Rems-Murr-Kreis

"Traurigste Weihnachten aller Zeiten": Wie Altenheime die Corona-Krise erlebten

Baumstark
2020 „war für uns das traurigste Weihnachten aller Zeiten“, sagt Kristina Baumstark, Leiterin des Winnender Hauses im Schelmenholz. Die Impfung brachte die Wende zum Besseren für viele Altenheime. Danach aber sorgte die Politik für Ärger ... © Benjamin Büttner

Was war richtig an den Corona-Maßnahmen, was falsch? Wir müssen Bilanz ziehen, offen und vorbehaltlos. Es geht dabei nicht um billige nachträgliche Schuldzuweisungen – es geht um wichtige Erkenntnisse und gesellschaftliche Ehrlichkeit. Eine Analyse am Beispiel der Altenheime im Rems-Murr-Kreis: Sie waren Brennpunkte in der Krise.

Ins Altenheim - dann kam Corona: Eine Angehörige erzählt

Ihr Vater, erzählt die Frau, hatte einen Schlaganfall und kam ins Heim. Nach einer Eingewöhnungszeit habe er sich recht wohlgefühlt und bald wieder „ganz gut fortbewegen“ können mit Hilfe eines Rollators; auch, weil die Tochter regelmäßig mit ihm übte. Oft holte sie ihn ab, sie gingen gemeinsam essen. Er sei geistig voll da gewesen.

Dann kam Corona. Besuch war nur noch unter erschwerten Umständen möglich, phasenweise fast gar nicht mehr. Es sei zu herzzerreißenden Szenen gekommen.

Einmal hätten sie sich durchs offene Fenster unterhalten, drinnen saß der Vater im Rollstuhl, draußen stand sie – selbst mit ausgestreckten Armen hätten sich ihre Fingerspitzen nicht berühren können. Sie hätten sich förmlich „anschreien“ müssen, der alte Mann hörte ja nicht mehr so gut. In der Zugluft am Fenster habe er eine Bindehautentzündung bekommen.

Einmal, bei einem Treffen am Zaun, habe er unvermittelt zu weinen begonnen. „Kannst wieder gehen“, habe er gesagt, so bringe das doch nichts. Einmal habe er trotz Zahnschmerzen nicht zum Zahnarzt gekonnt. Einmal sei sie zu seiner Terrassentür geschlichen und habe Steinchen gegen die Scheibe geworfen. Er sei rausgekommen, habe an der Tür verharrt, sie sei am Zaun gestanden, vier Meter entfernt. Eine Pflegerin sei gekommen und habe gerufen: „Was erlauben Sie sich!“

Kollateralschäden: Eine Tochter kommt ins Grübeln

Die Vereinsamung habe die alten Menschen „zermürbt“. Manche seien „depressiv“ geworden, bei anderen hätten sich Demenz-Symptome verstärkt. Die körperliche wie geistige Kraft sei bei manchen versiegt.

Der Vater der Frau verstarb im Mai 2021, nach einer Operation habe er sich „nicht mehr erholt“. Sie habe viele Geschichten gehört: von Menschen, die alleine starben; von Menschen, die ins Krankenhaus kamen und nicht zurückkehrten. Sie habe sich „oft gefragt“: Will man die Leute „zu Tode schützen“? Ist „der Kollateralschaden höher“ als die Infektionsgefahr?

Aber wer so zu zweifeln beginne, aufbegehre, womöglich deshalb zu einer Demo gehe, gelte ja gleich als Querdenker und Corona-Leugner.

Das Coronavirus dringt ein: Eine Pflegerin erzählt

Ja, stimmt, sagt Kristina Baumstark, Heimleiterin des Winnender Hauses im Schelmenholz: Das Besuchsverbot von März bis Mai 2020 sei schmerzlich gewesen; wenngleich sie Besuche bei Sterbenden immer ermöglicht hätten. Ja, stimmt, nach dieser Zeit im Frühjahr 2020 hätten viele der hier lebenden Menschen gesagt: „Wir wollen nie wieder so eingesperrt sein.“ Ihr sei „relativ früh“ klar geworden, sagt Baumstark, dass nicht wenige „gar nicht zu hundert Prozent geschützt sein wollen“ – sie „möchten integriert sein“, sie möchten „am Leben teilhaben“; und seien bereit, dafür ein Risiko in Kauf zu nehmen. Ja, stimmt.

Nur, zur Wahrheit gehört auch: Bevor um die Jahreswende 2020/21 die Impfung kam, gab es heftige Ausbrüche in vielen Pflegeheimen. Das Virus raste förmlich durch Einrichtungen, verursachte „hohe Sterblichkeit“. Das, sagt Baumstark, war „sehr belastend, sehr schlimm“.

Der Herbst 2020 „war furchtbar“. Im Oktober stieg die Inzidenz, aber die Politik, die im Frühjahr noch konsequent eingeschritten war, zauderte diesmal, weil sie in der Bevölkerung keinen Rückhalt für strengere Maßnahmen spürte. Im November stieg die Inzidenz weiter, aber immer noch passierte viel zu wenig. Das Virus, das draußen so ungehemmt um sich greifen durfte, fand seinen Weg in die Heime. Auch im Haus im Schelmenholz fraß es sich „durch die Wohnbereiche“.

"Gespenstisch", "traumatisch": Weihnachten 2020

Leute starben, von denen „man es nicht erwartet hätte“, weil sie eigentlich fit waren. Andere überlebten, obwohl sie als gebrechlich galten. Es war „überhaupt nicht nachvollziehbar“, sagt Baumstark, es war „wirklich, wirklich schlimm“. Als Deutschland endlich auf die Bremse trat, mit einem Lockdown kurz vor Weihnachten 2020, „war es für uns zu spät“; und für sehr viele andere Pflegeheime auch. In Deutschland starben während der zweiten Welle von Anfang November bis Ende Februar binnen vier Monaten ungefähr 60.000 Infizierte. Man geht davon aus, dass sich phasenweise etwa jeder zweite Todesfall Altenpflegeheimen zuordnen ließ.

„Es war gespenstisch“ und „teilweise traumatisch“: Im Haus im Schelmenholz waren 16 Corona-Tote zu betrauern in jenem Winter; zehn weitere Menschen starben, weil in Altenheimen nun einmal Menschen sterben, nicht nur während einer Pandemie; zwei Leute zogen aus; verwaiste Zimmer wurden nicht nachbelegt. Plötzlich gab es 28 leere Plätze.

2020, sagt Baumstark, war „für uns das traurigste Weihnachten aller Zeiten“.

Ein unlösbarer Konflikt: Die Tragik der Altenheime

Die Menschen in den Heimen zu schützen, auch durch Isolation, war angeraten – und quälend. Was auch immer du tust: Es zeitigt Konsequenzen. Diesen tragischen Konflikt beschreiben viele Heimleitungen.

Der Zwiespalt „hat unsere Mitarbeitenden stark umgetrieben“, erinnert sich Gaby Schröder, Geschäftsführerin des Alexander-Stifts. „Sie mussten ja oft genug hilflos erleben, was das Virus anrichten kann. Aber sie hatten auch immer direkt vor Augen, wie die Bewohner unter dem Besuchsverbot litten.“

Die Mitarbeitenden „haben viel aufgefangen, aber konnten die Angehörigenkontakte natürlich nicht ersetzen“. Damit die alten Menschen „Kinder und Enkelkinder wenigstens sehen konnten, haben wir teilweise alle eingeladen, zu einer bestimmten Zeit vors Haus zu kommen, und die Bewohner an Fenster oder auf Balkone gebracht, damit sie sich zuwinken konnten“.

Am Fenster, "damit sie sich zuwinken können"

Die Beschäftigten seien im ersten Pandemiejahr „vermehrt zu Gesprächspartnern, Zuhörern, Seelsorgern“ geworden, „zu denen, die jene Zuwendung spendeten, die sonst durch die Angehörigen gegeben ist“, erzählt Melanie Prigl, Regionalleiterin beim Heimträger „Die Zieglerschen“. Das war „eine schwere Zeit für alle. Wir sollten nicht vergessen, was von unseren Teams in den Einrichtungen hier geleistet wurde!“

„Bringe ich als Mitarbeiter das Virus ins Haus?! Ich möchte nicht verantwortlich sein für die Ansteckung und eventuell das Versterben eines Bewohners!“ Diese Sorge sei „ein sehr großes Thema“ gewesen, sagt Martin Kleinschmidt, Geschäftsführer des Schorndorfer Altenheimträgers KSP.

Mehrere Heimleitungen bestätigen: Es kam bei Heimbewohnern zu Depressionen, die den Bedarf nach Psychopharmaka erhöhten; es kam, weil phasenweise keine Physiotherapeuten in die Häuser kommen konnten, bei einigen Alten zu Muskelabbau bis hin zum Schwund der Gehfähigkeit. Es gab, kurzum, bis Anfang 2021 keinen Schutz ohne bedrückende Nebenwirkungen.

Dann kam die Impfung. Vieles wurde besser. Und leider manches schlechter.

Die Impfung war segensreich - danach kam der Ärger

„Wir haben wirklich auf die Impfungen hingefiebert“, erinnert sich Kristina Baumstark. Im Haus im Schelmenholz gab es seit Frühjahr 2021 keine größeren Ausbrüche mehr; wenn es doch zu Ansteckungen kam, waren die Verläufe eher leicht. „Jeder, der hier arbeitet, hat echt gesehen, wie viel die Impfung nützt“ – dass Menschen sie abtun, „kann ich gar nicht verstehen“.

Mit den Impfungen habe sich die Lage verändert, bestätigt Gaby Schröder. Nur: Je länger die Pandemie sich hinzog, desto fragwürdiger und fahriger wurden die Entscheidungen der Politik.

Die Verantwortlichen hätten „zu oft laut gedacht“, beklagt Martin Kleinschmidt; hätten bei Regeländerungen – seien es Verschärfungen, seien es Abmilderungen – „nur auf Druck gehandelt“. Das habe „große Verunsicherung“ erzeugt. Kleinschmidt nennt ein Beispiel: Im ersten Halbjahr 2020, als noch „alle nichts wussten“, hätten sich führende Politiker bereits festgelegt: „Es wird keine Impfpflicht geben.“ Dann kam sie doch – aber beschränkt auf Personal in Medizin und Pflege. Dieses Hin und Her habe „einen beachtlichen Vertrauensverlust in die Politik und die Verlässlichkeit des Staates allgemein bewirkt“.

Der Streitfall einrichtungsbezogene Impfpflicht

Als die einrichtungsbezogene Impfpflicht im Frühjahr 2022 griff, hatte längst die etwas harmlosere Variante Omikron das Kommando übernommen – und die Impfquote bei Beschäftigten wie Bewohnern in Altenheimen lag sowieso bereits überdurchschnittlich hoch. Es war hasenherzige Symbolpolitik, der ein Trugschluss zugrunde lag: dass man die Schutzaufgaben exklusiv den Heimen aufbürden kann, damit man den Rest der Gesellschaft nicht behelligen muss.

Heime sind aber keine isolierten Parallelwelten. „60 Mitarbeitende“ betreten jeden Tag das Haus im Schelmenholz, sagt Kristina Baumstark; draußen treffen sie auf Hunderte und Aberhunderte andere Menschen.

Aus heutiger Sicht: Die Impfpflicht hätte früher und für alle kommen müssen. Oder gar nicht.

„Wenn die Impfpflicht für pflegende Berufe nicht gewesen wäre, hätten wir uns viel Mühe erspart“, sagt Melanie Prigl von den „Zieglerschen“: Nicht nur, dass sich die Regel zu einem bürokratischen Monstrum auswuchs – „einzelne Mitarbeitende haben auch beschlossen, dem Beruf den Rücken zu kehren. Jeder einzelne fehlt uns jetzt. Das hätte nicht sein müssen!“

"Die Ungleichbehandlung war zunehmend schwer erträglich"

Man mag es kaum glauben, so absonderlich klingt es, aber Martin Kleinschmidt betont es in einer Mail an uns per Ausrufezeichen nebst Großbuchstaben: „Zum 01.10.2022 (!) wurde ERSTMALS für Bewohner in Pflegeheimen eine Maskenpflicht (FFP2) außerhalb des eigenen Zimmers vom Gesundheitsministerium verordnet. Eine völlig sinnfreie Verordnung und eine sehr große Einschränkung für unsere Bewohner.“

Anfangs, „als das Virus noch gänzlich neu und unbekannt war und als es noch keine Impfmöglichkeit gab“, war es „nachvollziehbar und sicher auch richtig, umfassende Schutzmaßnahmen zu erlassen, sowohl in den Heimen als auch in der Gesamtgesellschaft“, sagt Gaby Schröder vom Alexander-Stift. Selbst wenn sich im Nachhinein diskutieren lasse, ob die „extrem einschränkenden Regeln“ der ersten Pandemiemonate „wahrscheinlich trotzdem zu streng“ waren – „da kann den Behörden aus unserer Sicht kein Vorwurf gemacht werden. Und die vielen Todesfälle haben ja gezeigt, wie gefährlich und lebensbedrohend das Virus in dieser Zeit war, gerade für die hochbetagten Menschen in den Heimen.“

Die „Ungleichbehandlung“ bei Impfpflicht und Masken aber „war für uns zunehmend schwer erträglich und auch schwer zu vermitteln“, sagt Schröder. „Bei allem Verständnis für die sicher sehr schwierigen Entscheidungs- und Abwägungsprozesse – im Hinblick auf die Pflegeheime hat die Regierung unseres Erachtens leider mit dem Fortschreiten der Pandemie nach und nach das richtige Maß aus den Augen verloren.“

Ein Altenheim ist keine Käseglocke

So sieht es auch Kristina Baumstark: Im Frühjahr 2020 mussten die Heime Schweres auf sich nehmen, aber die ganze Gesellschaft trug die Last mit. „Es hat im Gesamten gepasst“. Spätestens ab 2022 ging dieser Gleichklang verloren: Während die einen von allen Auflagen befreit wurden, bekamen die anderen immer neue aufgebürdet; während die einen sich um nichts mehr kümmern mussten, wurden die anderen „unter eine Käseglocke“ gestellt; während sich die einen von ihrer Verantwortung entbunden sahen, wurden die anderen mit ihrer Verantwortung alleingelassen.

Aber „wir sind ein Teil der Gesellschaft! Und das wollen wir auch sein“.

Was war richtig an den Corona-Maßnahmen, was falsch? Wir müssen Bilanz ziehen, offen und vorbehaltlos. Es geht dabei nicht um billige nachträgliche Schuldzuweisungen – es geht um wichtige Erkenntnisse und gesellschaftliche Ehrlichkeit. Eine Analyse am Beispiel der Altenheime im Rems-Murr-Kreis: Sie waren Brennpunkte in der Krise.

Ins Altenheim - dann kam Corona: Eine Angehörige erzählt

Ihr Vater, erzählt die Frau, hatte einen Schlaganfall und kam ins Heim. Nach einer

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