Rems-Murr-Kreis

Tunnel-Lösung für Nordostring? Pro und Contra

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Symbolbild. © Alexander Roth
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Redakteur Peter Schwarz.

Waiblingen.
Mit einer kühnen Idee ist Dr. Rüdiger Stihl am Dienstag an die Öffentlichkeit getreten: Er wirbt für ein "Landschaftsmodell Nordostring". Seinen Plänen zufollge soll eine vierspurige Straße von der B 10/B 27 bei Kornwestheim bis zur B 14/B 29 bei Waiblingen auf rund elf Kilometern Länge nahezu komplett als Tunnel verlaufen. Was spricht dafür, was dagegen? Chefredakteur Frank Nipkau und Redakteur Peter Schwarz vertreten unterschiedliche Positionen:

Pro: Ein Signal gegen den Stauwahnsinn

Ein Kommentar von Frank Nipkau

Wer neue Straßen ablehnt, der kämpft in Wirklichkeit für einen ökologischen und ökonomischen Wahnsinn: den Status quo in der Stauregion Stuttgart. Mehr als 100 Stunden haben die Autofahrer 2018 im Stuttgarter Stauwahnsinn verloren. Verkehrsexperten bewerten dies mit Kosten von mehr als 900 Euro pro Fahrer. Stuttgart ist allein deshalb nicht mehr Stauhauptstadt in Deutschland, weil es in Berlin und Hamburg noch schlimmer geworden ist.

Jetzt liegt ein neuer Vorschlag für den Nordostring von Waiblingen nach Kornwestheim auf dem Tisch. Dieser Vorschlag bringt eine völlig neue Qualität in die Debatte um Straßenneubau. Denn zum ersten Mal plädieren prominente Wirtschaftsvertreter klar und deutlich für den Gleichklang von Landschaftsschutz und Straßenbau.

Dieser Vorschlag entschärft nicht nur die unmöglichen Dauerstaus vor der Wilhelma Richtung Pragsattel, im lärmgeplagten Hegnach oder in Remseck. Er verbessert sogar die ökologische Lage, indem ein Großteil der Waiblinger Westumfahrung unter der Erde verschwindet. Das Schmidener Feld bleibt als Freifläche erhalten.

Natürlich kommt jetzt noch das Standard-Gegenargument, dass der Lkw-Schleichverkehr von der A 7 über die B 29 zunimmt, wenn der Nordostring kommt. Aber auch das lässt sich lösen, etwa durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der B 29 mit Tempo 80. Die Anwohner im Remstal würden das begrüßen.

Das Problem, das jetzt entsteht, ist: Ein qualitativ neuer Vorschlag stößt auf eine ritualisierte Debatte. In Fellbach, einer reichen Stadt, die die Solidarität der Region nicht braucht, pflegt man weiter seine Feindbilder. Die Grünen werden im Vorfeld der Landtagswahl den Vorschlag ablehnen. Die CDU wird ihn unterstützen und dabei unterschlagen, dass der Straßenbau nicht zuletzt an der Fellbacher CDU gescheitert ist.

Vermutlich wird die politische Vernunft erst nach der Landtagswahl im kommenden Jahr zurückkehren. Und dann hätte dieser neue Plan vielleicht doch eine Zukunft. Denn es ist in unser aller Interesse, den ökologischen und ökonomischen Wahnsinn in der Stauregion Stuttgart zu beenden.


Contra: Mehr Straßen, mehr Autos

Ein Kommentar von Peter Schwarz

Wir ersticken in Blechlawinen? Kein Problem – bauen wir einfach mehr Straßen! Wie super das klappt, sieht man an der Waiblinger Westumfahrung: Dank ihr sollte alles reibungsfrei flutschen; in Wahrheit klemmt es fast täglich. Das Phänomen ist nicht neu und vielfach gut beschrieben, man nennt es induzierten Verkehr: Wenn es mehr Straßen gibt, führt das nicht dazu, dass der bestehende Autoverkehr sich besser verteilt und anders sortiert; sondern dazu, dass mehr Leute ins Auto steigen als bisher. Wozu sich auch in die überfüllte, unpünktliche S-Bahn zwängen, wenn’s auf Asphalt vierspurig geht? Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten – der Spruch mag abgedroschen sein; richtig ist er allemal.

Noch eine Binsenweisheit: Wo neue großräumige Straßenverbindungen entstehen, wird der Fernverkehr angelockt. Eine Quasi-Autobahn von Kornwestheim über den Nordostring und weiter über eine bald wohl auch ab Gmünd vierspurig ausgebaute B 29 nach Aalen wäre eine attraktive Alternative zu A 6 und A 8. Folge: Die Anwohner im Remstal hätten den Lkw-Lärm und die Abgase zu fressen. Und dann? Tempo 100 einführen? Oder gleich Tempo 80? Darf’s noch etwas weniger sein? Den Verkehr, den wir hier fröhlich ködern, da verzweifelt wieder einbremsen? Schräg.

Die Pkw auf deutschen Straßen sind im Durchschnitt mit 1,4 Personen pro Fahrzeug besetzt – und da sind all die Väter und Mütter, die ihre Kinder nebst deren Freunden irgendwohin fahren, schon mit eingerechnet! Im Berufsverkehr liegt der mittlere Besetzungsgrad gar nur bei etwa 1,1 Personen. Ein Auto pro Nase ... Man kann, um diesem automobil-autistischen Unsinn auch noch den roten Tunnel-Teppich auszurollen, natürlich für 1,2 Milliarden Euro elf unterirdische Kilometer bauen – oder man kann endlich ähnlich viel Fantasie und Power in echte Alternativen stecken. Ständig zunehmender Autoverkehr nämlich ist kein Naturgesetz. Helfen würden, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, unter anderem Tangential-Linien bei der S-Bahn, Strecken also, die nicht durchs Nadelöhr Stuttgart führen, sondern Städte in der Peripherie direkt verbinden. Das würde Pendler von der Straße auf die Schiene locken. Liebe Unternehmen, ich bitte um Geld für Machbarkeitsstudien.

Waiblingen.
Mit einer kühnen Idee ist Dr. Rüdiger Stihl am Dienstag an die Öffentlichkeit getreten: Er wirbt für ein "Landschaftsmodell Nordostring". Seinen Plänen zufollge soll eine vierspurige Straße von der B 10/B 27 bei Kornwestheim bis zur B 14/B 29 bei Waiblingen auf rund elf Kilometern Länge nahezu komplett als Tunnel verlaufen. Was spricht dafür, was dagegen? Chefredakteur Frank Nipkau und Redakteur Peter Schwarz vertreten unterschiedliche

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