rezession“, weil in drei aufeinanderfolgenden Quartalen die Produktion schrumpft und in einer Umfrage bei den Mitgliedern wenig Zuversicht

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