Rems-Murr-Kreis

Unfallflucht ist eine Straftat: "Verantwortungslose Zeitgenossen mehr an den Pranger stellen"

Unfallflucht
Jonathan Bezabih aus Hegnach hat den Verursacher des Schadens an seinem BMW nicht ausfindig machen können. © Alexandra Palmizi

„Tiefste Verachtung“ empfindet Gerd Bräckle aus Waiblingen für Unfallflüchtige. Es vergeht kein Tag, an welchem die Polizei nicht meist von mehreren Unfallfluchten berichtet. Nach einer entsprechenden Berichterstattung in dieser Zeitung von Anfang November meldeten sich Betroffene – unter ihnen Gerd Bräckle: Er hat mehr als nur einen Blechschaden zu beklagen. Ein Schlüsselbeinbruch schmerzt permanent; Bräckle rechnet mit sechs Wochen Heilungsdauer „und wahrscheinlich sich daran anschließenden Reha-Maßnahmen“.

Am Vormittag des 27. Oktober war Bräckle mit seinem Motorrad auf der Stuttgarter Straße in Waiblingen Richtung Waiblinger Tor unterwegs gewesen. Der Fahrer eines weißen Mercedes Sprinter nahm ihm, wie Bräckle berichtet, an der Einmündung der Neuen Rommelshausener Straße die Vorfahrt. „Ich bremste stark ab, konnte den Zusammenprall aber nur durch ein Ausweichmanöver verhindern, bei dem ich dann gestürzt bin“, berichtet der Waiblinger. Der Sprinter-Fahrer sei „ungeniert“ Richtung Obi abgebogen und „mit Vollgas durch die sich anschließende 30er-Zone abgehauen“. Den Schaden am Motorrad beziffert Bräckle auf 1000 Euro. Der Schlüsselbeinbruch wiegt schwerer. Bräckles Anliegen: „ Die körperlichen Unfallfolgen und menschlichen Schicksale durch solche verantwortungslosen Zeitgenossen müssen mehr präsent in der Öffentlichkeit sein und an den Pranger gestellt werden.“

"Das war nicht nur ein kleiner Parkrempler"

Jonathan Bezabih aus Hegnach hatte sich im Frühjahr genau dafür entschieden: Er machte seinen Fall öffentlich. Über Ostern hatte er seinen schwarzen 3er BMW in der Hainbuchenstraße gegenüber vom Kirchenparkplatz in Hegnach geparkt gehabt. Als der damals 26-Jährige am Dienstag nach Ostern zur Arbeit fahren wollte, entdeckte er eine heftige Delle am Auto. „Das war nicht nur ein kleiner Parkrempler“; der Verursacher hatte wirtschaftlichen Totalschaden am BMW hinterlassen.

Bezabih setzte gar eine Belohnung aus für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen würden. Niemand meldete sich, berichtete der Hegnacher jetzt auf Nachfrage. Einige Zeit nach dem Vorfall fragte er noch mal bei der Polizei nach. Es seien keine Hinweise eingegangen, hieß es. Bezabih blieb auf dem Schaden sitzen; eine Vollkaskoversicherung hatte er für den relativ alten Wagen nicht abgeschlossen.

Knapp 40 Prozent der Unfallfluchten konnte die Polizei vergangenes Jahr aufklären. Jeder Fall muss ans Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg gemeldet werden: Unfallflucht ist eine Straftat, die dort im Fahreignungsregister zehn Jahre lang gespeichert bleibt, wie Sprecher Stephan Immen informiert. Drei Punkte erhält ein Unfallflüchtiger ferner in Flensburg – mehr darf das Amt für einen Vorfall nicht vergeben, so Immen weiter. Ab acht Punkten muss ein Fahrer den Führerschein abgeben.

Polizei kann Infos aus dem zentralen Fahrzeugregister einholen

5569 Fälle von „unerlaubtem Entfernen vom Unfallort“, wie es korrekt heißt, verzeichnete das Kraftfahrt-Bundesamt 2019 für Baden-Württemberg. Damit lag die Zahl um 1,5 Prozent unterm Vorjahreswert. Mehr als 36 000 Unfallfluchten wurden im vergangenen Jahr in ganz Deutschland gezählt – ein Plus von zwei Prozent im Vergleich zu 2018.

Das Kraftfahrt-Bundesamt leistet bei den Ermittlungen nach Unfallfluchten wertvolle Dienste. Im zentralen Fahrzeugregister sind alle Fahrzeuge erfasst, die in Deutschland mit einem amtlichen Kennzeichen zugelassen sind, erläutert Sprecher Stephan Immen. Sollte ein Zeuge einen Teil eines Kennzeichens am Wagen eines Unfallflüchtigen erkannt haben und vielleicht noch Angaben zur Farbe und zum Fabrikat des Wagens machen können, spuckt der Computer für die Polizei binnen kurzem alle Fahrzeughalter aus, die, als Beispiel, einen weißen Golf mit dem Kennzeichen WN-B-?? fahren.

Privatpersonen können beim Amt Informationen anfordern

Solche Auskünfte erhält aus Datenschutzgründen nicht jeder Bürger. Doch können Privatpersonen auch Registerauskünfte in Flensburg anfordern. In welchen Fällen sie ein Recht auf Auskunft haben, ist in § 39 Straßenverkehrsgesetz geregelt. Demnach müssen die Zulassungsbehörde oder das Kraftfahrt-Bundesamt Daten übermitteln, „wenn der Empfänger unter Angabe des betreffenden Kennzeichens oder der betreffenden Fahrzeug-Identifizierungsnummer darlegt, dass er die Daten zur Geltendmachung, Sicherung oder Vollstreckung oder zur Befriedigung oder Abwehr von Rechtsansprüchen im Zusammenhang mit der Teilnahme am Straßenverkehr oder zur Erhebung einer Privatklage wegen im Straßenverkehr begangener Verstöße benötigt“. Stephan Immen nennt ein Beispiel: Ein Betreiber eines Discounters könnte die Halterdaten anfordern, sofern auf dem Parkplatz dauernd Anwohner unbefugt ihr Auto abstellen.

Gerd Bräckle hätte mit Blick auf seine Verletzung auch allen Grund, den Halter des weißen Mercedes Sprinter ausfindig machen zu wollen. Nur leider fehlt ihm jeglicher Anhaltspunkt, weshalb ihm nur übrigbleibt, einen Appell an alle zu richten: „Jeder kann einmal einen Fehler machen, aber man muss dazu stehen und darf sich nicht feige davonstehlen und die Opfer rücksichtslos ihrem oft schlimmen Schicksal überlassen.“

„Tiefste Verachtung“ empfindet Gerd Bräckle aus Waiblingen für Unfallflüchtige. Es vergeht kein Tag, an welchem die Polizei nicht meist von mehreren Unfallfluchten berichtet. Nach einer entsprechenden Berichterstattung in dieser Zeitung von Anfang November meldeten sich Betroffene – unter ihnen Gerd Bräckle: Er hat mehr als nur einen Blechschaden zu beklagen. Ein Schlüsselbeinbruch schmerzt permanent; Bräckle rechnet mit sechs Wochen Heilungsdauer „und wahrscheinlich sich daran

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