Rems-Murr-Kreis

Tschüss, Katholische Kirche: Traumatherapeutin begleitet Menschen nach Austritt

Symbolfotokirche
Freie Plätze in Kirchenbänken sind in großer Zahl vorhanden. © Gaby Schneider

Die Katholische Kirche zerlegt sich selbst und muss sich nicht wundern, wenn mehr und mehr ihrer Schäfchen die Weide verlassen. Voll Häme einer Truppe von Unbelehrbaren zuzuschauen, die Missbrauch in den eigenen Reihen dulden und decken und Reformen nach Kräften verhindern – das ist nicht schwer. Als Außenstehende(r) wendet man sich ab, macht selbst bei Städtetouren mittlerweile einen großen Bogen um Kirchen, die man früher zumindest betreten und besichtigt hätte, wenn auch schaudernd. Als Katholik/-in kommt man nicht so leicht davon, ganz besonders dann nicht, wenn man diese Kirche ein Leben lang als haltgebende Heimat, als spirituellen Anker empfunden hat.

Gefühl der Heimatlosigkeit

Die katholische Erwachsenenbildung Rems-Murr prescht jetzt mit einem Angebot nach vorn, das einst undenkbar war: Sie lädt Menschen, die sich von der Katholischen Kirche verabschiedet haben oder diesen Schritt planen, zu einer „Trauergruppe“ ein.

Eine Traumatherapeutin leitet dieses Gesprächsangebot – man höre und staune, so schlimm scheint es zu sein. Kirchenkritisch und verständnisvoll klingt bereits die Ankündigung: „Obwohl sie Ihnen viel bedeutet hat, haben Sie Ihrer Kirche den Rücken gekehrt? Entwicklungen schmerzten, Werte wurden verletzt, Sie finden dort keine Heimat mehr, haben den Eindruck, dass Sie die Kirche in Ihrem Glauben eher hindert als fördert. Das schmerzt.“

Schmerz, Wut und Trauer

Die katholische Erwachsenenbildung möchte Menschen, die sich im Zuge ihres Austritts mit ähnlichen Gefühlen quälen, eine Möglichkeit bieten, sich mit anderen auszutauschen, den Schmerz und die Wut und die Trauer auszudrücken – und nach vorn zu blicken. Die Traumatherapeutin und systemische Beraterin Gabriele von Butler lädt jedenfalls laut Ankündigung ein, sich zusammen auf den Weg zu machen und für sich einen guten Verarbeitungs- und Trauerprozess anzustoßen und neue Wege zu finden. Wer austritt, ist womöglich an „veralteten und scheinbar unverrückbaren Strukturen“ verzweifelt, „an der Weigerung von Verantwortlichen, sich mit begangenem Unrecht auseinanderzusetzen, und an Haltungen, in denen viele die Liebe und Barmherzigkeit Gottes nicht mehr zu erkennen vermögen“, wie die katholische Erwachsenenbildung weiter schreibt. „Kirche ade – was nun?“, so hat sie die Gesprächsreihe betitelt.

Selbst hartgesottenen Katholik/-innen wurde es zu viel 

Als Ex-Papst Benedikt XVI. vor wenigen Wochen der Lüge überführt war, als in München ein neues Gutachten zum Missbrauch in der Katholischen Kirche veröffentlicht wurde – wurde es offenbar selbst hartgesottenen Katholik/-innen endgültig zu viel. Medienberichten zufolge stieg die Zahl der Austritte anlässlich dieser neuerlichen extremen Enttäuschungen sprunghaft an.

Wer der Kirche den Rücken wendet, gibt auch den Glauben an deren Reformfähigkeit auf. Für Reformen kämpfen unterdessen ungeachtet aller Hindernisse und Rückschläge Frauen, die sich der Katholischen Kirche trotz allem eng verbunden fühlen – und fundamentale Veränderungen ersehnen. Dafür steht die Bewegung „Maria 2.0“, die innerhalb kurzer Zeit zu einem deutschlandweit aktiven Netzwerk herangewachsen ist.

"Kämpfen wollen wir!"

„Für uns alle ist ein stillschweigender Austritt keine Option“, heißt es auf den Internetseiten von Maria 2.0 in Münster: „Kämpfen wollen wir!“ – unter anderem für eine Kirche, in der alle Menschen Zugang zu Ämtern haben und in der „Mannsein“ nicht mit Sonderrechten verbunden ist. Die Frauen wollen geteilte Macht, umfassende Aufklärung der Missbrauchstaten und eine Kirche ohne Pflichtzölibat. Sie wollen, dass Täter zur Rechenschaft gezogen werden, dass die offiziell gelehrte Sexualmoral als „lebensfremd und diskriminierend“ erkannt und entsprechend verändert wird – und noch vieles mehr: Gegen „Prunk, dubiose Finanztransaktionen und persönliche Bereicherung kirchlicher Entscheidungsträger“ wenden sich die Frauen: „Die Kirchenleitung hat ihre Glaubwürdigkeit verspielt.“

Die Katholische Kirche zerlegt sich selbst und muss sich nicht wundern, wenn mehr und mehr ihrer Schäfchen die Weide verlassen. Voll Häme einer Truppe von Unbelehrbaren zuzuschauen, die Missbrauch in den eigenen Reihen dulden und decken und Reformen nach Kräften verhindern – das ist nicht schwer. Als Außenstehende(r) wendet man sich ab, macht selbst bei Städtetouren mittlerweile einen großen Bogen um Kirchen, die man früher zumindest betreten und besichtigt hätte, wenn auch schaudernd. Als

Das Wichtigste aus der Region
  • Abo jederzeit kündbar
  • Ein Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
  • Täglicher Newsletter aus der Redaktion