Rems-Murr-Kreis

Ungewollte Schwangerschaft: Wo bekommen Betroffene neutrale Informationen?

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Nicht immer ist eine Schwangerschaft Grund zur Freude. Ein Tabuthema, das viele betrifft. © Gaby Schneider

„Eine ungewollte Schwangerschaft kann jede Frau und jeden Mann treffen, der oder die sexuell aktiv ist", sagt Britta Grotwinkel von der städtischen Schwangerschaftsberatungsstelle Stuttgart. Jedem der jährlich rund 100.000 Abbrüche in Deutschland geht definitiv eine Konfliktberatung vor. Wie viele Frauen nach erfolgter Beratung sich für die Schwangerschaft entscheiden, ist wegen der gesetzlich gesicherten Anonymität der Frauen bei der Beratung nicht bekannt. Im Rems-Murr-Kreis hat Pro Familia 2021 rund 350 Schwangerschaftskonfliktberatungen durchgeführt. 2022 waren es rund 400, so die vorläufigen Zahlen für das vergangene Jahr.

Die Schwangerschaftskonfliktberatung richtet sich an Betroffene, die ungewollt schwanger sind und nicht wissen, ob sie diese Schwangerschaft fortführen wollen. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe, beispielsweise ein auffälliger Befund bei der vorgeburtlichen Diagnostik, eine Schwangerschaft trotz Verhütung bei einer Familie, die schon mehrere Kinder hat oder auch, weil Paare sich trennen oder sich (noch) nicht vorstellen können, eine Familie zu gründen.

Die meisten Abbrüche bei 30- bis 35-jährigen Frauen

Es kommen keinesfalls nur junge Mädchen: „Mehr als die Hälfte der ungewollt schwangeren Frauen sind über 30 Jahre alt“, sagt Christiane Bomert, akademische Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Tübingen. Die meisten Abbrüche würden bei 30- bis 35-jährigen Frauen durchgeführt, danach folge die Gruppe der 25- bis 30-Jährigen. Diese Zahlen seien seit vielen Jahren relativ konstant.

Stark verändert hat sich hingegen die Versorgungssituation von ungewollt schwangeren Frauen. Beispiel Stuttgart: „Von den rund 3000 Arztpraxen in Stuttgart sind 190 gynäkologische Praxen. Gerade einmal drei davon führen Schwangerschaftsabbrüche durch.“ Innerhalb der letzten fünf Jahre habe sich die Zahl der Praxen, die Abbrüche vornehmen, bundesweit fast halbiert. Im Rems-Murr-Kreis gibt es nach Angaben von Marc Rother von Pro Familia gerade einmal eine Praxis, die medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche vornimmt.

Weite Wege sind durchaus ein Problem. Denn viele der Frauen, die zur Schwangerschaftskonfliktberatung kommen, haben schon Familie und sind zeitlich sehr eingespannt. Sie entscheiden sich wegen finanzieller Unsicherheit, gesundheitlichen Bedenken oder auch Schwierigkeiten in der Partnerschaft gegen ein (weiteres) Kind. Zur schwierigen Versorgungssituation kommt, und für die Frauen oft noch belastender ist, dass Schwangerschaftsabbrüche ein Tabuthema sind. „Es ist schwer, moralisch neutrale und medizinisch korrekte Informationen zu bekommen“, sagt Bomert. Häufig stießen ungewollt schwangere Frauen im Internet eher auf Einzelschicksale und moralisierende Debatten als auf hilfreiche Informationen. „Hinzu kommt das fehlende Recht auf einen Abbruch, Frauen bleiben nur straffrei, wenn sie sich beraten lassen.“ Das muss sich ändern, findet Bomert.

Sie hat ein Forschungsprojekt angestoßen, um mehr über die Bedürfnisse ungewollt schwangerer Frauen zu erfahren und diese Ergebnisse öffentlich zu machen. Zusammen mit neun Beratungsstellen aus der Region Stuttgart, darunter die Beratungsstelle von Pro Familia Waiblingen, hat sie Fragebögen erarbeitet. Herausfinden wollte sie unter anderem, welche Probleme die Beratungsstellen haben, wie die Entscheidungsfindung bei ungewollt Schwangeren für oder gegen einen Abbruch verläuft, wie sich diese Frauen unterstützt fühlen und welche Rolle deren Familien, aber auch Medien bei der Entscheidungsfindung haben.

170 ungewollt schwangere Frauen und 170 Beraterinnen und Berater haben die Fragen beantwortet. Zentrale Erkenntnisse sind laut Bomert, dass insbesondere die Zeit vom Wissen über die Schwangerschaft bis zur Entscheidung eine sehr sensitive Phase ist. In dieser Zeit wünschten sich die Frauen vor allem, gut informiert zu werden. Doch neutrale Informationen zu finden, sei insbesondere für Frauen mit Migrationshintergrund oder einem niedrigen Bildungsgrad schwer: Einerseits falle es ihnen schwer, Informationen im Internet kritisch zu bewerten. Denn dort stoßen sie schnell auf Schreckgeschichten, etwa über das „Post-Abortion-Syndrom“, ein Begriff, der für angebliche negative Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen genutzt wird.

Informationen sind für manche Frauen schwer zu verstehen

Andererseits seien aber auch Webseiten, die medizinisch korrekte Informationen böten, häufig sehr textlastig und deshalb für diese Gruppe manchmal schwer zu verstehen. „Ungewollt Schwangere mit Migrationshintergrund oder einem niedrigen Bildungsgrad nutzen deshalb oft Freunde oder Familienmitglieder als Informationsquelle.“ Dadurch bekämen sie aber häufig nicht die neutralen Informationen, die sie bräuchten – zumal viele der Frauen ohnehin fürchteten, wegen eines Abbruchs gesellschaftlich stigmatisiert zu werden und deshalb nur einem sehr kleinen Kreis aus zwei oder drei Personen von ihrer ungewollten Schwangerschaft berichteten. Ein weiteres, positives Ergebnis des Praxisforschungsprojekts sei, dass sich der Großteil der Frauen gut unterstützt fühle, nur 15 Prozent sahen das anders.

Aus den Ergebnissen ergäben sich nun mehrere Anknüpfungspunkte für Beratungsstellen in der Praxis: „Wir müssen neutral bleiben und selbstkritisch sein“, sagt Rother. Dazu gehöre es, die Balance zwischen einer individuellen Gestaltung jeder Beratung und den gesetzlichen Vorgaben zu finden. „Mir ist durch das Forschungsprojekt noch einmal deutlich geworden, wie wichtig es ist, in jeder Beratung zu fragen, welche Informationen die Frauen bereits haben und fachlich fundiert darüber aufzuklären, was ein Schwangerschaftsabbruch bedeutet“, sagt Grotwinkel. Nicht zuletzt habe das Projekt auch noch einmal deutlich gemacht, dass das Thema ungewollte Schwangerschaft aus der Tabu-Ecke in die Öffentlichkeit getragen werden müsse. Denn jede Frau könne in diese Situation kommen.

„Eine ungewollte Schwangerschaft kann jede Frau und jeden Mann treffen, der oder die sexuell aktiv ist", sagt Britta Grotwinkel von der städtischen Schwangerschaftsberatungsstelle Stuttgart. Jedem der jährlich rund 100.000 Abbrüche in Deutschland geht definitiv eine Konfliktberatung vor. Wie viele Frauen nach erfolgter Beratung sich für die Schwangerschaft entscheiden, ist wegen der gesetzlich gesicherten Anonymität der Frauen bei der Beratung nicht bekannt. Im Rems-Murr-Kreis hat Pro

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