Rems-Murr-Kreis

Trotz Tankrabatt steigen die Spritpreise an Rems-Murr-Tankstellen: Warum?

SpritpreiseKreis
Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Zwei-Euro-Marke wieder geknackt ist: Das Foto ist am Freitag, 10.06., gegen 11.30 Uhr in Welzheim entstanden. Mit der Steuersenkung zum 1. Juni sanken die Kraftstoffpreise zunächst – aber nur kurz. Die Kurve zeigt längst wieder nach oben. © Gaby Schneider

Einst nahmen sie ein Fernglas zur Hand zwecks Preis-Check bei der Konkurrenz. Heute genügt ein Blick aufs Handy: Was kostet momentan der Sprit bei wem?

Derzeit reagiert vielleicht ein wenig ungehalten, wer den Preisen beim Klettern zuschaut. Der Tankrabatt? Wo ist der abgeblieben?

„Ich hab' eine breite Schulter. Das muss man gelassen sehen“, sagt Lothar Ulrich, den keine Schuld trifft. Als „Verwalter“ der MTB-Tankstelle in Winnenden hat er keinen Einfluss auf die Spritpreise. Den allermeisten seiner Kolleg/-innen geht’s haargenau so: Staunend schauen sie zu, das darf man sich tatsächlich so vorstellen, wie die Angaben an ihren Preis-Säulen schwanken. „Das wird automatisch geändert“, bestätigt Susanne Wiedemann vom Autohaus Wiedemann in Korb, an welches eine Pinoil-Tankstelle angeschlossen ist. „Die Preise macht die Mineralölgesellschaft“, und weil die Leute das wissen, davon geht Susanne Wiedemann aus, „schimpft auch keiner“. Jedenfalls nicht bei ihr in der Tankstelle, das würde eh nichts nützen.

Mineralölkonzerne: Mutmaßliche Kriegsprofiteure

Geschimpft wird derzeit in der ganzen Republik – auf die Mineralölkonzerne, die als mutmaßliche Kriegsprofiteure am Pranger stehen, und/oder auf die Politik: „Die Leute sind über unsere Regierung empört“, berichtet ein Tankstellenbetreiber aus dem Raum Winnenden, der ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudert, aber seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will: „Die Kleinen zahlen die Zeche für die Großen“, so ist es doch, sagt er. In seiner Tankstelle begegnet er überwiegend Menschen, die es mit Fassung tragen – „weil sie alle damit gerechnet haben“.

Ende August ist Schluss mit niedrigeren Steuern

Sie alle werden mit Spritpreisen sehr deutlich über zwei Euro rechnen müssen, das ist nicht schwer vorherzusagen: Der Tankrabatt, wer auch immer den momentan einsteckt, ist ja gar keiner. Es handelt sich um eine befristete Steuersenkung, und Ende August ist damit Schluss.

Die Weltlage wird sich bis dahin nicht umfassend entspannt haben, nur eins bleibt alles immer: kompliziert.

Anruf bei Jürgen Ziegner, Geschäftsführer des Zentralverbands des Tankstellengewerbes: „Was nervt Sie zurzeit am meisten?“

Er lacht. „Allergisch“ reagiert er mittlerweile auf den falschen Begriff „Tankrabatt“. Hätte es keine Steuersenkung gegeben, „hätte die Preisentwicklung genauso stattgefunden. Nur auf höherem Niveau“.

Erstmals seit Jahrzehnten: Preisvorteil gegenüber Luxemburg

Sprich: Dann wär’ der Sprit vermutlich jetzt schon so teuer, wie er sowieso bald wird. Was bedeutet: Autofahrer/-innen profitieren durchaus von der niedrigeren Energiesteuer. Sie merken es nur nicht. So sieht das Jürgen Ziegner, und er kann’s beweisen: Noch niemals in 30 Jahren, und so weit reicht seine Erinnerung in dieser Branche zurück, konnte man in Deutschland billiger Benzin tanken als in Luxemburg. Jetzt aber ist’s so weit, weshalb sich derzeit nicht wenige im Grenzgebiet wohnhafte Luxemburger/-innen ärgern, weil es auf der anderen Seite kaum noch Tankstellen gibt.

Wer sich heute noch auf den Betrieb einer Tankstelle einlässt, braucht sowieso stahlharte Nerven. Kein Mensch weiß, wie sich die Dinge weiterentwickeln. Herkömmliches Benzin braucht früher oder später kaum noch jemand. Synthetische Kraftstoffe sind noch gar nicht ausgereift, und sowieso sagt ihnen eine breite Expertenschaft nichts Gutes voraus. Viel zu ineffizient, heißt es, daraus werde nichts.

Woher soll das Geld für Investitionen kommen?

Christian Küchen vom Mineralölwirtschaftsverband en2x scheute sich unterdessen nicht, im Deutschlandfunk-Interview satte Gewinnzuwächse der Konzerne zu rechtfertigen: Sie müssen kräftig investieren, und wovon sollen sie das wohl bezahlen ohne ordentlich Geld im Säckel?

Richtig viel Geld kosten Schnellladesäulen, welche zu Energiekonzernen sich wandelnde Mineralölriesen gern an strategisch günstig gelegenen Tankstellen installieren möchten, wie Jürgen Ziegner erläutert. Dafür sind beeindruckend dicke Kabel nötig, die muss man erst verlegen, dann die Ladesäulen selbst, Sicherheitsaspekte – eben der ganze Rattenschwanz, an den man zuerst gar nicht denkt.

Die einen gewinnen, andere verlieren

Übergangszeiten sind immer mit Unsicherheiten verbunden, und immer gewinnen welche, während andere verlieren. Vermutlich werden nicht alle Tankstellen die Zeitenwende überleben respektive ihr Angebot so anpassen können, dass ihnen eine Perspektive bleibt. Noch hält sich das Netz mit rund 14.500 Tankstellen deutschlandweit recht stabil, sagt Ziegner. Seit fünf Jahren etwa stagniere die Zahl der Tankstellen. Pauschal lässt sich nicht sagen, wer am besten durch Krisen kommt, zumal auch kleine, etwa an Autowerkstätten angeschlossene Tankstellen mit einem kleinen Shop durchaus genügend Vorteile für einen Stammkundenkreis bieten können, womit ihr Auskommen gesichert sein könnte.

Steigende Preise führen mitnichten zu höheren Gewinnen bei den Tankstellenbetreibern, darauf weist Verbandsgeschäftsführer Ziegner mit Nachdruck hin. Die Margen der Tankstellen lagen seinen Angaben zufolge Anfang des Jahres höher als jetzt. Ferner liegen die Absatzzahlen noch immer „erheblich“ unter jenen aus Vor-Corona-Zeiten, berichtet Ziegner: Videokonferenzen gehören jetzt zum Alltag, Home-Office auch, das wirkt sich an den Zapfsäulen aus. Zudem merkt die Branche, dass immer mehr Elektroautos und mehr sparsame Autos unterwegs sind.

Benzin wird in die USA verschifft

Der Verbandschef schlägt dann noch den ganz großen Bogen, weil Benzin nun mal aus Öl gemacht wird, und der Öl-Markt ist ein globaler. Schon bevor man über ein Öl-Embargo gegen Russland nachdachte, suchten Einkäufer nach anderen Quellen, die aber mit höheren Transportkosten verbunden sind. Raffinerien können recht frei ihre Preise erhöhen, weil sie sowieso genügend Abnehmer finden. Zum Beispiel schippern aktuell Benzinprodukte in großen Mengen über den Teich: In den USA beginnt die „Autofahrsaison“.

Ferner fließt in schwierigen Zeiten wie diesen ein Angst- und Risikoaufschlag in die Preise ein. Wie groß der ist, das allerdings „entzieht sich meiner Kenntnis“, schiebt Jürgen Ziegner hinterher. Trotz allem, auch das vergisst er nicht zu erwähnen: Tankstellenbetreiber/-in sei „eigentlich ein schöner Beruf. Man hat viel Kundenkontakt“.

Einst nahmen sie ein Fernglas zur Hand zwecks Preis-Check bei der Konkurrenz. Heute genügt ein Blick aufs Handy: Was kostet momentan der Sprit bei wem?

Derzeit reagiert vielleicht ein wenig ungehalten, wer den Preisen beim Klettern zuschaut. Der Tankrabatt? Wo ist der abgeblieben?

„Ich hab' eine breite Schulter. Das muss man gelassen sehen“, sagt Lothar Ulrich, den keine Schuld trifft. Als „Verwalter“ der MTB-Tankstelle in Winnenden hat er keinen Einfluss auf die Spritpreise.

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper