Rems-Murr-Kreis

Torsegen im Biergarten: Wie das EM-Gucken am Samstagabend auf der Schwaneninsel in Waiblingen ablief

Deutschlandspiel
Im Schwaneninsel-Biergarten wurde beim torreichen EM-Spiel Deutschland gegen Portugal würdig mitgefiebert und mitgejubelt. © ALEXANDRA PALMIZI

Das Fußballfieber grassierte am Samstagabend im Schwaneninsel-Biergarten. Allerdings nicht wild und ungehemmt, sondern diszipliniert und in geregelten Bahnen, ganz so, wie wir es alle in den vergangenen anderthalb Jahren im Zeichen von Corona gelernt haben. Und dabei gab es allerhand zu feiern und sich zu begeistern, vor, während und nach dem Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und dem Team von Cristiano Ronaldo, dem Fußballgott von den Azoren, das über die übergroßen Fernsehbildschirme flimmerte, die an den Wänden aufgehängt waren.

Auch wenn sich zeitweise Besuchertrauben vor dem Eingang ballten, wo eine junge Dame charmant, aber konsequent die Kontaktdaten der Besucher abfragte oder auf einen Scanner für das Einlesen des QR-Codes verwies, von Ungeduld, Widerborstigkeit oder gar Verweigerungshaltung keine Spur. Stattdessen Rücksichtnahme und Achtsamkeit beim Einhalten einer harmonischen Distanz zueinander, Konsequenz beim Tragen der Mund-Nasen-Schutzmasken. Dasselbe Bild bot sich bei den Schlangen hungriger und durstiger Besucher, die sich vor den Kassen und Ausgaben anstellten und geduldig warteten, bis sie an die Reihe kamen.

Die jüngeren Semester unter den Fußballfans waren an diesem Samstagabend eindeutig in der Überzahl. Vor allem diejenigen Sitzgarnituren waren gefragt, auf die Sonnenschirme oder Kastanienbäume Schatten warfen, so dass die Benutzer nicht schutzlos der prallen Sonne ausgeliefert waren, die aber zugleich den Blick auf die Bildschirme freigaben, über die an diesem Fußballabend die Spiele aus Budapest und München verfolgt werden konnten. Dass es sich bei den Biergartenbesuchern überwiegend um Anhänger der Auswahl des Deutschen Fußballbundes handelte, war bei vielen schon an ihrem Outfit erkennbar: Sie trugen schwarz-weiße Trikots mit dem Bundesadler auf der Brust, Trikots nachempfundene, bisweilen neckische Fashion, schwarz-rot-goldene Girlanden, Hüte, Schweißbänder oder sogar ins Gesicht geschminkte Fahnen, die allerdings bei den tropischen Temperaturen schnell verwischten, die an diesem Nachmittag dafür sorgten, dass der Schweiß in Strömen floss.

Eifrige Diskussionen an den Tischen

Auch wenn sich das Hauptgesprächsthema um das runde Leder und die 22 Recken in der Allianz-Arena drehte, wurden an den Tischen auch andere Fragen eifrig diskutiert, die mindestens genauso lebenswichtig waren: wer sich an diesem Wochenende wo mit wem treffen würde, wer wo eingeladen war, wie es nach diesem langen Sommer mit dem neuen Lebensabschnitt an der Uni weitergehen würde, ob die bereits für den Herbst angekündigte vierte Welle in einen neuen Lockdown münden würde, ob das Virus tatsächlich aus China oder aus dem Biowaffenlabor Fort Detrick in Maryland stammt?

Eine Gruppe in Ehren ergrauter älterer Herren klagte über den Hitzestress, unter dem ihre Obstbäume auf dem „Gütle“ litten, und outete sich dadurch als Ausflügler aus der Reutlinger Gegend, die einen Abstecher zu Freunden unternommen hatten und eher zufällig hier aufgeschlagen waren. Etwas abseits des Hauptgeschehens erzählte ein älteres Ehepaar davon, dass es sich ein paar Stunden zuvor in der Neustädter Festhalle endlich habe impfen lassen und nun hoffe, in seinem Umfeld nicht mehr wie „aussätzig“ behandelt zu werden, sondern wieder als vollwertige Menschen akzeptiert zu werden. Die Gespräche verstummten abrupt, nachdem die beiden Mannschaften auf Münchens heiligem Rasen aufliefen, sich wie an einer Feigenschnur auffädelten und die beiden Nationalhymnen erklungen waren, voran „A Portuguesa“ von Henrique Lopes de Mendonça und Alfredo Keil. Ein knappes Dutzend junger Männer, die sich um eine der Sitzgarnituren versammelt hatte, versuchte in einem Anflug überschäumender Begeisterung das Deutschlandlied mit anzustimmen, gab wegen fehlender Worte allerdings bereits nach wenigen Versen auf.

Kaum war der Anstoß ausgeführt, begann auch schon das Powerplay der DFB-Auswahl auf das Tor der Portugiesen. Und nach nur wenigen Minuten lief der Motor der Emotionen bereits auf Hochtouren: „Tor!“ Begeistert wurden die Arme in die Luft gerissen, sprangen die einen von den Bänken auf, klatschten, trommelten auf die Tische - um fassungslos zu erleben, wie das Tor wegen ein paar läppischer Zentimeter nicht anerkannt, ihnen gestohlen wurde.

Kellner hetzten mit ihren Tabletts von Tisch zu Tisch

Das erste Tor der Partie erzielten dann leider die Portugiesen in der 14. Spielminute. Nach einem perfekt ausgeführten Konter stand Ronaldo genau an der richtigen Stelle und hatte nichts anderes zu tun, als das Leder in den Kasten zu schieben. Eine einsame „Torcedora“ sprang mit einem Begeisterungsruf von ihrem Platz auf, drehte sich mehrmals um sich selbst und ließ ihrer Freude freien Lauf.

Keine Chance, das Geschehen intensiv zu verfolgen, hatten die Kellner, die mit ihren Tabletts von Tisch zu Tisch hetzten, nicht um aufzutragen, sondern auf der Jagd nach leeren Tellern, Flammkuchenbrettern, Gläsern, Flaschen und Krügen.

Und dann erreichte die Stimmung im Biergarten ihren Siedepunkt, als innerhalb von vier Minuten Raphaël Guerreiro und Rubén Días zwei deutsche Angriffe abschlossen, indem sie den Ball ins eigene Tor beförderten. Beifallsstürme und wildes Trommeln auf die Tische begleitete die Mannschaften in die Pause, die kaum ausreichte, um sich mit flüssigem und festem Nachschub zu versorgen. Im Biergarten Fußball schauen macht nämlich nicht nur durstig wie ein Fisch, sondern auch hungrig wie ein Wolf.

Und dieselbe Begeisterung flutete die Sitzgarnituren, kaum dass die zweite Halbzeit angefangen hatte. Dafür sorgten Havertz in der 50. Spielminute und Gosens in der 59. mit dem dritten bzw. vierten Tor für die DFB-Auswahl. „Üben, üben, üben“ schallte dagegen ein Chorgesang, als Superstar Ronaldo einen Freistoß hoch über das deutsche Tor hob. Wie es richtig geht, zeigte dann Diogo Jota in der 66. als er, von Ronaldo bedient, das 2:4 erzielte, den Endstand. Im Handumdrehen lehrte sich der Biergarten, die Fans schwärmten aus in den noch jungen Samstagabend ...

Tischkicker-Wettkämpfe auf dem Spielplatz

Ein Fußballturnier ganz anderer Art fand währenddessen nur einen Katzensprung vom Biergarten entfernt statt. Auf dem Spielplatz nebenan hatten mehrere Familien den Tischkicker für sich entdeckt und begeisterten sich an Wettkämpfen zwischen Eltern und Kindern. Da kam es dann weniger auf Sieg oder Niederlage an, sondern vielmehr auf das Zusammensein. „Jetzt ist das Spiel vorbei, jetzt kriegen die Deutschen Hunger“, kommentierte die Belegschaft von „Kebap & Pizza“ das erste Auto, das hupend und mit quietschenden Reifen durch den Kreisverkehr kurvte. Und so war es dann auch, der Ansturm auf die Yufkas und Falafel begann.

Das Fußballfieber grassierte am Samstagabend im Schwaneninsel-Biergarten. Allerdings nicht wild und ungehemmt, sondern diszipliniert und in geregelten Bahnen, ganz so, wie wir es alle in den vergangenen anderthalb Jahren im Zeichen von Corona gelernt haben. Und dabei gab es allerhand zu feiern und sich zu begeistern, vor, während und nach dem Fußball-Länderspiel zwischen Deutschland und dem Team von Cristiano Ronaldo, dem Fußballgott von den Azoren, das über die übergroßen Fernsehbildschirme

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